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Flüchtlingslager Moria nach dem Brand (Archiv)

„Ärzte ohne Grenzen“

Selbst Babys Opfer von Tränengas auf Lesbos

Ärzte ohne Grenzen übt scharfe Kritik an den griechischen Behörden. Nach dem Brand des Flüchtlingslagers Moria würden Helfer an der Arbeit behindert. Der Gesundheitszustand vieler Menschen verschlechtere sich zunehmend.

Von Montag, 21.09.2020, 5:22 Uhr|zuletzt aktualisiert: Sonntag, 20.09.2020, 17:07 Uhr Lesedauer: 2 Minuten  |  

Das Vorgehen der griechischen Behörden nach dem Brand des Lagers Moria bringt die Flüchtlinge auf Lesbos laut „Ärzte ohne Grenzen“ in Gefahr. Helfer würden an ihrer Arbeit gehindert und die Menschen durch Tränengaseinsätze und mangelnde Versorgung gesundheitlich geschädigt, sagte die Migrationsexpertin der Hilfsorganisation, Marie von Manteuffel, in Berlin dem „Evangelischen Pressedienst“.

So sei ein Neugeborenes nach einem Polizeieinsatz in die Klinik außerhalb des neuen Lagers von Kara Tepe gebracht worden. „Das kleine Menschlein hatte von seinen zehn Tagen fünf auf der Straße verbracht, Tränengas eingeatmet und sich dann nachts übergeben, was ja in dem Alter fatal sein kann.“

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Für eine Schwangere, die am Rande einer Straße in den Wehen gelegen habe, sei es nach vielen Mühen gelungen, einen Krankenwagen zu organisieren, um sie zur Entbindung in ein Krankenhaus zu bringen, sagte Manteuffel. Ein Team von „Ärzte ohne Grenzen“ sei auf sie hingewiesen worden. „Mit dem ganzen Chaos, den Blockaden und Zugangsbeschränkungen ist ein solcher ganz normaler Vorgang kaum möglich“, erklärte die Migrationsexpertin. „Es ist ein Wahnsinn, dass so etwas auf europäischem Boden per Zufall, per Glück passieren muss.“

Durchfallerkrankungen nehmen zu

Die Zahl der Patienten mit Durchfallerkrankungen habe in jüngster Zeit auch zugenommen, ergänzte Manteuffel. „Wir haben es nicht selbst gesehen, aber es scheint so, als hätten die Menschen dieser Tage angefangen, Wasser aus den Abwasserleitungen zu nutzen, weil so wenig sauberes Trinkwasser zur Verfügung steht.“

Gleichzeitig würden Mitarbeiter stundenlang daran gehindert, zu ihren Einrichtungen zu gelangen, schilderte Manteuffel. Oder die Patienten könnten nicht zu ihnen gelangen. „Unsere Klinik in der Hauptstadt Mytilini, die auf Folter und sexualisierte Gewalt spezialisiert ist, können wir im Moment quasi nicht betreiben, weil die Menschen nicht nach Mytilini reingefahren werden dürfen.“ Die Opfer solcher Verbrechen lebten derzeit auch auf der Straße. „Wir müssen sie suchen und schauen, dass sie nicht völlig zusammenbrechen.“

Angst vor dem neuen Lager

Nach Abbrennen des völlig überfüllten Flüchtlingslagers Moria leben auf Lesbos weiterhin viele Menschen auf der Straße. Das neue Camp bei Kara Tepe verursache den Geflüchteten Angst, berichtete die Migrationsexpertin. „Angst, dass sie dort nicht mehr rauskommen, dass sie ihre Handys abgeben müssen und das bisschen Kontrolle über ihr eigenes Dasein verlieren.“

Das Verhalten der Behörden sei eine Mischung aus Überforderung, Sabotage und schlechter Kommunikation, fügte Manteuffel hinzu. „Teilweise verfolgen unterschiedliche Stellen unterschiedliche Interessen.“ So komme es, dass das Migrationsministerium in Athen „Ärzte ohne Grenzen“ bereits im Frühjahr um den Bau eines Corona-Zentrums auf Lesbos gebeten habe. Die lokale Baubehörde habe die Organisation dann wegen angeblicher Verstöße gegen baurechtliche Vorgaben mit einem Bußgeld von 35.000 Euro belegt. (epd/mig) Aktuell Panorama

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