Bades Meinung

Nachruf auf eine Ente: Islamkritik und Meinungsfreiheit im Kabarett

Es rauschte kurz im Blätterwald. Ein Muslim aus Osnabrück hatte den Kabarettisten Dieter Nuhr angezeigt wegen Verunglimpfung des Islams. Viele haben ihre Meinung dazu gesagt. Und viel Aufregung ging am Kern des Problems vorbei. Eine Klarstellung von Prof. Klaus J. Bade.

Von Montag, 10.11.2014, 8:23 Uhr|zuletzt aktualisiert: Freitag, 14.11.2014, 11:38 Uhr Lesedauer: 10 Minuten  |   Drucken

Ende einer scheppernden Posse: Die Anzeige eines Muslims gegen die sarkastische Islamkritik des Kabarettisten Dieter Nuhr wurde eingestellt, ebenso schon vorab die Anzeige von Nuhr gegen den Muslim. Das war ein nötiges Zeichen, das in seinem Feld ein Stück weit Rechtsgeschichte machen wird. Zeit für einen Rückblick in eigener Sache.

Protokoll: Ich bin am Freitag, den 24. 10. um 16.15 Uhr, mitten im lärmenden Berliner Straßenverkehr, von einer Journalistin der Welt angerufen worden. Sie erzählte mir etwas von ‚islamkritischen‘ Witzen des Kabarettisten Dieter Nuhr mit allerlei Verallgemeinerungen, berichtete über einen im Gericht angekommenen Streit darüber in Osnabrück, von dem ich nichts wusste, und bat um ein kurzes Statement.

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Ich machte über die pauschalisierende Kritik Nuhrs an ‚dem‘ Islam (nicht über den deswegen angestrengten Prozess) eine flapsige Bemerkung, dass hier wohl Islam und Islamischer Staat verwechselt würden, was aus meiner Sicht so viel miteinander gemein habe wie eine Kuh mit dem Klavierspiel, und sagte dann einen zur Veröffentlichung gedachten Satz: „Pauschale Diffamierungen anstelle von Differenzierungen schaffen nur neue Schreckbilder, die dem mehrheitlich liberalen europäischen Islam das Wasser abgraben.“ 1 Das war, wie kurz darauf die taz ätzte, „bestes Migrationsforscherdeutsch“. 2 Zugegeben, ich bin eben kein Kabarettist.

Das Ganze dauerte nicht mehr als drei Minuten und war kein Interview, sondern nur eine Art Zuruf mitten im brodelnden Straßenverkehr. Dass die flapsige Nebenbemerkung, die nicht auf die Person, sondern auf die mir am Telefon überbrachten Argumente zielte, mit abgedruckt wurde, ist bedauerlich. Das war aber mein Fehler, weil ich mir den Text nicht nochmal habe vorlegen lassen. So ist das nun mal mit der Pressefreiheit. Und das ist auch gut so.

Zwei Ebenen der Diskussion

Die Diskussion in den Medien über die Osnabrücker Strafanzeige, in deren Zusammenhang fälschlicherweise mein Statement stets mitgeschleppt wurde, teilte sich rasch in zwei Ebenen: erstens die nur ansatzweise ausgetragene Diskussion über ‚islamkritische‘ Inhalte 3, die ich mit meinem Statement anstoßen wollte; zweitens eine auf der Metaebene geführte Debatte über den hohen Wert der Meinungsfreiheit in Presse und Kunst mit wichtigen Beiträgen insbesondere von Heribert Prantl 4 und Klaus Staeck 5.

Die abgehobene Diskussion zur Meinungsfreiheit machte es vielen freiheitskämpfenden Anschlussschreibern leicht, Position zu beziehen, ohne im Blick auf die ‚Islamkritik‘ näher Stellung nehmen zu müssen; denn fortan wurde alles über den Kamm der Presse- oder Kunstfreiheit geschoren und Eintreten für Freiheit ist immer gut. Das klang wie eine Neuauflage der an die Wand gelaufenen Diskussion um Thilo Sarrazins letztes Buch über die angebliche Einengung der Meinungsfreiheit durch einen ‚neuen Tugendterror‘. 6

Dabei flatterte in vielen Beiträgen die journalistische Ente im Kreise und verwechselte die oben genannten beiden Ebenen. So wurde mir unterstellt, ich hätte die Meinungsfreiheit eines Kabarettisten aufs Korn genommen und damit zugleich eine Klage gestützt, die ich gar nicht kannte. Künstliche, mitunter an Hysterie grenzende Aufregung und luftige Projektionen waren die Folge. Im Nu hatten ich und andere Beteiligte mal wieder den Speicher voll mit einem Shitstorm von pöbelnden mitte-rechtskonservativen, rechtsradikalen und rechtsextremistisch-rassistischen Verteidigern von Dieter Nuhr. Das klang zum Beispiel so:

„Na, Jung! Da empfehle ich Dir, nimm das ganze schmutzige Islamgesindel aus Deutschland und am besten ganz Europas und siedelt Euch in Syrien, Irak oder sonst wo an. Dann könnt Ihr Euch gegenseitig genießen, wir sind die ganzen Kanaken los und Europa ist wieder lebenswerter geworden. Niemand braucht dieses Pack hier. Also, hopp, Sachen gepackt und ab. Du kannst sicher sein, außer paar debile Grüne, weint Eurem Zug niemand auch nur eine Träne nach und das grüne Gesindel nehmt Ihr am besten gleich mit.“ (B. Holz, 24.10.2014)

Falsche oder echte Freunde?

Man könnte folgern: Sage mir, wer Deine Freunde sind und ich sage Dir, wer Du bist! Falsch, denn niemand kann sich heute dagegen wehren, im Netz von falschen ‚Freunden‘ umarmt zu werden. Aber auch ein Kabarettist muss zur Kenntnis nehmen, dass es diese ‚Freunde‘ gibt und dass er ganz offensichtlich deren Bedürfnisse befriedigt, ob gewollt oder ungewollt.

Dieter Nuhr weiß das. Er bedauert das auch. 7 Er macht aber trotzdem weiter mit seiner sogenannten Islamkritik. Er will sie, wie er sagt, nicht ‚den Rechten‘ überlassen, bedient damit aber eben auch ‚die Rechten‘ in der Mitte. Man kann das aus seiner Sicht verstehen: Es läuft halt so gut. Da verliert man schon mal den Schwelbrand aus den Augen, in den die öligen Pointen tropfen.

  1. Claudia Becker, Freia Peters, ‚Nuhr verwechselt Islam mit dem Islamischen Staat‘, in: welt.de, 24. 10. 2014
  2. Deniz Yücel, Muslim krass beleidigt. Gäbe es einen Nobelpreis für Beleidigtsein, die islamische Welt würde nicht so leer ausgehen wie sonst. Jüngster Fall: die Anzeige gegen Dieter Nuhr, in: taz.de, 28.10.2014
  3. Pointiert dazu: Thomas Assheuer, Dieter Nuhr. Die Frömmigkeit des Aufklärers. Der Kabarettist Dieter Nuhr wird wegen religiöser ‚Hetze‘ angezeigt, in: zeit online, 30.10.2014; Kerim Pamuk, Dieter Nuhr und Erhan Toka sollten Yoga machen! Der Kabarettist Kerim Pamuk betrachtet für das Abendblatt die aufgeregt geführte Diskussion um Dieter Nuhrs Ansichten zum Islam. Es gibt nicht DEN Islam, aber über eine Milliarde Muslime weltweit, in: Hamburger Abendblatt, 28.10.14
  4. Heribert Prantl, Meinungsfreiheit und Demokratie. Spott über Gott, in: süddeutsche.de, 26. 10. 2014
  5. Andreas Oswald, Klaus Staeck: Nicht von Fanatikern einschüchtern lassen, in: tagesspiegel.de, 27.10.2014
  6. Thilo Sarrazin, Der neue Tugendterror. Über die Grenzen der Meinungsfreiheit in Deutschland, München 2014; vgl. hierzu: Klaus J. Bade, Die Welt ist ungerecht – und das ist auch gut so! Kulturrassismus, neokonservative Sozialphilosophie und ‚Tugendterror‘ bei Thilo Sarrazin, in: MiGAZIN, 24.2.2014.
  7. Kabarett: Dieter Nuhr wehrt sich gegen Vorwurf der Islamhetze, in: MiGAZIN, 28.10.2014.

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  1. surviver sagt:

    Diese „Kabarettisten“ (oder vielleicht Kabbalisten) versuchen doch nur Publicity zu machen, genau so wie viele deutsche Politiker, die durch Islamkritik sich mehr Wähler erhoffen.
    (Siehe z.B. Bosbach. Bei genauerer Betrachtung erkennt man bei ihm ein fremdgesteuertes Wesen…).
    Die Resonanz in der Gesellschaft scheint dafür vorhanden zu sein.

  2. all-are-equal sagt:

    Auch pauschlierende und überspitzte Kritik an Religionen und Weltanschauungen ist in einer pluralistischen Demokrie legitim und sogar wünschenswert. Das betrifft nicht nur den Islam. Kürzlich hat Wolf Biermann bei seinem Autritt im Bundestag die Abgeordneten der Linkspartei als „elenden Rest“ der DDR bezeichnet. Im Unterschied zu den Veranstaltungen von Dieter Nuhr handelte es dabei um kein Kabaret. Meinungsfreiheit bedeutet auch offene und klare Konfrontation.

  3. Pingback: Kabarettist Dieter Nuhr darf weiter als "Hassprediger" bezeichnet werden - MiGAZIN