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MiGAZIN Kolumnist Sven Bensmann © privat, bearb. MiG

Nebenan

Im Land der iNSUlaner

Der NSU-Prozess neigt sich langsam endlich dem Ende, die mutmaßliche Terroristin und Ihre mutmaßlichen Unterstützer stehen kurz vor der Verurteilung, da zeigen die Schlussplädoyers noch einmal die ganze schizoide Ignoranz der Mörder.

Von Sven Bensmann Dienstag, 22.05.2018, 5:20 Uhr|zuletzt aktualisiert: Mittwoch, 23.05.2018, 23:20 Uhr Lesedauer: 3 Minuten  |   Drucken

Da klingt es dann unter Anderem in etwa so: „Hitler war ein anständiger Typ.“ Und: „Nur weil man drei Terroristen eine Waffe liefert, mit der Sie dann ein knappes Dutzend Menschen töten, ist man noch lange nicht schuldig.“ Es heißt: „Die Nazis, die Propagandavideos darüber machten, dass sie Migranten hinrichteten, sind deswegen noch lange keine Terroristen, das alles spricht eher für eine pathologische Störung“. Und: „Falls Sie es noch nicht bemerkt haben sollten: Hinter dem Nazi steckt auch ein Mensch. Ein Mensch wie jeder andere. Der Nazi: Hat nicht ein Nazi Augen? Hat nicht ein Nazi Hände? Neigungen? Leidenschaften? – Und wenn Ihr uns stecht, bluten wir nicht? Und wenn ihr uns kitzelt, lachen wir nicht? Und wenn Ihr uns vergiftet, sterben wir nicht!?“

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Nun gut, das letzte Zitat stammt vom verhinderten neuen Führer in der französischen Agentenkomödie um den nazijagenden OSS 117 – aber der Narrativ fügt sich nahtlos ein.

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Dem dritten Punkt bin ich dabei übrigens geneigt, zuzustimmen: Der irrationale Hass der rechten Szene ist tatsächlich pathologisch – und man sollte all diejenigen, bei denen diese Neurose diagnostiziert werden, wegsperren, bis man die Scheiße aus ihnen heraustherapiert hat. Aber ein solches Psychiatrie-Gesetz wird man in Deutschland nicht verabschieden, da richtet man sich lieber gegen Menschen mit Burn-out und anderen depressiven Erkrankungen – die sind auch viel gefährlicher: Sag noch einer, die CSU sei auf dem rechten Auge blind.

Da es kaum dazu kommen wird, dass Betroffene mit Morbus Nazi in geschlossenen therapeutischen Einrichtungen untergebracht werden, wie das die Verteidiger im NSU-Prozess mittelbar fordern, sollte man sich also nicht verunsichern lassen: Motiv des NSU war es eindeutig, Terror zu verbreiten – und die Ankläger sollten sich genau davon leiten lassen: Bei einem Selbstmordattentäter redet schließlich auch niemand von einer psychischen Störung oder einem erweiterten Suizid, ist es doch den Södern dieser Welt viel lieber in seliger Bierlaune dem deutschen Stammtisch wie seinerzeit dem pavlovschen Hund simple Reiz-Reaktionen anzulernen. Der potenzielle CSU-Wähler, soll Islam nicht ohne Terror, Ausländer nicht ohne kriminell denken können.

Nicht nur das, auch die grundsätzliche Gleichsetzung von Neonazis, die mit Hunden Afrikaner hetzen, und Anarchisten, die geparkte Autos anzünden, welche seit Jahren über die „Verfassungsschutzberichte“ betrieben wird, haben dabei den Boden für die AfD bereitet und bilden die Basis für all diejenigen, die einen „positiveren Blick auf die deutsche Vergangenheit zwischen 33 und 45“ richten wollen. Dass der Prozess um die Terroristen des NSU und die kriminellen Netzwerke, die sie gestützt haben – von der radikalen Naziszene bis ganz tief rein in die Verfassungsschutzämter und damit bis ins bundesdeutsche Innenministerium – daran etwas ändern wird, wenn das Urteil erst einmal feststeht, ist utopisch.

Die ganz zufälligen Unfälle, welche Kernzeugen widerfuhren, die plötzlich nicht mehr auffindbaren Akten, die Lustlosigkeit, mit der die vielen kleinen Monströsitäten im Prozess von der Öffentlichkeit betrachtet werden, zeigt nur, dass Pegida und AfD, und all die Seehoher und Söder da draußen, kein Randphänomen sind – und dass ein Führer Höcke heute mit ebensoviel Widerstand rechnen müsste, wie sein Vordenker anno 33. Hier rächt sich, dass Deutschland nie gründlich entnazifiziert wurde, dass die Täter meist nahtlos da anknüpfen konnten, wo sie vor der Kapitulation bereits arbeiteten. Deutschland hat ein strukturelles Problem und der NSU war zwar der Exzess dieser Strukturen, aber er war doch ein Teil von jener Kraft.

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  1. Felix Emrich sagt:

    Ein kluges und mutiges statement – tatsächlich weiss ich wie viele deutlich zu wenig über solche „Monströsitäten“ rund um diesen Prozess.

    Richtig finde ich auch den Hinweis zu unserer Geschichte nach 1945 bzw. die Folgerung, dass wir eigentlich die Entnazifizierung noch VOR uns hätten!