Theater

Wir sind alle Rassisten

Wenn du einen Deutschen Rassist nennst, wird er dir erklären, wie ihm in Auschwitz bei der Besichtigung zumute war. Wegen des Holocausts kann er überhaupt kein Rassist sein. Rassismus in den Betrieben der Kultur – Ein Aktivistengespräch im Berliner Ballhaus Naunynstraße

Von Dienstag, 23.09.2014, 8:23 Uhr|zuletzt aktualisiert: Montag, 08.08.2016, 10:54 Uhr Lesedauer: 3 Minuten  |   Drucken

Zurzeit kommt keine Rassismusdebatte ohne Stuart Hall aus. Hall klappt das Verdeck des kulturellen Rassismus auf, der, so sagt Hall, den genetischen Rassismus abgelöst hat. Die Master im Universum der Mehrheitsgesellschaft führen ihre Diskurse der Differenz in den Rastern von Klassifikationssystemen, die Gruppen mit bestimmten Merkmalen ausschließen, ohne Einsicht in ihre rassistische Argumentation. Der Antrieb und die Legitimation für diese unbeflaggten Segregationen kommen nach wie vor aus einem Empfinden weißer Überlegenheit, das sich aber leicht bestreiten lässt.

„Ich doch nicht.“

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Die Theaterwissenschaftlerin Azadeh Sharifi zählt Beispiele für diesen Verblendungszusammenhang auf. Wenn du einen Deutschen Rassist nennst, wird er dir erklären, wie ihm in Auschwitz bei der Besichtigung zumute war. Wegen des Holocausts kann er überhaupt kein Rassist sein.

Solange die Preisgabe von Vorurteilen zum guten Ton der Selbstbeschreibung gehörte, war Rassismus ohne weiteres zu identifizieren. Jeder Vermieter und Arbeitgeber so wie jeder Kollege und Mitreisende konnte sich im Einklang mit den herrschenden Verhältnissen entsprechend äußern. So entstand und erneuerte sich der Riegel, der die Migration von den kulturellen Institutionen der Mehrheitskultur separierte. Der ethnisch differente Einwanderer kam erst gar nicht bis zur Theaterkasse.

Die Kulturwissenschaftlerin Sandrine Micosse-Aikins weist daraufhin, wenn sie sagt, ihre Eltern hätten sie auch lieber auf der sicheren Seite einer Bank gesehen als in der „brotlosen“ Sphäre der Kultur. Ein konstituierendes Merkmal der Nation in ein inferiores Verhältnis zu den Maschinen der Gesellschaft zu rücken, gehört auch zu dem, was Minderheiten nahegelegt wird. Insofern führen Aufstiege dann an der Kultur vorbei.

Eine Frage des Abends lautet, wer/was verstellt die Einstiege in den Kulturbetrieb als einer Produktionsstätte von Deutungshoheit. Hall sagt, in den Instanzen der Kultur erzeugt eine Gesellschaft Identität. Sie sichert ihre Identifikationen auf dem Theater. Dazu braucht sie das Publikum nicht im Saal. Es geht lediglich um den repräsentativen Charakter des Instituts. So entsteht das falsche, gleichwohl verinnerlichte Bild von Homogenität, auf das nun etwas anderes stößt. – Als Störung, die abgewehrt werden muss. Da wird gekämpft, wo auch immer eine Verbindung von Deutung und Macht vermutet wird.

Mekonnen Mesghena (Heinrich Böll Stiftung) führt durch den Abend. Er nennt die Punkte „Sichtbarkeit, Teilhabe und Macht“, die ethnisch differente Minderheiten organisieren müssen. Das ist in Berlin leichter als anderswo. Der Kulturwissenschaftler Kien Nghi Ha referiert die „asiatische Diaspora“ und einen Kulturkampf mit dem Heimathafen Neukölln.

Es ging um eine Auseinandersetzung und ihre Verweigerung. Diskursverweigerung gehört zu den Strategien vermeintlich Überlegener. Dabei, so Ha, würde „Reibung ein heilsames Gift“ extrahieren.

Der Aktivist Tuncay Acar stellt fest, was wichtig ist. Dass wir alle Rassisten sind. Dass die Bestimmung des eigenen Standpunkts stets durch Abgrenzung erfolgt. Acar sagt: „In der Türkei gehöre ich zur Mehrheitsgesellschaft und bin weiß.“

Weiß ist keine Frage der Hautfarbe, sondern eine Frage der Machtverhältnisse. Die Theaterkritikerin Esther Slevogt bemerkt, dass man als Angehörige der Mehrheit „gar nicht gelernt hat Repräsentationsformen zu befragen“. Klar, der Kampf geht weiter in den „homogenen“ Bezirken. Jens Hillje vom Maxim Gorki Theater bringt das auf den Punkt: „Man unterstellt mir stets eine bürgerliche Biografie“, nur weil ich Theater mache. Das schreit nach Bedeutung schon in der Herkunft. Hillje behauptet, Theater könne die Vielfalt einer Gesellschaft nicht spiegeln. Doch kann es ein Ort sein, um „Gegenstimmen zu produzieren“, wie Sharifi aktivistisch postuliert. Sie sagt: „Benennung ist der Schlüssel“. Das gilt für Intendanzen und Inszenierungen gleichermaßen. Noch ist es viel leichter die gesellschaftliche Wirklichkeit der Migration auf einer Bühne zu erreichen als die Chefsessel dahinter. Das bedeutet, dass der kulturelle Mehrwert aus den Minderheiten der Mehrheit zugeführt wird. Der kulturelle Rassismus ist ein Labyrinth. Er ist eine Verteidigungsanlage.

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