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David Legrand © privat, Zeichnung MiG

Schule und soziale Herkunft

Wie man das Bildungssystem retten kann

Die Empfehlungen der Wissenschaftlichen Kommission der Kultusministerkonferenz zum Umgang mit dem Lehrermangel fördern die Kopplung von Bildungserfolg und sozialer Herkunft. Es gibt besser Optionen.

Von Dienstag, 21.02.2023, 15:00 Uhr|zuletzt aktualisiert: Dienstag, 21.02.2023, 10:24 Uhr Lesedauer: 5 Minuten  |  

Die Ständige Wissenschaftliche Kommission der Kultusministerkonferenz (SWK) zeichnet ein düsteres Bild für die kommenden 20 Bildungsjahre. Der Lehrermangel ist eklatant; auf dem Land noch schlimmer als in urbanen Lebensräumen. Die SWK spricht verschiedene Empfehlungen zum Umgang mit dem akuten Lehrkräftemangel aus.

Demnach sollen zum Beispiel „Beschäftigungsreserven“ bei Lehrkräften erschlossen werden, indem sich die Unterrichtsverpflichtung erhöht, Lehrkräfte an Regionen mit besonderem Bedarf abgeordnet werden und der Ruhestandseintritt angepasst wird. Teilzeit soll begrenzt werden. Die Kommission spricht hier von einer „maßvollen Aufstockung aller teilzeitbeschäftigten Lehrkräfte“. Weiterhin wird von der SWK im Hybridunterricht großes Potenzial gesehen, um zwei Kurse simultan von derselben Lehrkraft unterrichten zu lassen. Auch sollen Klassen vergrößert werden. Das bedeutet für alle Lehrkräfte eine erhebliche Mehrarbeit und Mehrbelastung: größere Klassen bedeuten mehr Gespräche mit Eltern und Schüler:innen und mehr Klausurkorrekturen.

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Um der Mehrbelastung und der Mehrarbeit entgegenzuwirken wird vorgeschlagen, dass Lehrkräfte durch Studierende und andere nicht qualifizierte Lehrpersonen unterstützt werden. Daneben sollen sich die Selbstlernzeiten der Schüler:innen erhöhen und Modelle des Quer- und Seiteneinstiegs weiterentwickelt werden – nicht ausgebildete Lehrkräfte sollen also möglichst niederschwellig und kurzfristig eigenständig unterrichten. Der zu erwartenden Mehrbelastung der Lehrkräfte soll nach Vorstellung des Expertengremiums mit vorbeugenden, präventiven Maßnahmen, zum Beispiel in Form von Achtsamkeitstrainings und eMental-Health-Angeboten entgegengewirkt werden.

„Die kommenden 20 Bildungsjahre scheinen steinig, nervenaufreibend und frustrierend für alle beteiligten Akteure zu werden; ob Schüler:innen, Lehrkräfte oder Eltern.“

Es muss sich für viele Akteure aus der Bildungslandschaft, insbesondere nach den Herausforderungen um die Corona-Pandemie, surreal anfühlen, wenn man mit solchen Vorschlägen konfrontiert wird. Mechanismen der inneren Kündigung und Demotivation dürften naheliegende Folgen solcher Maßnahmen sein, welche die Rahmenbedingungen an Schulen, um fruchtbare Lernprozesse zu initiieren, weiter verschlechtern.

Die kommenden 20 Bildungsjahre scheinen steinig, nervenaufreibend und frustrierend für alle beteiligten Akteure zu werden; ob Schüler:innen, Lehrkräfte oder Eltern. Die Belastung für Lehrkräfte steigt weiter massiv, obgleich Mußmann und Hartwig in ihrer 2022 veröffentlichten und vielbeachteten Studie in Bezug auf Arbeitszeiten und Arbeitsbelastungen konstatierten „Eine Mehrheit der Lehrkräfte in Deutschland arbeitet seit Jahrzehnten oberhalb arbeitszeitrechtlicher und tariflicher Normvorgaben. Sie leisten Mehrarbeit, sowohl bezogen auf Schulwochen, als auch auf Jahresarbeitszeiten. Teilzeitkräfte bringen überproportional hohe Mehrarbeitsanteile ein“.

Auch die von der SWK angeregten homöopathischen Entlastungen werden sich im Arbeitsalltag der Lehrkräfte kaum bemerkbar machen. Der angeregte kurzfristige, niederschwellige Einstieg von Quereinsteigern und die Unterstützung von Studierenden wird die Arbeitsbelastung der Lehrkräfte zunächst sogar noch erhöhen und die Qualität des Unterrichts reduzieren. Neue Kräfte müssen begleitet und eingearbeitet werden und haben nicht den Ausbildungshintergrund wie ausgebildete Lehrkräfte.

„Kleine heterogene Klassen, mehr Lehrpersonal, das binnendifferenziert unterrichtet und belgeitet, fördern die Entkopplung von Bildungserfolg und sozioökonomischer Herkunft. Die vorgeschlagenen Maßnahmen der SWK dürften diese Kopplung hingegen weiter verschärfen.“

Seit Jahrzehnten ist klar, dass unser Schulsystem selektiv ist, soziale Ungleichheiten reproduziert und die Kopplung von sozioökonomischer Herkunft und erlangten Kompetenzen in Deutschland gegenüber anderen Ländern besonders stark ausgeprägt ist. Das haben zum Beispiel die PISA- und IGLU-Studien seit den 2000er Jahren eindrucksvoll aufgezeigt. In diesem Zusammenhang wäre es geboten, dass Klassen kleiner und Schüler:innen von mehr qualifizierten Lehrkräften binnendifferenziert begleitet werden.

Länder wie Finnland zeigen auf, dass es anders geht: kleine heterogene Klassen, mehr Lehrpersonal, das binnendifferenziert unterrichtet und belgeitet, fördern die Entkopplung von Bildungserfolg und sozioökonomischer Herkunft. Die vorgeschlagenen Maßnahmen der SWK dürften diese Kopplung hingegen weiter verschärfen. Selbstlernphasen und hybride Formen des Unterrichts verlagern Verantwortlichkeiten von der Schule hinein ins Elternhaus; insofern gewinnt die soziale Herkunft weiter an Bedeutung. Schüler:innen, deren Eltern nicht die Möglichkeit haben, Selbstlernphasen und Hybridunterricht zu belgeiten und zu unterstützen, werden benachteiligt und Chancenungleichheiten verschärfen sich weiter.

Bei der Frage, was in dieser verfahrenen Situation unternommen werden kann, muss man sich zwei Aspekte genauer ansehen: das System Schule und die Attraktivität des Berufsbildes der Lehrer:innen. Wenn man die von der SWK vorgeschlagenen Maßnahmen umsetzt, wird sich das Problem des Lehrkräftemangels verstetigen. Immer weniger Menschen werden Interesse daran haben, Lehramt unter solchen Bedingungen zu studieren. Stattdessen muss das Berufsbild der Lehrkraft attraktiv gestalten werden. Dafür braucht es gute Rahmenbedingungen wie beispielsweise kleine Klassen, Planbarkeit, eine adäquate Unterrichtsversorgung sowie eine gute Vereinbarkeit von Familie und Beruf.

„Gerade in dieser Zeit, in der wir umfangreiche Informationen mit wenigen Mausklicks erhalten können, braucht es einen Paradigmenwechsel im System Schule.“

Ein Ausweg aus der aktuellen Misere verschafft ein Blick auf das Curriculum. Hier sollte man evaluieren, welche Unterrichtsinhalte herausgekürzt und wo Unterrichtsstunden gestrichen werden können. Qualität statt Quantität: Das entlastet Lehrkräfte und würde die Unterrichtsversorgung sicherstellen. Gleichzeitig sollten die weniger unterrichteten Stunden durch andere Formen des stärker interessen-, handlungs- und erlebnisorientierten sowie partizipatorischen Lernens ersetzt werden. Denkbar sind hier zum Beispiel Seminarformen zu Themen der Politischen Bildung, die von externen Akteuren aus der Kinder-, Jugend- und Erwachsenenbildung begleitet werden. Arbeitsgemeinschaften zur Bildung für nachhaltige Entwicklung wären in einem solchen Setting ebenso umsetzbar.

Oskar Negt plädiert dafür, das Lernen weniger auf ein Verfügungswissen hin auszurichten, sondern den Schwerpunkt eher auf ein partizipatorisches Wissen zu legen, das sich in Lernprozessen angeeignet wird. Gerade in dieser Zeit, in der wir umfangreiche Informationen mit wenigen Mausklicks erhalten können, braucht es einen Paradigmenwechsel im System Schule. Zentral sind heute vielmehr Kompetenzen, die eine kritische Urteil-, Analyse- und Handlungsfähigkeit ermöglichen. Und genau hier könnten die skizzierten Seminarformate, die den gekürzten curricularen Unterricht kompensieren, ansetzen. Meinung

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