Elif Yakac, Islam, Muslim, Islamwissenschaften, Politikwissenschaften
Elif Yakac © privat, Zeichnung: MiGAZIN

Freie Debatte

Vom „Schubladen-Denken“ zum „Regal-Denken“

Unsere Diskussionen werden bestimmt von Schubladen. Wer was sagen darf und welche Wirkung das Gesagte entfaltet, hängt von der Person ab. Das müssen wir ändern.

Von Donnerstag, 17.06.2021, 5:23 Uhr|zuletzt aktualisiert: Mittwoch, 16.06.2021, 16:04 Uhr Lesedauer: 2 Minuten  |  

Es ist lobenswert, dass Probleme auch von Personen zur Sprache gebracht werden, die nicht direkt betroffen sind. Doch viel schöner wäre es, wenn Betroffene sich selbst äußern könnten, ohne dabei in die Opferrolle gedrängt oder in eine Schublade gesteckt zu werden. Worum geht’s?

Der emeritierte Politikwissenschaftler Werner Schiffauer beklagte in einem Interview die sogenannte Kontaktschuld. Er kritisiert, dass islamische Gemeinden schnell unter Generalverdacht gestellt werden, sofern sie Kontakte zu vermeidlich problematischen muslimischen Organisation oder Personen haben. Diese Kritik ist nicht neu. Muslime haben diesen problematischen Schnellschluss schon oft zur Sprache gebracht – und wurden zumeist noch kritischer beäugt. Als dieselbe Kritik aber vom renommierten Professor Schiffauer geäußert wurde, bekam sie Gewicht und wurde – weitestgehend – anerkennend zur Kenntnis genommen.

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Warum ist das so? Außenstehende sind nicht betroffen, mithin können sie nicht so einfach in die Opferrolle gedrängt werden. Sicher, Gegner versuchen sie dennoch in eine Schublade zu stecken, müssen dafür aber deutlich mehr tun. Das am Beispiel von Muslime geschilderte Problem gilt in ähnlicher Weise für viele Bevölkerungsgruppen.

Die Gesellschaft ist aufgrund der Pluralisierung einem starken Veränderungs- und Anpassungsdruck ausgesetzt. Obwohl wir wissen, dass es falsch ist, von „dem Deutschen“, „den Muslimen“, „den Migranten“ usw. zu reden, tun wir es doch – mal mehr, mal weniger. Wir haben das Problem, Vielfalt und Pluralität nicht so zu akzeptieren, wie sie ist. Von der Mehrheit oder von Vorurteilen abweichendes Verhalten und/oder abweichende Ansichten gehen weiterhin mit Unsicherheit, Angst und Ressentiments einher.

Deshalb darf eine Frau Männer-Strukturen nicht hinterfragen, ohne dabei gleich zum männerhassenden Feministen abgestempelt zu werden. Deshalb darf ein alter weißer Mann keine Kritik zur Integrations- und Migrationspolitik äußern, ohne in die rassistische Ecke gedrängt zu werden. Deshalb darf der deutsche Bürger die Corona-Politik nicht bemängeln, ohne dabei als Querdenker oder Verschwörungstheoretiker etikettiert zu werden. Deshalb darf eine muslimische Frau kein Kopftuchverbot kritisieren, ohne dabei in die Opferrolle gedrängt zu werden.

Die Substanz der Kritik wird oft überhaupt nicht diskutiert oder bewertet. So stumpfen wir und unsere Debatten ab. Deshalb: Schluss mit diesem Schubladen-Denken! Es ist höchste Zeit, Regale zu etablieren, in der sich Menschen geistig frei bewegen können, ohne dass ihnen von Außenstehenden bestimmte Meinungen, Positionen, vermeintliche Motive aufoktroyiert werden. Und weil Regale offen sind, muss man sich mit dem sichtbaren Inhalt, dem Argument beschäftigen, statt mit der Hülse Schublade. So könnten echte, freie Diskurse entstehen.

Meinung
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