Sowjetparadies, Plakat, Nationalsozialismus, Deutschland
NS-Plakat zur Ausstellung "Das Sowjetparadies" unknown - paid for by Nazi party, Public domain, via Wikimedia Commons

Widerstandsgruppe Baum

Anschlag auf NS-Propagandaschau vor 80 Jahren

Eine Gruppe um den Berliner Juden und Kommunisten Herbert Baum verübte 1942 einen Anschlag auf die NS-Propagandaschau „Das Sowjetparadies“. Etliche Widerständler wurden hingerichtet. In der Bundesrepublik fielen sie aus dem kollektiven Gedächtnis.

Von Dienstag, 17.05.2022, 15:30 Uhr|zuletzt aktualisiert: Mittwoch, 18.05.2022, 5:38 Uhr Lesedauer: 4 Minuten  |  

„Meine lieben Schwiegereltern, nun müsst Ihr zum zweiten Male die traurige Gewissheit erfahren, dass Ihr ein Kind verloren habt; wenn es auch diesmal nur Eure Schwiegertochter ist.“ Die 21-jährige Widerstandskämpferin Marianne Joachim verabschiedet sich in einem Brief am 4. März 1943 von ihrer Familie, bevor sie in Berlin-Plötzensee hingerichtet wird. Ein Jahr zuvor, am 18. August 1942, hatten die Nationalsozialisten bereits ihren Mann Heinz ermordet – wegen der Beteiligung am Brandanschlag auf die NS-Schau „Das Sowjetparadies“.

Es ist Montag, 18. Mai 1942, früher Abend, etwa 19 Uhr. Zwölf junge Leute, die meisten von ihnen Juden, haben die gelben Sterne von ihren Mänteln abgetrennt und gehen in kleinen Gruppen auf den Berliner Lustgarten zu. Sie wollen die zehn Tage zuvor eröffnete NS-Propagandaschau mit dem zynischen Titel „Das Sowjetparadies“ niederbrennen. Herbert Baum (30), ein jüdischer Zwangsarbeiter der Elmo-Werke der Firma Siemens & Schuckert, hat weitere Mitglieder befreundeter kommunistischer Gruppen um Werner Steinbrinck und Joachim Franke um sich versammelt.

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Doch ein Phosphor-Brandplättchen entzündet sich zu früh in einer Manteltasche. Die Attentäter können ihre Brandsätze nicht wie geplant an mehreren Stellen ablegen – und fliehen Hals über Kopf. Statt eines Flammeninfernos entsteht nur ein Schwelbrand. Am Morgen danach öffnet die Ausstellung wieder. In den Tageszeitungen steht nichts darüber.

Erlaubnis vom „Führer“, 500 Juden zu verhaften

Rund 20 Mitglieder der Gruppe werden schon bald verhaftet. Ob sie denunziert wurden, ist unklar. Auch die Zahl der Ermordeten kann nicht präzise angegeben werden. Die Rückseite des Grabsteins von Herbert Baum auf dem Jüdischen Friedhof in Berlin-Weißensee nennt die Namen von 27 in den Jahren 1942 und 1943 Hingerichteten. Das Denkmal im Berliner Lustgarten listet 34 Personen auf. Baum begeht laut Gestapo-Akten am 11. Juni 1942 in Berlin-Moabit Suizid – sicher ist das nicht.

Auch viele unbeteiligte Juden werden in einer Vergeltungsaktion ermordet. Dazu schrieb NS-Propagandaminister Joseph Goebbels in seinem Tagebuch: „Der Führer (hat) mir erlaubt, 500 jüdische Geiseln zu verhaften.“ Das geschah am 28. und 29. Mai. 250 Männer werden im KZ Sachsenhausen erschossen, 250 ihrer Angehörigen in das Ghetto Theresienstadt deportiert, wo die meisten ebenfalls umkommen.

Das sichtbarste Zeichen des jüdischen Protestes

9.000 Quadratmeter groß ist die antisowjetische Schau „Das Sowjetparadies“ direkt gegenüber dem Berliner Dom, die „Armut, Elend, Verkommenheit und Not“ in der Sowjetunion greifbar machen soll. Slawen und Juden werden entsprechend der NS-Doktrin als „Untermenschen“ dargestellt. In acht europäischen Städten haben seit 1941 angeblich drei Millionen Menschen die Inszenierung gesehen.

„Der Brandanschlag war das sichtbarste Zeichen des jüdischen Protestes gegen die nationalsozialistische Diktatur in Berlin“, urteilt der Politikwissenschaftler Johannes Tuchel von der Gedenkstätte Deutscher Widerstand. Die Gruppe wollte, wie er sagt, „die deutsche Öffentlichkeit aufrütteln, zugleich aber auch ein Zeichen ihrer politischen und moralischen Selbstbehauptung setzen“.

Ein loses Bündnis von Idealisten

Die Gruppe um Herbert Baum war ein loses Bündnis von Idealisten, die sich in privaten Wohnungen trafen. Sie hatten meist jüdische Wurzeln, waren aber wie etwa Baum keine gläubigen Juden. Man traf sich konspirativ, pries die sozialistischen Ideale und redete auch über Antisemitismus, Literatur oder Musik. Die genaue Zahl der Anhänger kennt niemand. Manche Quellen nennen bis zu 100 Personen.

„Sie alle verband in erster Linie ihre Freundschaft und ein starkes Interesse für den Kommunismus“, erklärt Daria Ivasenko von der Kreuzberger Initiative gegen Antisemitismus. „Aber sie teilten auch die Erfahrungen von antisemitischer Ausgrenzung und Verfolgung im Nationalsozialismus. Gemeinsam fassten sie den Entschluss, auf verschiedene Arten Widerstand zu leisten – und waren dabei fast völlig auf sich allein gestellt.“

Aus dem historischen Gedächtnis verschwunden

Sie druckten und klebten Plakate, schrieben Parolen auf Hauswände und riefen in Flugblättern zum Umsturz auf. „Soll Hitler wirklich Deutschlands Totengräber werden? Er darf es nicht werden. Fallt ihm gemeinsam mit den antifaschistischen Werktätigen in die Arme. Deutschland wird nicht zu Grunde gehen, wenn Hitler stürzt“ – so der Text eines Flugblatts, gerichtet speziell an die deutschen Ärzte.

Lange Zeit war die Gruppe aus dem historischen Gedächtnis verschwunden – zumindest in Westdeutschland. In der DDR war das anders, doch deren Geschichtsschreibung sei kritikwürdig, sagt die Historikerin Barbara Schieb von der Berliner Gedenkstätte Stille Helden: „Dort wurde der jüdische Widerstand verklärt und verfälscht.“ Die jüdisch-zionistischen Wurzeln der Gruppe habe man verleugnet und sie stattdessen in das Spektrum des „heroischen kommunistischen Widerstands“ eingereiht. Straßen und Schulen wurden nach Baum benannt, am Lustgarten 1981 ein Denkmal errichtet.

Widerständige Juden passten nicht ins Konzept

Die westdeutsche Geschichtswissenschaft hat die Gruppe lange kaum beachtet, oder sie wurde laut dem 2005 gestorbenen Filmemacher Lothar Schuster „einfach der KPD zugeschlagen, obwohl sie keine KPD-Gruppe war“.

„In die bundesdeutsche Erinnerungspolitik passten widerständige Juden nicht ins Konzept, weil sie keine hilflosen Opfer waren“, schreibt die Historikerin Simone Erpel von der Humboldt-Universität zu Berlin auf dem Portal „Lernen aus der Geschichte“. Ebenso wenig habe jedoch das Bild von Juden im Widerstand in die Vorstellung der antifaschistischen DDR gepasst, die einen kommunistischen Kämpfermythos favorisiert und dabei jegliche jüdische Aspekte negiert habe. (epd/mig)

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