Antimuslimischer Rassismus

Das Zusammenleben in einer Gesellschaft ist kompliziert

Die Engführung des Diskurses um den Islam mit den Themen Terror, Gewalt und Bedrohung haben einen Nährboden geschaffen, der Diskriminierungen, Vorurteilen und Rassismen Vorschub leistet - mit fatalen Folgen. Ein Gastbeitrag von Prof. Dr. Hacı Halil Uslucan.

Von Montag, 29.04.2019, 5:23 Uhr|zuletzt aktualisiert: Sonntag, 05.05.2019, 11:55 Uhr Lesedauer: 2 Minuten  |   Drucken

Die Antidiskriminierungsstelle des Bundes hat ihren Jahresbericht 2018 vorgelegt: Die Zahl der Beratungsanfragen hat wie schon in den Vorjahren zugenommen. 3.455 Beratungsanfragen, die sich auf ein vom Allgemeinen Gleichbehandlungsgesetz geschütztes Merkmal beziehen, sind im vergangenen Jahr bei der Antidiskriminierungsstelle des Bundes eingegangen.

„Die meisten Anfragen bei der Antidiskriminierungsstelle des Bundes bezogen sich 2018 auf die Merkmale ethnische Herkunft/rassistische Zuschreibungen und Geschlecht, gefolgt von Behinderung, Alter, Religion, sexueller Identität und Weltanschauung“, so der Bericht. In 14 Prozent der Fälle ging es um Diskriminierung, die sich auf mehr als ein Merkmal bezog. 31 Prozent bezogen sich auf die ethnische Herkunft, 7 Prozent auf die Religion. Der Bericht erfasst antimuslimische Diskriminierung und Rassismus nicht gesondert; bei 4,4 bis 4,7 Mio. Personen, die sich – laut BAMF – selbst als muslimisch bezeichnen, verdienen sie besondere Beachtung (ebenso wie auch antisemitische Diskriminierung, die hier aber nicht im Mittelpunkt steht).

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Das Ausmaß und die Nachhaltigkeit von Diskriminierungen sind entscheidend für den Eindruck, ob eine Gruppe Teil des sozialen „Wir“ ist oder nicht. Die seit einigen Jahren vorherrschende Engführung des Diskurses um den Islam mit den Themen Terror, Fundamentalismus, Gewalt und Bedrohung haben einen Nährboden geschaffen, der Diskriminierungen, Vorurteilen und Rassismen Vorschub leistet. Auch die von rechtspopulistischen Parteien verbreiteten Szenarien einer islamistischen Unterwanderung der bundesrepublikanischen Gesellschaft tragen dazu bei.

Das hat fatale Folgen für das Zusammenleben, weil diese Haltungen kaum durch Gegenbeispiele und Korrekturen zu revidieren sind. Vorurteile über bestimmte Gruppen sind selten als „Allaussagen“ formuliert; die Behauptung ist nicht: „Alle Muslime sind…“, sondern vielmehr: „Die meisten Muslime sind…“. Folge ist, dass auch positive Gegenbeispiele nicht dazu zwingen, das Vorurteil zu revidieren.

Wenn es sich um rein kognitive Sachverhalte handelte, könnten wir aus einer liberalen Haltung heraus sagen: Den Muslimen kann es doch egal sein, was andere über sie denken. Doch so einfach ist es leider nicht. Das Denken bestimmt oft das Verhalten gegenüber einer Gruppe. Diskriminierung wird auch durch Prozesse ausgelöst, die sich der direkten subjektiven Kontrolle entziehen, so etwa die erwähnte einseitige, überakzentuierende Berichterstattung, die bestimmte Bilder und Assoziationen über den Anderen erzeugt. Der Andere wird als fremder, gefährlicher, bedrohlicher wahrgenommen.

Und umgekehrt beeinflusst wahrgenommene Diskriminierung auch die Reaktionen der betroffenen Gruppe: Folge ist oft ein vermehrter Rückzug in die eigene Gruppe, in die eigene religiöse Community, was eine völlig nachvollziehbare Konsequenz darstellt. Menschen setzen sich eben nicht gerne stigmatisierenden und verletzenden Umwelten aus. Dadurch verfestigt sich aber auch die Wahrnehmung der Mehrheitsgesellschaft, die sich bestätigt sieht: Die wollen unter sich bleiben. Wenn dann die Kontakte ausbleiben, haben wir kaum Möglichkeiten, die wechselseitig verzerrten Bilder voneinander zu korrigieren.

Wir brauchen deshalb einen wirksamen Diskriminierungsschutz für die Betroffenen, eine Aufklärung über den Beitrag mehrheitsgesellschaftlicher Akteure für misslingende Teilhabeprozesse, aber auch eine stärkere Öffnung und Transparenz der muslimischen Community.

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