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Frau verkauft Handwerkskunst Indigener auf dem Wochenmarkt in Ecuador © 123rf.com

Kolonialismus, Assimilation, Vertreibung

Entwicklungsministerium will sich mehr für Rechte Indigener einsetzen

Wenn von Religionsfreiheit gesprochen wird, denken die wenigsten an indigene Völker. Das Entwicklungsministerium will das ändern. Ein früherer Minister Ecuadors macht unterdessen einen Vorschlag zur Rettung des Amazonas und seiner Bewohner.

Montag, 21.11.2022, 21:00 Uhr|zuletzt aktualisiert: Montag, 21.11.2022, 16:51 Uhr Lesedauer: 3 Minuten  |  

Das Entwicklungsministerium will sich stärker für indigene Völker und ihre Spiritualität einsetzen. Ministerin Svenja Schulze (SPD) sagte am Montag in Berlin bei einer Konferenz in ihrem Haus mit dem Titel „Spirituelles Erbe und geerbte Konflikte – Indigene und ihre Religionsfreiheit“, trotz ihres umfangreichen Wissensschatzes etwa im Umgang mit der Natur werde die Urbevölkerung von viel zu großen Teilen der Politik noch zu wenig gehört. Der Beauftragte der Bundesregierung für Religions- und Weltanschauungsfreiheit, Frank Schwabe (SPD), sprach sich für eine Debatte aus, „ob die bestehenden Mechanismen und die Instrumente der Entwicklungszusammenarbeit für den Schutz der Religionsfreiheit Indigener ausreichend sind“.

Weltweit gibt es nach Angaben der Vereinten Nationen schätzungsweise 476 Millionen Indigene, die zu mehr als 5.000 Gruppen gehören und in mehr als 90 Ländern leben. Die Sonderberichterstatterin der Vereinten Nationen für Religionsfreiheit, Nazila Ghanea, verwies auf ein grauenvolles Vermächtnis, geprägt von Erfahrungen im Zuge des Kolonialismus sowie von systematischer Assimilation, also Angleichung, und Vertreibung.

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Per Video zugeschaltet war der Menschenrechtsverteidiger Elias Kimaiyo Kibiwot, der der indigenen Bevölkerungsgruppe der Sengwer in Kenia angehört. Er berichtete darüber, wie sogar Naturschutz benutzt wird, um sein Volk zu vertreiben. „Wir werden immer wieder vertrieben, obwohl wir diejenigen sind, die unsere Wälder schützen“, sagte er und forderte, dass Naturschutzgebiete mit Landrechten für Indigene ausgestattet werden und dass Kenia das Übereinkommen 169 der Internationalen Arbeitsorganisation (ILO) unterzeichnet. Das Übereinkommen regelt unter anderem, dass die eingeborenen und in Stämmen lebenden Gemeinschaften angehört werden müssen, wenn es um ihre Gebiete geht.

Indigene Kinder gewaltsam umerzogen bis in die 1990er

Der spirituelle Führer der Algonquin Nation in Kanada, Chief Dominique Rankin, sprach von seinem langen und schweren Heilungsprozess angesichts seiner Jahre in einer Internatsschule. In Kanada wurden indigene Kinder nach Willen von Regierung und Kirchen noch bis in die 1990er-Jahre hinein fernab von der eigenen Familie gewaltsam umerzogen.

Der russische Menschenrechtsanwalt Alexey Pryanishnikov berichtete wiederum von der „verschwindenden“ indigenen Kultur in Russland. Dort habe der Bergbau Vorrang. Die Urbevölkerung habe keine Rechte, keinen Schutz durch das Gesetz, sagte er. Für sie bleibe nur die Migration.

Ex-Energieminister: Kein Fortschritt mit Abbau natürlicher Ressourcen

Der Kardinal Alvaro Leonel Ramazzini aus Guatemala erzählte indes von einem Wandel in der katholischen Kirche im Umgang mit indigenen Gemeinschaften. Früher seien sie als Heiden angesehen und ihre Kultstätten verboten worden. Nach dem Zweiten Vatikanischen Konzil habe es allmählich einen Mentalitätswechsel gegeben. Das Verhältnis von katholischer Kirche und Indigenen beschrieb er als Verhältnis des gegenseitigen Kennenlernens. Auch wenn es nicht einfach sei, versuche die Kirche einen offenen Dialog zu führen. Das Zweite Vatikanische Konzil (1962-1965) steht für Erneuerung in der katholischen Kirche und Anpassung an die Verhältnisse der Gegenwart.

Ecuadors ehemaliger Energieminister, Alberto Acosta Espinosa, erinnerte sich an seine Zeit als Manager bei der staatlichen Ölgesellschaft vor mehr als 40 Jahren zurück. Im Laufe der Jahre habe er gemerkt, dass der Abbau natürlicher Ressourcen nicht zu Fortschritt führen, sondern die Probleme verschärfen würde. Ecuador exportiere seit 50 Jahren Öl aus dem Amazonasgebiet. Das sei die ärmste und die am meisten verschmutzte Region des Landes. Zwei indigene Stämme seien von dort inzwischen verschwunden. Er schlug vor, alle Außenschulden der Amazonasländer zu tilgen unter der Bedingung, dass der Amazonas und seine indigenen Völker geschützt werden. (epd/mig)

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