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Perspektivwechsel

Warum ich für meinen Sohn Weihnachtsfiguren mit dunkelbrauner Hautfarbe bestelle

Das Wort "Rassismus" haben wir längst in die ganz rechte Ecke verbannt. Da gehört es aber nicht hin. Denn dort setzen wir uns damit nicht auseinander. Unsere Kinder aber sind ihm täglich ausgesetzt – selbst im Kindergarten. Von Tupoka Ogette.

Von Tupoka Ogette Donnerstag, 11.12.2014, 8:24 Uhr|zuletzt aktualisiert: Donnerstag, 11.12.2014, 22:17 Uhr Lesedauer: 9 Minuten  |   Drucken

10:00 Uhr morgens. Ich sitze im Zollamt. Schon seit zwei Stunden. Ich muss irre sein, denke ich. Es ist November, zu Hause wartet ein Berg Arbeit auf mich, gerade gestern bin ich von einem Workshop in Hamburg wieder gekommen, morgen geht es nach Bremen. Und ich sitze auf dem Zollamt. Aber ich habe es so gewollt. Unbedingt.

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Nach sage und schreibe zweieinhalb Stunden werde ich endlich aufgerufen. Die Zollbeamte fragt mich nach meinem Paket aus den USA: „Was ist in ihrem Paket, drin?“ „Weihnachtsfiguren“, sage ich. Wir öffnen das Paket gemeinsam und zum Vorschein kommt ein ca. 30 cm großer Gipsweihnachtsmann und drei Weihnachtsengel. Das „Besondere“ daran? Alle vier Figuren haben dunkelbraune Hautfarbe. Die Zollbeamtin schmunzelt. „Für meine Kinder“ sage ich. „Sie freuen sich, wenn der Weihnachtsmann die gleiche Hautfarbe hat wie sie.“ Sie blickt hoch.“Mhhh stimmt, da habe ich ja noch nie drüber nachgedacht. Aber irgendwie verstehe ich das“, sagt sie.

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Vielleicht halten Sie mich jetzt für verrückt, für übertrieben. Rollen vielleicht sogar die Augen. Oder sie sind begeistert. Nicken zustimmend und wollen eventuell sogar von mir wissen, wo ich die Sachen denn bestellt habe. Dann sind Sie mit hoher Wahrscheinlichkeit Vater, Mutter, Tante, Onkel oder Bezugsperson eines Schwarzen Kindes. Wie auch immer: Tun Sie mir einen Gefallen und lesen Sie trotzdem weiter.

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Es gibt einen Grund, warum ich so weit gehe, vier mickrige Weihnachtsfiguren aus den USA zu bestellen.

Neben der Arbeit mit Eltern Schwarzer 1 Kinder, bin ich viel in Kindergärten und anderen frühkindlichen Bildungseinrichtungen tätig. Bei fast allen Einrichtungen geht ein Sturm der Entrüstung durch die Reihen der Erzieher, wenn Worte wie „Vorurteile“, „Stereotypen“ oder gar „Rassismus“ und“ Kinder“ im gleichen Satz fallen: „So was kennen unsere Kinder nicht. Die sind da ganz frei und sehen keine Unterschiede!“ Irgendwie kann ich ihre Entrüstung verstehen. Wir alle haben gelernt, dass Vorurteile etwas Negatives sind. Dass sie etwas sind, was ein offener und toleranter Mensch nicht haben darf. Und Kinder sehen wir als eine Art „clean sheet“ – unbeschriebene Blätter, die nicht bewusst böse sein können. Vorurteile? Die haben doch nur Erwachsene.

Und Rassismus? Puh, dieses Wort haben wir doch als Gesamtgesellschaft in die ganz rechte Ecke verbannt. Ja, verbannen müssen, um unser fragiles Selbstbild als Deutsche nach 1945 wieder reparieren zu können. Bei Rassismus denken wir an Baseballschläger schwingende Glatzen, Hakenkreuze und Naziaufmärsche. Bei dem Wort erschrecken wir. Es ist zutiefst moralisch belegt. Wir wachsen auf mit dem Bewusstsein, dass Rassismus etwas ganz Schlechtes ist. Etwas, was wir verdammen müssen. Etwas, was es früher mal gab, und was manchmal im Fernsehen zu sehen ist. Es gibt ihn. Als Rassismus der Anderen. Und es hat nichts, aber auch gar nichts, mit uns zu tun. Und wenn überhaupt, können nur Erwachsene rassistisch sein.

Die Frage ist aber, wie werden Menschen rassistisch?

Ein Vater erzählte in einem Elternworkshop, wie er mit seinem Schwarzen Sohn in die USA fuhr. Dort schaute der Junge aus dem Fenster und sah einen Polizisten. „Papa, der Polizist dort hat auch so braune Haut wie ich.“ „Ja, und?“, antwortete der Vater. Der Sohn schaut ungläubig und fragt dann: „Darf der das denn?“

Gehen wir doch einmal anders an die Sache heran. Nehmen wir mal an, Rassismus wäre nicht nur bewusster Hass. Stellen wir uns vor, Rassismus wäre viel mehr als das. Ein komplexes und vielschichtiges, sowohl soziales als auch politisches System, welches vor vielen Generationen konstruiert wurde und bis heute nachwirkt. Etwas, was bis heute in allen gesellschaftlichen Bereichen präsent ist, in der Art und Weise, wie wir über uns und die „Anderen“ denken und sprechen. Und nehmen wir an, dass wir von Kindesbeinen an, in genau diesem System sozialisiert wurden. Wenn dies so wäre, wäre es dann nicht logisch, dass wir von klein auf gelernt haben, durch eine rassistische Brille auf diese Welt zu schauen? Und dass wir dann auch als Erwachsene Schwierigkeiten haben, dies zu erkennen, weil es ein fester Teil unseres Seins geworden ist?

Was genau meine ich mit dieser Sozialisierung? Wie genau geschieht Ausgrenzung und rassistische Sozialisierung von klein auf?

Identitätsbildung von Kindern geschieht maßgeblich in frühkindlichen Bildungseinrichtungen und Kindergärten. Diese sind Ausschnitte gesellschaftlicher Realität. In ihnen spiegelt sich wider, was als gesellschaftliche Norm in Deutschland gilt.

Kinder beginnen ab zwei Jahren Unterschiede in Geschlecht und Hautfarben wahrzunehmen. Dies geschieht erst einmal wertfrei. Dennoch lernen weiße Kinder meist recht schnell, dass sie mit ihrer hellen Haut Teil der Mehrheit sind. Daher ist Hautfarbe etwas, was sie für sich nicht thematisieren müssen, da sie sich durch die Mehrheitserfahrung bestätigt sehen. Bei Schwarzen Kindern ist das anders. Sie merken, dass sie sich durch ihre dunklere Hautfarbe von den meisten Kindern unterscheiden. Und sie lernen, dass es sich hierbei um eine Kategorie handelt, die aufgrund der Sichtbarkeit als ständige Projektionsfläche gilt. Dies allein bedeutet Stress. Aber es geht noch weiter. Ab zweieinhalb Jahren beginnen Kinder zu begreifen, welche Hierarchien es gibt, und welche gesellschaftliche Anerkennung Kategorien wie Sprache, Geschlecht, Behinderung und eben auch Hautfarben in unserer Gesellschaft haben. 2

  1. Schwarz mit großem „S“, weil es keine adjektivische Beschreibung ist, sondern eine politisch gewählte Selbstbezeichnung
  2. Stefani Boldaz-Hahn „Weil ich dunkle Haut habe… – Rassismuserfahrungen im Kindergarten.“ 2010

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