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Sea-Watch 2 rettet Flüchtlinge auf dem Mittelmeer (Archivfoto) © Moritz Richter

„Als mein Weltbild zerbrach“

Ohne uns wäre Destiny vielleicht auch tot in Libyen angespült worden.

Jeden Tag ertrinken Menschen im Mittelmeer. Weil die Politik nicht hilft, fahren Freiwillige raus aufs Meer. Fünf Seenotretter erzählen, was sie an Europas Grenzen erlebt haben, zwischen Waffengewalt und einer Mondscheinsonate. Von Theresa Leisgang und Moritz Richter

Von und Freitag, 01.06.2018, 5:25 Uhr|zuletzt aktualisiert: Donnerstag, 28.06.2018, 17:43 Uhr Lesedauer: 9 Minuten  |   Drucken

Merlin guckt in die Kamera. Seine Augen strahlen, ein Lächeln umspielt seine Lippen, er ist zu allem entschlossen. In ein paar Stunden wird er mit 15 Ehrenamtlichen in See stechen, für ihn ist es das erste Mal an Bord des Rettungsschiffs von Sea-Watch. Zwei Wochen später, wieder ein Foto: Die Erschöpfung steht ihm ins Gesicht geschrieben, er hat tiefe Ringe unter den Augen, runzelt die Stirn. In Gedanken ist er noch draußen auf dem Meer, wo er mit der Crew hunderte Menschenleben rettete und Zeuge eines Völkerrechtsverstoßes wurde.

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Die Menschen, die Sea-Watch rettet, fliehen aus dem Bürgerkriegsland Libyen, wo Milizionäre nicht nur die berüchtigten Folterlager kontrollieren, sondern auch die Posten der Küstenwache besetzen. Am 10. Mai 2017 brachte diese selbsternannte „Libysche Küstenwache“ ein Holzboot auf und verschleppte alle Insassen zurück nach Libyen. Seither häufen sich solche Vorfälle. 30.000 Menschen sollen vergangenen Sommer zurück nach Libyen gebracht worden sein, oft aus internationalen Gewässern. Das verstößt gegen internationales Recht. Trotzdem hält die Europäische Union an ihrer Unterstützung der „Libyschen Küstenwache“ fest.

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Anfang Mai haben Überlebende beim Europäischen Gerichtshof für Menschenrechte eine Klage eingereicht. Durch die Kooperation mit der Küstenwache habe Italien im November ein Schiffsunglück mit über 20 Toten provoziert. Aus einem geleakten EU-Bericht ging hervor, wie unberechenbar die Aktionen der „Libyschen Küstenwache“ sind. Die Grünen und die Linke haben deshalb ein Ende der Kooperation mit Libyen gefordert. Das gibt den Seenotrettern Hoffnung.

Wir haben ein Jahr nach ihrem Einsatz noch einmal mit der Crew gesprochen. Vielen kommt es vor, als seien sie erst gestern zurückgekommen. Alle hat die Zeit auf See tiefgreifend verändert.

Krankenpfleger Merlin

Der Kölner Krankenpfleger Merlin Kötz war schon vor seiner ersten Mission stolzer Besitzer der ganzen Seenotretter-Kollektion: T-Shirts mit „Fähren statt Frontex“ Aufdrucken oder einer Zeichnung der Sea-Watch 1, die als erstes privates Schiff aus Deutschland in See stach, um Menschen zu retten. Was Seenotrettung wirklich bedeutet, hat er erst begriffen, als er selbst im Einsatz war:

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Merlin Kötz vor und nach seinem Einsatz auf dem Rettungsschiff Sea-Watch © Moritz Richter

„Diese Zeit auf dem Mittelmeer ist nicht spurlos an mir vorbeigegangen. Seit ich zurück bin, habe ich irgendwie ein anderes Verhältnis zur Welt. Der Augenblick, als mein Weltbild einen Knacks bekommen hat, war, als ich auf dem Ausguck saß. Den ganzen Tag war ich oben auf dem Deck und habe ins Nichts geguckt, und plötzlich war da ein Punkt am Horizont, aus dem ein kleines Boot wurde, und in der Menge der Passagiere konnte ich irgendwann Gesichter erkennen, verzweifelte Gesichter. Ein paar Stunden später waren die Leute bei uns an Bord, haben erzählt woher sie kommen: Iran, Bangladesch, Nigeria, Somalia, Libyen. Ich habe erst da kapiert: Das passiert nicht nur in den Nachrichten – sondern wirklich, jeden Tag.

Die Seenotretter von Sea-Watch: Seit 2015 patrouilliert die Berliner Organisation Sea-Watch im Mittelmeer. An keiner anderen Grenze der Welt gibt es so viele Tote wie hier. 35.000 Menschen hat Sea-Watch nach eigenen Angaben schon geholfen. Die Crew ist bunt zusammengewürfelt: Ärztinnen, Sanitäter, Maschinistinnen, Übersetzer, die Kapitänin – an Bord werden sie zu einem Team. Eine Mission dauert zehn bis 20 Tage. Was sie in dieser Zeit erlebt haben, erzählen die Ehrenamtlichen aus aller Welt hier:

Das Thema hat mich seitdem nicht mehr losgelassen. Als ich wieder zurück in Köln war, kam mir die Arbeit auf der Krankenstation und alles was ich sonst gemacht habe irgendwie sinnlos vor. Also habe ich gefragt, was ich an Land tun könnte, und es gab jede Menge Arbeit. Jetzt kümmere ich mich seit einem Jahr um das Crewing von Sea-Watch. Das heißt, ich beantworte zum Beispiel Fragen von Bewerbern, inzwischen waren über 500 Leute aus der ganzen Welt bei uns an Bord. Das sind schon so einige Stunden pro Woche, die ich am Computer sitze. So wie mir geht‘s vielen in der Organisation, die meiste Arbeit sieht man von außen gar nicht. Aber wir Ehrenamtlichen sind immer noch die einzigen, die sich um die Katastrophe da draußen kümmern und deshalb machen wir es.“

Ärztin Stefanie

Die deutsch-australische Ärztin Stefanie Pender hat sich ein paar Monate nach dem Rettungseinsatz auf eine Stelle bei ‚Ärzte ohne Grenzen‘ beworben. Sich nach dieser Erfahrung nicht für Menschenrechte einzusetzen, scheint ihr unmöglich:

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Deutsch-australische Ärztin Stefanie Pender vor (l.) und nach ihrem Einsatz auf der Sea-Watch © Moritz Richter

„An einem Nachmittag habe ich mich gefühlt wie auf einem fremden Planeten, so absurd war die Situation. Um uns herum nur das blaue Meer, in der Ferne dunkle Flecken, Boote am Horizont. In meiner Erinnerung verschwimmen alle Szenen. Drei von uns ziehen bewusstlose Leute aus dem sinkenden Schlauchboot. Ich versuche, sie an Ort und Stelle wiederzubeleben. Dann teilen wir Rettungswesten aus und beruhigen die schreienden Menschen. Als ein paar Stunden später die Sonne untergegangen ist und keine Rettungswesten mehr übrig waren, haben wir Leuchtstäbe verteilt, um die Boote im Dunkeln nicht zu verlieren.

Zurück auf der Sea-Watch habe ich mir einen Weg gebahnt, vorbei an den Menschen, die überall auf dem Deck lagen, um mich endlich hinzusetzen. Ich erinnere mich an das Geräusch der goldenen Rettungsdecken, die im Wind raschelten, während ich versuchte, zu verstehen, was tagsüber alles passiert war.

Die schlimmste Erkenntnis war, dass niemand kommen würde, um uns Rettungsorganisationen zu unterstützen. Ich habe mich hilflos gefühlt. Ich war die einzige Ärztin für Hunderte an Bord, während über Tausend immer noch auf dem Wasser auf Hilfe warteten. Obwohl das alles ausweglos schien, hat ein Mann angefangen, im Mondschein ein Lied zu singen. Es klang irgendwie hoffnungsvoll. Das hat mir wieder Kraft gegeben.“

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