Diskussion

De Maizière: Es geht nicht um Integration, sondern um Zusammenhalt

Wie verändert sich Deutschland durch Zuwanderung? An welchen Grundlagen sollte festgehalten werden? Am Dienstag lud Bundesinnenminister de Maizière sieben Experten ein, um mit ihnen zu diskutieren. Corinna Buschow hat die Diskussion mitverfolgt.

Von Corinna Buschow Mittwoch, 11.05.2016, 8:21 Uhr|zuletzt aktualisiert: Mittwoch, 11.05.2016, 18:03 Uhr Lesedauer: 2 Minuten  |   Drucken

Über Rechte und Pflichten bei der Integration wird derzeit erhitzt diskutiert. Erbittert gestritten wird über die Frage, ob und wie der Islam zu Deutschland gehört, ob Vollverschleierung toleriert werden kann oder in Kantinen auf Schweinefleisch verzichtet werden sollte. Doch welche Werte und welche Identität stehen eigentlich dahinter? Am Dienstag lud Bundesinnenminister Thomas de Maizière (CDU) sieben Experten ein, um mit ihnen zu diskutieren, wie sich Deutschland durch Zuwanderung verändert und an welchen Grundlagen festgehalten werden sollte. Es gehe nicht nur um Integration, sondern um gesellschaftlichen Zusammenhalt, sagte de Maizière.

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Zu Gast waren unter anderem Praktiker wie Aenne Kürschner vom Landessportbund Thüringen und der Münchner Lehrer Michael Stenger, der Flüchtlinge unterrichtet. Respekt und Anerkennung machten sie als wesentliche Grundwerte im Zusammenleben aus. Stenger berichtete, wie Flüchtlinge an seiner Schule selbst am Regelkodex mitarbeiteten, der Gewaltfreiheit, Gleichberechtigung der Geschlechter oder Pünktlichkeit vorschreibt. Bis auf wenige Ausnahmen hielten sich alle problemlos daran, berichtete er. Für ihn sei es der Beweis dafür, dass Mitgestaltung bereits der erste Schritt zur Integration sei. Dieser Gedanke fehle ihm beim geplanten Integrationsgesetz, sagte Stenger.

Zusammenhalt durch Selbstbestimmung

Dem pflichtete der Sozialforscher Klaus Boehnke bei. Er warnte davor, Integration vor allem über feste Pflichten erreichen zu wollen. Gesellschaftliche Teilhabe sei „nichts, wo man sich einzufügen hat, sondern wo man mitwirken muss“, sagte der Bremer Professor. Boehnke verwies auf eigene Studien, wonach der gesellschaftliche Zusammenhalt dort am größten ist, wo Menschen auf Selbstbestimmung setzen. Ein geringerer gesellschaftlicher Zusammenhalt zeige sich dagegen dort, wo Ordnung, Sauberkeit oder Verteidigung großgeschrieben werde.

Die Vorsitzende des Sachverständigenrats deutscher Stiftungen für Integration und Migration, Christine Langenfeld, erklärte dagegen die liberale Rechts- und Verfassungsordnung sowie die Humanität der deutschen Gesellschaft zu wesentlichen Leitprinzipien. Sie ermögliche beispielsweise im Bereich des besonderen Staat-Kirchen-Verhältnisses auch eine Inklusion des Islam.

Soziologe warnt vor Abgrenzung von Religionsgemeinschaften

Zudem verwies Langenfeld auf das aktuelle Integrationsbarometer des Sachverständigenrats, nachdem die Deutschen das „Deutschsein“ vor allem mit Arbeitsplatz und Pass verbinden, weniger mit dem Fakt, hierzulande geboren oder Christ zu sein. „Die Botschaft ist, dass man Deutscher werden kann“, sagte sie und forderte im aktuellen Dialog „mehr Gelassenheit, Zuversicht und Optimismus“. Die muslimische Religionslehrerin und Autorin Lamya Kaddor forderte mehr Empathiefähigkeit, um andere besser zu verstehen anstatt sich abzugrenzen. „Wir haben den Blick für das Wesentliche verloren“, sagte sie.

Der Leipziger Religionssoziologe Gerd Pickel warnte vor Abgrenzungsmechanismen von Religionsgemeinschaften. Die Religion habe eine verbindende Wirkung, beispielsweise über das Engagement vieler Freiwilliger besonders im kirchlichen Bereich, sagte er. Mit Religion seien aber Konflikte verbunden, wenn einzelne Gemeinschaften wie die Muslime unter dem Motto „Die gehören nicht zu uns“ ausgeschlossen würden. Die Pluralität der Gesellschaft müsse von allen anerkannt werden. „Wir sind aber vielleicht viel nationaler, als wir es uns seit vielen Jahrzehnten gedacht haben“, sagte er. (epd/mig)

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