Clara Herdeanu, Kolumne, MiGAZIN, Sprachrealität, Sprache

"Deutschland. Aber normal."

Wie die AfD versucht, Wähler sprachlich zu überlisten

Kein "Vogelschiss", kein "Jagen", keine "Schande" - die AfD zieht mit drei zahmen Wörtern in den Wahlkampf. Ein sprachwissenschaftlicher Blick zeigt, welchen Mechanismen sich die AfD tatsächlich bedient.

Von Mittwoch, 21.04.2021, 5:24 Uhr|zuletzt aktualisiert: Mittwoch, 21.04.2021, 11:57 Uhr Lesedauer: 6 Minuten  |  

„Deutschland. Aber normal.“ Mit diesen drei kleinen Wörtern zieht die AfD in den Kampf zur Bundestagswahl 2021. Die Partei, die in der Vergangenheit mit aggressiv-populistischen Äußerungen wie „Vogelschiss der Geschichte“ oder „Wir werden sie jagen“ aufgefallen ist, präsentiert sich hier erstaunlich handzahm. Dies sollte Demokrat:innen skeptisch stimmen.

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Schauen wir uns deshalb genauer an, welcher sprachlichen Mechanismen sich die AfD in ihrem Wahlslogan und der begleitenden Kommunikationskampagne bedient.

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Tarnmantel der vermeintlichen Harmlosigkeit

Auf den ersten Blick gibt es bei dem Slogan nichts zu beanstanden. Es werden keine Wörter verwendet, die für sich genommen eine negative Grundbedeutung oder Konnotation haben – kein „Vogelschiss“, kein „Denkmal der Schande“. Die AfD will sich damit für einen größeren Kreis als die eingefleischte Anhängerschaft wählbar machen. Gleichzeitig versuchen sie in Kombination mit ihrem recht radikalen Wahlprogramm den Spagat zu schaffen zwischen bürgerlichem Anbiedern und der Ansprache ihrer rechten Kreise.

„Auf den zweiten Blick ist der Slogan und die dazugehörige Kampagne ein Paradebeispiel für ein unter rechten Populisten beliebtes Sprachmuster – die aufgesetzte und bewusste eingesetzte Harmlosigkeit als Tarnung.“

Auf den zweiten Blick ist der Slogan und die dazugehörige Kampagne ein Paradebeispiel für ein unter rechten Populisten beliebtes Sprachmuster – die aufgesetzte und bewusste eingesetzte Harmlosigkeit als Tarnung: Denn Populisten kommunizieren nicht nur mit provokanten Äußerungen, die ihnen Aufmerksamkeit in der breiten Öffentlichkeit versichern. Genau so wichtig in ihrem Werkzeugkoffer sind die Wörter mit Code-Potenzial und Doppeldeutigkeit (beispielsweise „Rothschilds„) sowie die vermeintlich harmlosen, einlullenden Formulierungen.

Deutungshoheit durch die Hintertür

Der Kampagnenspot der AfD wird eingeleitet von einer Stimme aus dem Off, die fragt: „Normal, was ist das eigentlich heute?“. Das Video liefert die Antwort dazu gleich mit: „Normal ist eine Heimat, sind sichere Grenzen, sind saubere Straßen oder freie Fahrt für freie Bürger – und ja, normal ist auch Deutschland“. Die AfD suggeriert also, dass es zum einen eine einfache Antwort auf die Frage „Was ist heute normal?“ gäbe und dass sie diejenigen seien, die diese Antwort geben können. Alles, was davon abweiche, sei eben nicht normal – und demzufolge auch nicht erwünscht. Wer zum Beispiel mehr als nur eine Heimat habe, sei nicht normal. Wer nicht normal sei, wolle Chaos auf den Straßen. Die AfD könne definieren, was sichere Grenzen seien.

„Die AfD deutet also vermeintlich harmlose Formulierungen um und versucht damit auch im öffentlichen Diskurs die Deutungshoheit an sich zu reißen. Sie könne festlegen, was ’normal‘ sei und was nicht.“

Die AfD deutet also vermeintlich harmlose Formulierungen um und versucht damit auch im öffentlichen Diskurs die Deutungshoheit an sich zu reißen. Sie könne festlegen, was „normal“ sei und was nicht – und dies sei auch gut so. In einer Zeit, in der bislang geltende Normen innerhalb der Gesellschaft infrage gestellt werden und sich weiterentwickeln, ist dies auch eine Botschaft an die eigene Anhängerschaft, dass dies eben nicht normal sei.

Konservative Grunddichotomie: Zivilisation vs. Barbarismus

Gleichzeitig spielt die AfD damit auch auf der Klaviatur der konservativen Grunddichotomie „Civilization vs. barbarism“, die von Arnold Kling in seiner kompakten Handreichung „The Three Languages of Politics“ prägnant durchdekliniert wurde.

Demzufolge teilen konservativ gesinnte Menschen die Welt in ein Grundmuster von Ordnung und Chaos ein. Der Mensch als solcher ist schwach, bedarf strenger Regeln und einer starken Führung, um nicht dem Chaos zu verfallen. Außerdem denken sie, dass die Gesellschaft früher besser war, und fürchten, dass sie nun verkommt. Ohne ihr Einschreiten und das Zurückführen von Ordnung ende sie im Chaos. Demzufolge ist das hier von der AfD definierte „Normale“ eine herbeigesehnte Ordnung, die Orientierung geben soll. Alles, was davon abweicht, ist anormal, ist Chaos.

Einmassierte Wiederholungen als gefährliches Spiel

„Im Nachgang können sie hier stets zurückrudern und sich darauf berufen, dass es ja ’nicht so gemeint gewesen sei‘. Gleichzeitig hat die eingefleischte Anhängerschaft sehr wohl verstanden, was damit beabsichtigt war.“

Neben dem Versuch, die Deutungshoheit an sich zu reißen, und dem indirekten Loblied auf die Ordnung fällt noch ein weiterer Punkt auf, der sich oftmals in der Kommunikation von Populisten beobachten lässt. Sie kombinieren in ihren Äußerungen oftmals zwei Bedeutungsebenen und sprechen zwei Zielgruppen mit unterschiedlichen Kommunikationszielen gleichzeitig an. Es gibt in ihren Aussagen eine offensichtliche, „wörtliche“ Bedeutung für die breite Allgemeinheit bzw. potenzielle Wähler sowie eine indirekte Bedeutungsebene, die sich insbesondere dabei äußert, wenn sie Formulierungen mit Code-Potenzial und Doppeldeutigkeit bemühen wie beispielsweise das „Denkmal der Schande„. Im Nachgang können sie hier stets zurückrudern und sich darauf berufen, dass es ja „nicht so gemeint gewesen sei“. Gleichzeitig hat die eingefleischte Anhängerschaft sehr wohl verstanden, was damit beabsichtigt war. Es ist ein Dog Whistling zur Mobilisierung der Gefolgschaft.

Die einzelnen Kommunikationsanlässe sind dabei oftmals auch nicht mehr in ihrer Singularität wichtig, sondern sind nur noch Anlässe, das eigene Weltbild zu transportieren. Es gibt hierbei demnach auch eine ständige Wiederholung der Topoi, die die eigene Ideologie decken. Diese ständige Wiederholung ist dabei auch nicht umsonst gewählt, denn schließlich führt Wiederholung bei uns Menschen zu Vertrautheit – ein gefährliches Spiel.

Oder um es mit den Worten des Nobelpreisträgers Daniel Kahneman auszudrücken: „A reliable way to make people believe in falsehoods is frequent repetition, because familiarity is not easily distinguished from truth. Authoritarian institutions and marketers have always known this fact“. Durch unzählige Wiederholungen der Kernbotschaften soll die eigene Ideologie in den öffentlichen Diskurs einmassiert und dieser zu ihren Gunsten verschoben werden. Die einzelnen Aussagen verkommen quasi von singulär-denotierenden Bedeutungseinheiten zu multipel-denotierenden Bedeutungseinheiten.

Sprache ist kein unpolitisches Gehege

„Aussagen existieren nicht im luftleeren Raum, sondern stehen stets im Kontext zu ihren sprachlichen und außersprachlichen Zusammenhängen. In diesem Sinne erscheint der vermeintlich unschuldige Slogan dann auch mehr als Spitze des Eisbergs einer umfassenderen Kommunikationsstrategie.“

Nun mag man sich fragen, wie drei kleine Wörter ausreichen sollen, all diese Interpretationen anzustellen. Nun, Aussagen existieren nicht im luftleeren Raum, sondern stehen stets im Kontext zu ihren sprachlichen und außersprachlichen Zusammenhängen. In diesem Sinne erscheint der vermeintlich unschuldige Slogan dann auch mehr als Spitze des Eisbergs einer umfassenderen Kommunikationsstrategie.

Gleichzeitig zeigt dies auf, dass wir Sprache nicht unterschätzen dürfen. Denn mit Sprache teilen wir uns nicht nur mit, sondern ringen um Deutungen, beeinflussen das Denken und Handeln anderer Menschen und verändern dadurch auch die Welt. Politik gibt es nicht ohne Sprache, denn Sprache ist „nicht nur irgendein Instrument der Politik, sondern überhaupt erst die Bedingung ihrer Möglichkeit„.

Und genau weil wir durch Sprache beeinflusst werden und sie die Welt verändern kann, ist die Reflexion über Sprache nicht nur ein kleiner akademischer Zeitvertreib, sondern eine demokratische Pflicht, damit wir uns und unsere Gesellschaft vor Manipulationen schützen. Um es mit den Worten der Nobelpreisträgerin Herta Müller auszudrücken: „Sprache war und ist nirgends und zu keiner Zeit ein unpolitisches Gehege, denn sie läßt sich von dem, was einer mit dem anderen tut, nicht trennen. Sie lebt im Einzelfall, man muß ihr stets aufs Neue ablauschen, was sie im Sinn hat. In dieser Unzulänglichkeit vom Tun wird sie legitim oder inakzeptabel, schön oder häßlich, man kann auch sagen gut oder böse. In jeder Sprache, das heißt in jeder Art des Sprechens, sitzen andere Augen“.

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