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Antiziganismus

Ein Stolperstein im deutschen Bildungswesen

Seit Bulgarien und Rumänien EU-Mitglieder geworden sind und vor allem aus diesen beiden Staaten vermehrt Roma nach Deutschland kommen, ist deren Integration in die hiesige Bildungslandschaft zum Thema für Politik, Verwaltung und die Öffentlichkeit avanciert.

Von Dienstag, 22.10.2013, 8:30 Uhr|zuletzt aktualisiert: Sonntag, 27.10.2013, 20:54 Uhr Lesedauer: 6 Minuten  |   Drucken

Unter Antiziganismus verstehen Roma-Organisationen und Wissenschaftler_innen eine spezielle Form des Rassismus, die sich gegen Roma richtet, beziehungsweise gegen Menschen, die als solche angesehen werden. Dass er auch im deutschen Bildungswesen präsent ist, geht aus vielen Erfahrungsberichten hervor, die uns in der Redaktion „Vielfalt“ erreichten.

Ivana Ilic aus dem Kölner Roma-Projekt „Amaro Kher“ berichtet von Wartezeiten bis zu sieben Monaten, bis ein Roma-Kind endlich einen Schulplatz findet. Oft wird die Aufnahme eines Roma-Kindes mit der Begründung verweigert, es werde vermutlich einen großen Mehraufwand erfordern. Ein klarer Verstoß gegen das Menschenrecht auf Bildung! Ein Junge aus einem Wohnheim in Stammheim erhielt eine Zuweisung nach Neu-Brück. Das hätte eine Stunde Anreisezeit mit zweimaligem Umsteigen bedeutet. Seine Mutter lehnte diese Schule daher ab – und bestätigte so das Vorurteil, Roma seien bildungsfeindlich.

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Förderschulzuweisungen an der Tagesordnung
Eliza Aleksandrova vom Begegnungs- und Fortbildungszentrum muslimischer Frauen in Köln kennt Fälle, bei denen ein Aufnahmeverfahren in eine Förderschule eingeleitet wurde, nachdem die Kinder gerade mal einen Monat in der deutschen Grundschule gewesen waren. Ihr einziges Problem war, dass sie als Bulgaren bisher nur kyrillische Buchstaben kannten und eben noch kein Deutsch konnten.

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Aleksandrova berichtet auch, dass einer bulgarischen Mutter ein Formular zur Einleitung eines Aufnahmeverfahrens in eine Förderschule für ihren Sohn zur Unterschrift vorgelegt wurde, ohne dass man sie über dessen Bedeutung informiert hatte.

Festgesetzt in „Willkommensklassen“
Georgi Ivanov ist Sozialpädagoge. Er arbeitet beim Verein Amoro Foro in Berlin als Referent und Berater. Amoro Foro ist eine transkulturelle Jugendselbstorganisation von Roma und Nicht-Roma.

Antiziganismus: Laut Markus End, Politikwissenschaftler an der Technischen Universität Berlin, umfasst Antiziganismus die Vereinheitlichung aller Betroffenen, eine gleichmachende Wahrnehmung, die von jeglichen Unterschieden absieht und sie lediglich auf das Stigma reduziert, sowie die Behauptung, dass die Zugehörigkeit zur stigmatisierten Gruppe nur sehr schwer oder gar nicht veränderbar sei.

„Viele Roma-Kinder hier bleiben zwei bis drei Jahre in einer sogenannten Willkommensklasse“, berichtet Ivanov. „Das sind speziell eingerichtete kleine Klassen für Schüler_innen, die sehr wenig oder kein Deutsch können und solche, die nicht alphabetisiert sind. Ich beobachte, dass gerade Roma-Kinder oft in diesen Klassen hängen bleiben, obwohl sie schon Deutsch können. Ein blondes polnisches Kind aber wurde neulich schon nach drei Monaten in die Regelklasse übernommen.“ Die Lehrerin begründete ihre Entscheidung damit, das Kind sei „so süß und immer still“. Für Georgi Ivanov ist diese Aussage ein weiterer Beleg dafür, dass Lehrkräfte in den „Willkommensklassen“ oft unzureichend ausgebildet sind. Überhaupt sieht er die Aussonderung der sprachunkundigen Neuankömmlinge in Spezialklassen kritisch: „Jeder weiß: das sind ,die Zigeuner‘.“ Dieses Wort enthält alle negativen Zuschreibungen, mit denen Roma seit langem gebrandmarkt werden. Das Internet-Lexikon Wikipedia nennt als typische Vorurteile „ununterdrückbares ,ewiges Wandern’, kriminelle Veranlagung, Unfähigkeit zu vorsorgender Lebensplanung und Wirtschaftsweise, Arbeitsscheu, Unzuverlässigkeit, Feigheit, Hinterhältigkeit, Unsauberkeit, mangelnde Ordnungsliebe, Streitlust“.

Macht- und Dominanzstrukturen statt kultureller Differenzen
Allerdings: Schon diese Auflistung kann antiziganistischen Vorurteilen Vorschub leisten, warnt etwa der Freiburger Soziologe Albert Scherr. Es reicht nicht aus, so Scherr, in guter Absicht das Negativ-Etikett „Zigeuner“ durch das neutralere „Sinti und Roma“ zu ersetzen. Schließlich handelt es sich keineswegs um eine homogene und nach außen abgeschlossene Gruppe, so dass sich jede verallgemeinernde Rede über Eigenschaften „der Sinti und Roma“ verbiete. Die einzige Gemeinsamkeit der so Bezeichneten liegt darin, dass sie als Kollektiv definiert und diskriminiert werden.

Antiziganismus wird, so Albert Scherr, keineswegs durch die Diskriminierten verursacht, sondern durch Macht- und Herrschaftsverhältnisse. Aufgabe einer konsequenten Kritik des Antiziganismus auch in der Anti-Vorurteils-Pädagogik ist es also nicht, über kulturelle Differenzen aufzuklären, vielmehr für gleiche Rechte und Chancen aller einzutreten.

Gemeinsam lernen statt Aussonderung
Fakt ist: Beschimpfungen als „Zigeuner“ und weitere antiziganistische Anwürfe bekommen Roma-Schüler immer wieder zu hören, und zwar häufiger, wenn sie in besonderen Klassen ausgesondert sind und damit gebrandmarkt werden, stellt Georgi Ivanov als Schulbegleiter fest. Können die deutschunkundigen Kinder hingegen eine Regelklasse besuchen und erhalten zusätzlich eine Sprachförderung, so seine Erfahrung, lernen sie viel schneller Deutsch, weil sie nicht ausschließlich mit Schüler_innen der eigenen Muttersprache zusammen sind. Solche Erkenntnisse waren auch ausschlaggebend für die Entscheidung der Kölner Schule Amaro Kher, kein zweites Schul-Projekt speziell für Roma-Kinder aufzubauen, wie es von der Stadt Köln für Kalk vorgeschlagen worden war. Der Kölner Pädagoge Kurt Holl, Vorstandsmitglied im Rom e.V., erwartet jetzt, dass ein Alternativkonzept ohne Sonderklassen zur Inklusion von Roma-Kindern aus den rechtsrheinischen Stadtteilen realisiert werden kann: „Das gemeinsam mit dem Jugendamt entwickelte Konzept sieht vor, dass die Roma-Kinder in Regelklassen gehen und dann zusätzliche intensive Betreuung erhalten in den Bereichen, wo sie Defizite haben.“

Abwehr in den Schulen gegen Kinder aus Rumänien und Bulgarien gilt vor allem deren sozialer Situation. Armut macht unbeliebt. Von den Roma aus Südosteuropa leben laut EU-Statistik 90 Prozent unter der Armutsgrenze. Nur jeder Fünfte ist krankenversichert.

Download: Das Gutachten Antiziganismus. Zum Stand der Forschung und der Gegenstrategien von Markus End, herausgegeben von RomnoKher – Haus für Kultur, Bildung und Antiziganismusforschung finden Sie hier.

Alexandra Graevskaja, Soziologin am Duisburger Institut für Sprach- und Sozialforschung, stellt fest, dass Einwanderer aus Rumänien und Bulgarien aufgrund von Armutsproblemen häufig pauschal als Roma bezeichnet werden. Überbelegte Abbruchhäuser, deren Müllcontainer überquellen, erschienen als schwieriges Gruppenverhalten. Schuld daran sind indessen die Vermieter.

Auch Medien und Politik seien durch Angst schürende Berichte mitverantwortlich für antiziganistische Stigmatisierung. Nur äußerst selten, so die Expertin, kommen Betroffene zu Wort.

Rassismus ist institutionalisiert
Zu ähnlichen Ergebnissen kam auch das Ende 2012 veröffentlichte „Gutachten Antiziganismus“ des Politologen Markus End vom Zentrum für Antisemitismusforschung an der TU Berlin: „Es ist also wichtig, die schlechten Zustände in der Versorgung mit angemessenem Wohnraum, die häufig schlechte Gesundheitsversorgung, die häufig schlechte Bildungs- und Arbeitsplatzsituation nicht zu behandeln, als wären sie Ergebnis von Naturkatastrophen oder gar von ,kulturellen Neigungen’. Sie sind Ergebnis von Diskriminierungsprozessen und -mechanismen, von Ausgrenzung und Verfolgung.“

Als Handlungsempfehlung formuliert das Gutachten: „Insbesondere die aufgrund einer regelmäßigen und über Generationen andauernden Diskriminierung häufig schlechtere sozio-ökonomische Situation sowie die häufig schlechtere Bildungssituation vieler Sinti und Roma muss die Bundesregierung vor die Aufgabe stellen, geeignete Fördermaßnahmen in allen gesellschaftlich relevanten Bereichen zu entwickeln.“

Elizabeta Jonuz und Wolf Bukow von der Universität Köln untersuchten Verhaltensmuster kommunaler Behörden gegenüber Migrant_innen aus Rumänien und Bulgarien, die einen Roma-Hintergrund aufweisen, und stießen auf einen verbreiteten institutionellen Rassismus. Als Lösungsansatz empfehlen sie eine Wiederaneignung der Kompetenzen von Stadtgesellschaften: Zuwanderung als Stärke und Gewinn zu verstehen.

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