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Servus Bosporus!

Deutsch geblieben – Kartoffelsalat und „Tagesschau“

Seit 168 Jahren lebt die Familie Köhle in Istanbul. Kultur: deutsch, Heimat: Istanbul. Wie es sich mit deutschem Brauchtum und katholischem Glauben mitten unter Türken lebt, macht Martin Köhle vor. Vielleicht als letzter seiner Familie.

Von Karl Grünberg Freitag, 18.10.2013, 8:30 Uhr|zuletzt aktualisiert: Mittwoch, 23.10.2013, 23:54 Uhr Lesedauer: 9 Minuten  |   Drucken

„Türken sollen sich besser integrieren…“, wenn Martin Köhle diesen Satz aus Deutschland hört, kann er nur den Kopf schütteln. „Sprache sprechen“, sagt er, „das ist wichtig.“ Aber sonst solle doch jeder seine Kultur behalten dürfen. Seit fünf Generationen leben die Köhles in Istanbul. Abends schaut Martin Köhle die „Tagesschau“, seine Kinder schickt er auf eine deutsche Schule, und jeden Sonntag besucht die Familie den Gottesdienst in der katholischen Gemeinde. „Warum sollte ich das alles nicht tun? Meine Kultur ist doch deutsch.“ Dass sie sich besser in die türkische Gesellschaft integrieren sollen, hat in den knapp 170 Jahren, die die Familie Köhles schon da sind, noch keiner von ihnen gefordert.

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Pforte auf, dahinter ein großer Garten: Flieder, Blumen, Bäume, eine Oase, umringt von Wohnhäusern. Drei Generationen Köhles treten auf den Kiesweg. Der älteste, Erwin, Mitte 70, geht vorne weg, der jüngste, Johannes, trottet hinterher. Die nächste Stunde auf einem Stuhl sitzen, Lieder singen und beten, Begeisterung sieht bei dem 13-Jährigen sicher anders aus. Es ist Sonntag, kurz nach 10 Uhr, in der deutsch-katholischen Gemeinde St. Paul werden Gesangsbücher ausgeteilt, Stühle und die mobile Orgel zurechtgerückt. Die Gemeinde liegt mitten im Zentrum von Istanbul, im Ausgeh- und Shoppingviertel Nisantasi. Nur ein unauffälliges Metallschild mit der Aufschrift „Eingang Paullussaal“ zeigt von außen an, wo die Deutschen lang müssen.

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Martin Köhle, 45 Jahre, arbeitet im Köhle-Familienunternehmen, das deutsche Firmen in der Türkei vertritt © Karl Grünberg

Martin Köhle, 45 Jahre, arbeitet im Köhle-Familienunternehmen, das deutsche Firmen in der Türkei vertritt © Karl Grünberg

„Meine Eltern haben mich in die Kirche geschleppt. Jetzt sind meine Kinder dran“, sagt Martin Köhle. Die deutsche Kirche ist für ihn die Verbindung zur „alten Kultur“. Um zu verstehen, was er damit meint, muss man 165 Jahre zurückreisen, in eine Zeit, in der viele Deutsche ihre Heimat aus wirtschaftlicher Not verließen. Die Köhles, allesamt Handwerker, stammen aus Süddeutschland. Doch anstatt in die USA oder nach Russland zu ziehen, landeten sie in Istanbul. Arbeit für gut ausgebildete Handwerker gab es zuhauf, bei der Bahn, fürs Militär, Heizungen mussten gebaut und Wasserleitungen gelegt werden. Der Sultan des Osmanischen Reiches schätzte den Fleiß und das Fachwissen der neuen Siedler. Seitdem lebt die Familie in Istanbul. Aus den Handwerkern sind Unternehmer geworden. „Hier ist meine Heimat, trotzdem bin ich deutsch. Ich bin ein Deutsch-Istanbuler Weltbürger“, sagt Martin Köhle.

Servus, Bosporus! Im April diesen Jahres reisten zwölf Schüler der Zeitenspiegel-Reportageschule nach Istanbul. Zehn Tage lang recherchierten sie in der türkischen Metropole für ihre Geschichten. Darin wollten sie vor allem die besonderen Beziehungen zwischen Menschen in Istanbul und Deutschland in den Fokus stellen. Aus den Geschichten ist „Servus, Bosporus!“ entstanden, ein Onlinemagazin, in dem sich die Vielfalt der Metropole Istanbul aber auch die Vielfalt journalistischer Erzählformen wieder findet. Einige der Artikel veröffentlichen wir in einer losen Reihe auch im MiGAZIN.“

Martin Köhle, 45, begrüßt Pfarrer Christian Rolke, 36. Vor drei Jahren ist der Pfarrer aus dem Rhein-Main-Gebiet nach Istanbul gekommen, um sich um die deutsch-katholischen Christen in der Türkei zu kümmern. Ein Dazugezogener, der eine Weile gebraucht hat, um das Beziehungsgeflecht der Deutschen in Istanbul zu entwirren. „Jeder kennt jeden, für die Deutschen ist Istanbul wie ein Dorf“, sagt Rolke. Eher wie eine Kleinstadt, denn es leben 30.000 Deutsche am Bosporus. Um da durchzublicken, hat er sich hingesetzt und für jeden, den er kennt, eine Karteikarte angelegt. Die hat er dann in einen Kasten gesteckt und nach Farben sortiert: „So kann ich optisch erfassen, wer zu wem gehört, wer wen kennt, in Istanbul oder außerhalb lebt, in meine Gemeinde oder zu den Protestanten geht.“ Eine deutsch-evangelische Kirche gibt es natürlich auch noch in Istanbul. Beide Gemeinden verstehen sich gut, feiern manchmal sogar zusammen Gottesdienste, in der Fremde ist vieles möglich.

Rolkes Hände zeichnen Linien in die Luft, während er von dem Unter-, Mit-, und Durcheinander erzählt, von Institutionen, Forschungseinrichtungen, von Firmen, dem Generalkonsulat, der Schule und von den Menschen, die nur ein paar Jahre da sind oder jenen, die für immer bleiben wollen und die, die schon immer hier wohnen.

Manchmal gibt es Anschläge
Die Köhles gehören zu denen, die schon immer da sind. Eigentlich ist das ganz einfach: Martin Köhle, fünfte Generation, die Eltern, die Vierte, seine beiden Kinder, Jonathan und Megan, die sechste Generation. Doch dann gibt es noch den Bruder, Matthias, der ist mit Christa verheiratet, die gehört in fünfter Generation zur polnischen Minderheit. Schnell nimmt es biblische Ausmaße an, Abraham heiratet Maria, und man sieht den verzweifelten Pfarrer mit seinen Karteikarten am Schreibtisch sitzen, Geflechte entwirren.

30 Gläubige verteilen sich an diesem Sonntag im Paulussaal, darunter ein Professor der Chirurgie, eine Lehrerin der Deutschen Schule, eine Rentnerin und eine junge Praktikantin. Die ersten Orgeltöne erklingen und der Begrüßungslärm legt sich. Es ist der zweite Sonntag nach Ostern. Der von den Toten auferstandene Jesus offenbart sich seinen Jüngern zum dritten Mal.

Gut versteckt liegt der Eingang zur St.-Paul-Gemeinde: Wer es nicht weiß, geht einfach vorbei © Karl Grünberg

Gut versteckt liegt der Eingang zur St.-Paul-Gemeinde: Wer es nicht weiß, geht einfach vorbei © Karl Grünberg

Isa ibn Maryam, so heißt Jesus im Koran. Darin steht, dass er ein Gesandter Gottes war, ein Prophet zwar, aber nicht Gottes Sohn. Die nächste große Moschee liegt nicht weit, circa 400 Meter Luftlinie entfernt, und bis zum Mittagsgebet, wenn die Sonne am höchsten steht, ist es noch Zeit. Gott und Allah kommen sich also nicht in die Quere, als die St.-Paul-Gemeinde das Lied 218, „Gelobt sei der Herr“ anstimmt.

Dass der Gottesdienst mitten in der Türkei stattfindet, ist nicht zu merken. Genauso gut könnte die Gemeinde irgendwo in Deutschland ihre Lieder singen. Denn zwischen Orgelmusik und Gebet vergisst man schnell, dass Christen in der Türkei nur geduldet sind. Kirchen haben keinen rechtlichen Status und werden einfach nur toleriert. Dass die Gemeinde von außen nicht erkennbar ist, dient als Schutz vor „Fanatikern, mit denen man nicht diskutieren kann“, sagt Martin Köhle. Manchmal gibt es Anschläge von nationalen oder religiösen Extremisten auf Christen in der Türkei, bei denen Menschen sterben. Auch Pfarrer Rolke ist in dem Punkt sehr vorsichtig: „Wir kümmern uns nur um die Deutschen und nicht um die Türken. Wir mischen uns nicht in Diskussionen ein und tragen nicht zur Provokation bei.“

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  1. Saadiya sagt:

    Super Artikel. Durch eigene Auslandserfahrungen weiß ich, dass man inbesondere in der Fremde gerne auf Altvertrautes zurückgreift und dass auch die Mehrzahl der Deutschen im Ausland nicht auf die Idee kommen, sich in die neue Kultur zu assimilieren, so wie es in Deutschland oft von den Einwanderen verlangt wird. Auch Deutsche sind im Ausland „integrationsunwillig“. Ich meine das nicht negativ, es ist einfach ein natürlicher, individueller Prozess…..Auch ich freue mich immer wie verrückt, irgendwo im Ausland auf einen deutschen Bäcker zu stoßen, der „gutes, deutsches Schwarzbrot“ im Angebot hat…..