Flüchtlinge in Deutschland

Ohne Wohnung keine Arbeit

Viele Flüchtlinge, die in Deutschland Schutz suchen, sind gut ausgebildet. Ihre Qualifikationen können sie aber nicht einsetzen. Häufig sind es kleine Hürden, die nicht überwunden werden können. Da ist die Politik ist gefragt - Entwicklungsminister Müller in einem Flüchtlingswohnheim in Berlin.

Von Christian Thiele Montag, 09.02.2015, 8:23 Uhr|zuletzt aktualisiert: Dienstag, 10.02.2015, 18:04 Uhr Lesedauer: 3 Minuten  |  

Anas Sharaf Aldeens Fachwissen als Ingenieur bringt ihn im Berliner Notaufnahmelager Marienfelde nicht weiter. Der gut ausgebildete Flüchtling aus dem Bürgerkriegsland Syrien lebt seit einem halben Jahr mit seiner Familie in einer kleinen Wohnung in dem Übergangswohnheim am Stadtrand von Berlin – während so mancher Betrieb in Deutschland verzweifelt Fachkräfte sucht. „Ohne Wohnung keine Arbeit“, sagt der 32-Jährige. Als Flüchtling sei es aber fast aussichtslos, eine bezahlbare Wohnung zu bekommen, berichtet er Bundesentwicklungsminister Gerd Müller (CSU), der sich in dem Aufnahmelager über die Situation der Asylsuchenden informiert.

Er sei gekommen, um zu erfahren, was in Aufnahmelagern wie dem in Marienfelde besser gemacht werden könne, begründet er den Flüchtlingen sein Anliegen. Vorgetragen werden dem Minister so einige Probleme – viele davon sind innenpolitischer Natur, liegen also nicht in Müllers Zuständigkeit. Die Leiterin des vom Internationalen Bund betriebenen Wohnheims, Uta Sternal, beklagt fehlendes Personal in ihren Häusern. „Ein Sozialarbeiter muss sich um 85 Bewohner kümmern.“ In diesem Punkt habe sie schon verhandelt: Normal ist nach ihren Worten ein Betreuungsschlüssel von einem Sozialarbeiter für 120 Menschen.

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Es geht nicht ums Geld, es geht um Chancen
Die Flüchtlinge bräuchten viel Unterstützung, sagt Sternal und verweist auf die Hilfe bei Behördengängen oder für Übersetzungen. „Wir haben hier viele hoch qualifizierte Menschen: Ärzte, Maschinenbauer, Ingenieure und Lehrer.“ Anas Sharaf Aldeen ist einer von ihnen. Er möchte gern arbeiten und könnte sich als Maschinenbauer bei der Energiewende in Deutschland einbringen, erzählt er in einem gut verständlichen Deutsch. „Es gibt einige kleine Sachen, die unser Leben erleichtern würde, und nichts kosten würden.“ Der Syrer verweist auf die theoretische Führerscheinprüfung, die nicht mehr auf Arabisch abgelegt werden dürfe – „aber in elf anderen Sprachen“. Mit einem Auto sei er flexibler, um eine Arbeitsstelle zu finden.

Müller pflichtet ihm bei. „Es darf auch nicht an einer Wohnung scheitern“, ergänzt der CSU-Politiker, ohne konkret zu werden. Nicht einmal als Praktikant sei er genommen worden, klagt der Syrer. „Es geht uns nicht ums Geld, es geht um Chancen“, so Anas Sharaf Aldeen. Müller sagt, die Behörden in Deutschland müssten schneller arbeiten, etwa bei der Erteilung von Aufenthaltserlaubnissen. Mit einer solchen Erlaubnis können Asylsuchende zum Beispiel Deutschkurse belegen. „Ohne Beschäftigung sitzen wir hier rum und langweilen uns“, sagt der Afghane Astana Gul Munir Khan.

Minster kann keine Hilfe zusagen
Der 43-Jährige hat zwölf Jahre lang in der afghanischen Hauptstadt Kabul als Übersetzer für die deutsche Polizei gearbeitet. Seit gut einem Jahr lebt er in Deutschland. „Ich hatte Angst vor der Rache der Taliban.“ Afghanische Helfer der Bundeswehr sind in der Vergangenheit ermordet worden. Die Bundesregierung erlaubt Mitarbeitern, die von Racheakten der Taliban bedroht sind, die Einreise nach Deutschland. Bis zum Ende des vergangenen Jahres sagten die Behörden in mehr als 500 Fällen die Aufnahme zu. „Viele fühlen sich aber vom Verteidigungsministerium allein gelassen“, sagt Munir Khan.

Er kümmert sich in dem Übergangswohnheim ehrenamtlich um seine in Berlin gestrandeten Landsleute und hilft ihnen etwa bei Behördengängen. Er könne nicht verstehen, dass die früheren Mitarbeiter der Bundeswehr und Bundespolizei in Deutschland den Status eines Flüchtlings hätten, beklagt der 43-Jährige. Viele müssten Monate darauf warten, um überhaupt einen Deutschkurs zu belegen. „Viele waren einfache Mitarbeiter, die kein Deutsch oder Englisch können.“

Beim Rundgang durch das 1953 in Betrieb genommene Notaufnahmelager für Flüchtlinge fällt eine Frau aus Syrien dem Minister fast um den Hals. Er fragt nach ihrer Herkunft und der Familie. Da bricht sie in Tränen aus: Ihre Tochter sei noch im Libanon. Ihr Antrag auf Einreise nach Deutschland sei nun abgelehnt worden. Müller kann ihr keine konkrete Hilfe zusagen, aber wie so oft bei seinem Besuch: zuhören. Er notiert sich den Namen der Tochter und sagt: Bald fliege er in den Libanon. Die Syrierin tröstet das. Sie lächelt wieder. (epd) Aktuell Gesellschaft

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