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Prag/Tschechien © 123rf.com

Tschechien

Geflüchtete aus der Ukraine sollen Fachkräftemangel beheben

Tschechien nimmt in der EU besonders viele Geflüchtete aus der Ukraine auf. Sie haben das Recht, einer Arbeit nachzugehen. Aber oft scheitern die Kriegsgeflüchtete: Weil sie nicht die richtige Qualifikation haben oder die Sprache nicht können.

Von Mittwoch, 14.09.2022, 15:00 Uhr|zuletzt aktualisiert: Mittwoch, 14.09.2022, 14:49 Uhr Lesedauer: 3 Minuten  |  

Die Geschichte von Tetjana Javnykova machte in Tschechien Schlagzeilen: Die Kardiologin aus der ukrainischen Stadt Krementschuk war mit ihrem Sohn nach Tschechien geflohen – und machte dort eine bemerkenswerte Karriere. Innerhalb kürzester Zeit schaffte sie es, auch in Tschechien wieder als Ärztin zu arbeiten. Im Krankenhaus von Ostrava, der drittgrößten Stadt des Landes, hat sie eine feste Stelle. „Mein Mann ist noch in der Ukraine“, sagte sie der tschechischen Wirtschaftszeitung „Hospodarske Noviny“: „Aber gleich nach dem Ende des Krieges kommt er her zu uns.“

Die Erfolgsgeschichte hat allerdings einen Haken: Sie ist eine große Ausnahme. Rund 400.000 Menschen aus der Ukraine haben seit Beginn des russischen Angriffskriegs im Februar in Tschechien Zuflucht gesucht, heißt es in einer Statistik des Prager Arbeits- und Sozialministeriums. Demnach sind 60 Prozent von ihnen im erwerbstätigen Alter – also weder Schüler noch Rentner. Eine Stelle gefunden haben insgesamt 100.000 von ihnen. Viele müssen sich um ihre Kinder kümmern und können deshalb keine Arbeit annehmen.

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„Auch der Zustrom von Kriegsgeflüchteten aus der Ukraine konnte die unbefriedigende Situation auf dem tschechischen Arbeitsmarkt nicht lösen“, sagte Dagmar Kuzvartová vom tschechischen Industrieverband dem „Evangelischen Pressedienst“. „Das Problem ist, dass das Angebot an freien Stellen üblicherweise nicht mit der Qualifikation korrespondiert. Auch die Sprachbarriere ermöglicht es nicht, ihre Qualifikation zu nutzen.“

Niedrige Arbeitslosenquote in Tschechien

Tschechien kommt im Umgang mit den Ukraine-Geflüchteten eine besondere Rolle zu. Zum einen nimmt das Land im Verhältnis zu seinen zehn Millionen Einwohnern eine besonders hohe Zahl an Geflüchteten auf, zum anderen treffen die Ankommenden auf einen Arbeitsmarkt, der von einem gewaltigen Mangel an Arbeitskräften gekennzeichnet ist. Nirgendwo anders in der EU ist die Arbeitslosigkeit niedriger als in Tschechien (derzeit 3,3 Prozent), die Arbeitsämter melden 300.000 unbesetzte Stellen.

Ukrainer haben viele Jahre einen beachtlichen Teil der Arbeitskräfte in Tschechien gestellt. Selbst das deutsche Lehnwort „Gastarbeiter“ wird für sie häufig gebraucht. Allerdings handelte es sich dabei überwiegend um Männer, die in Fabriken und auf Baustellen arbeiteten.

Lücke in einigen Branchen

Viele von ihnen wurden nach dem russischen Überfall in die ukrainische Armee einberufen. Das Ergebnis auf dem tschechischen Arbeitsmarkt ist eine klaffende Lücke in einigen Branchen – ausgerechnet in Branchen, für die viele der nach Tschechien kommenden Frauen nicht qualifiziert sind. Nach tschechischem Recht ist Geflüchteten aus der Ukraine erlaubt, einer Erwerbstätigkeit nachzugehen.

„In Tschechien herrscht der größte Mangel bei den Berufen Schlosser und Werkzeugbauer“, sagt Dagmar Kuzvartová. Eine Umfrage unter den Mitgliedsunternehmen des Industrieverbands habe gezeigt, dass von den Ukrainern jene Berufe am stärksten nachgefragt seien, die eine niedrige und mittlere Qualifikation erfordern. Es gebe jedoch viele unbesetzte Stellen in höher qualifizierten Positionen, etwa bei Prozesstechnikern, Marketingspezialisten und Softwareentwicklern.

Industrieverband forderte gezielte Verteilung

Um hier den Bedarf zu decken, wünscht sich der Industrieverband von der Regierung mehr Flexibilität: Die administrativen Hürden für die Beschäftigung von Arbeitnehmern aus Nicht-EU-Ländern müssten – auch unabhängig von den ukrainischen Geflüchteten – gesenkt werden. Außerdem fordert der Verband eine gezielte Verteilung von Ukrainern in Regionen, in denen Arbeitskräfte fehlen.

Mit den Schwierigkeiten der Bürokratie macht auch Tetjana Javnykova ihre Erfahrungen, die Kardiologin aus der Ukraine. Ihren Universitätsabschluss hat sie sich schon anerkennen lassen, allerdings ist sie zunächst wie ein tschechischer Hochschulabsolvent eingestuft. Arbeiten darf sie nur unter der Aufsicht von tschechischen Ärzten. (epd/mig)

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