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"Umvolkung" und "Volkstod". Zur Kontinuität einer extrem rechten Paranoia - von Gideon Botsch / Christoph Kopke

Rezension zum Wochenende

„Umvolkung“ und „Volkstod“. Zur Kontinuität einer extrem rechten Paranoia

Seit den Anschlägen von Halle, El Paso oder Christchurch wird die Kampfansage an den „großen Bevölkerungsaustausch“, den rechten Terroristen wahlweise als Werk von Juden, Hispanics oder Moslems imaginieren, öffentlich breiter wahrgenommen. Und Björn Höcke, AfD-„Flügel“-Mann aus Thüringen, hat sich mit seinen Formulierungen vom „bevorstehenden Volkstod“ durch besagten Austausch „die Titulierung ‚Nazi‘ erworben“. Aus diesem Anlass ein Literaturhinweis.

Von Freitag, 08.11.2019, 5:21 Uhr|zuletzt aktualisiert: Sonntag, 10.11.2019, 16:45 Uhr Lesedauer: 4 Minuten  |   Drucken

Eine kompakte und zuverlässige Erstinformation zu den rechten Topoi von „Umvolkung“ und „Volkstod“ haben jetzt die beiden Politikwissenschaftler Gideon Botsch (Potsdam) und Christoph Kopke (Berlin) in der von Klaus Ahlheim herausgegebenen Reihe „edition pyrrhus“ als Nr. 5 vorgelegt. Der Erziehungswissenschaftler Ahlheim, der früher politische Erwachsenenbildung an der Universität Duisburg-Essen lehrte, hatte zusammen mit seiner Frau, der Psychotherapeutin Rose Ahlheim, die Reihe 2018 mit der Aufsatzsammlung „Autonomie statt Gehorsam“ (Nr. 1) gestartet. Sie begründete die Notwendigkeit „einer Erziehung nach Auschwitz“ – eine programmatische Publikation, die das Zentralthema der Reihe deutlich machte, die Absage an Nationalismus und Rassismus. Weitere Titel führten dies fort, so zum Antisemitismus (Nr. 2) oder zur Bildungspolitik (Nr. 3) bzw. zur „alternativen Nationalerziehung“ der AfD (Nr. 4).

Seit der Neuentdeckung der rechten Gefahr, wie sie hierzulande seit dem NSU-Skandal – siehe Chemnitzer Aufruhr, Lübcke-Mord oder Anschlag in Halle – regelmäßig stattfindet, ja geradezu als politisches Ritual zelebriert wird, werden Parolen wie die vom Volkstod öffentlich deutlicher wahrgenommen, aber meist als eine abstruse Verschwörungstheorie aus der (Netz-)Subkultur beiseite geschoben. Dass dies nicht der Fall ist, dass es sich vielmehr um eine mehr als 100 Jahre alte Konstante nationalen Denkens, ja in Deutschland um einen – phasenweise – voll anerkannten Bestandteil der politischen Kultur handelt, geht dabei verloren.

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Die beiden Politikwissenschaftler gehen dieser Traditionslinie nach und zeigen, wie sie von den neueren Diagnosen – etwa dem sozialphilosophischen Statement von Renaud Camus „Le Grand Remplacement“ oder Thilo Sarrazins Bilanz „Deutschland schafft sich ab“ – fortgeschrieben wird. Fürs rechte Lager, für die AfD sind heute solche Bedrohungsszenarien von zentraler Bedeutung. Nicht nur von Höcke und seinem berüchtigten Flügel werden sie aufgegriffen, sondern auch vom Vorsitzenden Alexander Gauland, wie Botsch/Kopke belegen. Und in der Programmschrift der AfD-nahen Erasmus-Stiftung „Nachdenken für Deutschland“ (2018, hg. von Erika Steinbach und Max Otte) hat der Philosoph Marc Jongen unter dem Titel „Deutschland verflüchtigt sich“ das Schlusswort. Dabei geißelt er ausgiebig Merkels „Deutschlandabschaffungskurs“, der die deutschen Eingeborenen „gegenüber ihren ‚Gästen‘ in die knechtische Rolle versetzt“.

Das Pyrrhus-Bändchen macht die einschlägige deutsche Tradition in Kulturkritik, Demographie und Familienpolitik zum Thema. Dabei spielt Oswald Spenglers Studie über den „Untergang des Abendlandes“, die nach dem Ersten Weltkrieg erschien und – siehe Adornos berühmten Spengler-Essay – nicht nur auf die rechte Intelligenz großen Einfluss ausübte, eine prominente Rolle. Adorno im Jahr 1950: „Spengler zählt zu jenen Theoretikern der extremen Reaktion, deren Kritik des Liberalismus der progressiven sich in vielen Stücken überlegen zeigte.“ Wichtig ist in der neuen politikwissenschaftlichen Analyse aber vor allem die Erklärung des Zusammenhangs von alarmistischer Beschwörung des Geburtenrückgangs, antifeministischer (An-)Klage und kulturpessimistischer Begutachtung des Volkstums, der mentalen wie physischen Verfassung des Volkskörpers. So wird die rechtsradikale Trias der Befürwortung von traditionellem Familienbild, heimischer Kultur und gefestigter Nationalidentität verständlich – eine Kombination, die allerdings heute bei den europäischen Rechtsparteien in Varianten auftritt. So entdeckt die AfD ja bei Gelegenheit ihr Herz für Homosexuelle, wenn sich damit Stimmung gegen muslimische Homophobie machen lässt.

Gideon Botsch/Christoph Kopke, „Umvolkung“ und „Volkstod“ – Zur Kontinuität einer extrem rechten Paranoia. Ulm (Klemm + Oelschläger) 2019, 46 S., 10·Euro. Zum Verlag

Ein Punkt wäre jedoch weiter zu verfolgen: Das Buch der beiden Politikwissenschaftler macht selber deutlich, dass die „extrem rechten Paranoia“ aus anerkannten und auch im demokratischen Leben selbstverständlichen Quellen schöpft. Das betrifft die einzelnen Diskurse, z.B. zur Demographie, das betrifft aber ebenfalls den Volksbegriff sowie die angeblich paranoide Vorstellung seiner Negation. Letztere ist z.B. in der UN-Konvention über den Völkermord als juristischer Sachverhalt weltweit anerkannt und wird heutzutage als denkbar größtes Verbrechen bewertet, deshalb auch gerne für die Legitimation von Kriegen (gegen den Völkermörder Milošević, Assad…) verwendet. Verboten ist es nach Artikel 2 der Konvention, eine „nationale“, „ethnische“ oder „rassische Gruppe als solche ganz oder teilweise zu zerstören“. Das ist das Schreckliche dieser Tat: Sie ist nicht einfach Massenmord, sondern die Auslöschung von Volkstum – wovor sich alle zu gruseln haben, die in den Vereinten Nationen vereint sind. Dass Völker verschwinden, sich möglicher Weise durch eine solche Vereinigung auflösen könnten, gilt also auch im modernen Staatenbündnis als die größte Monstrosität!

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