Rückblick

Warum die Deutsche Islamkonferenz gescheitert ist

Zum letzten Mal in dieser Wahlperiode tagt heute die Deutsche Islamkonferenz. Eins der Themen ist der Kampf gegen Extremismus und Islamismus. Mit ein Grund, wieso die Konferenz scheiterte. Eine Analyse.

Von Dienstag, 07.05.2013, 8:27 Uhr|zuletzt aktualisiert: Dienstag, 01.12.2015, 9:28 Uhr Lesedauer: 9 Minuten  |   Drucken

Der Öffentlichkeit wurde jedoch ständig ein anderes Bild präsentiert. Nämlich, dass die Gefahr von Extremisten in Deutschland nicht in erster Linie durch Rechtsradikale, sondern von sogenannten „Islamisten“ und Muslimen stamme. Doch die Angriffe auf Moscheen und islamische Einrichtungen, auf Linke und politisch Andersdenkende und vor allem die NSU-Morde haben das Gegenteil verdeutlicht. Der derzeitige Sprecher des KRM, Aiman A. Mazyek, spricht „von rund 30 bekannt gewordenen Anschlägen auf islamische Einrichtungen in Deutschland allein im letzten Jahr 2012“. Die islamischen Religionsgemeinschaften seien, so Mazyek, äußerst besorgt und angespannt, wie es um den zukünftigen Schutz jedes Einzelnen und ihrer Gotteshäuser bestellt sei. Daher wäre eine neue Initiative Sicherheitspartnerschaft sehr begrüßenswert, die sich mit der Sicherheit der Muslime in Deutschland beschäftigt, sie vor Rechtsterror schützt und ihnen wieder das verlorengegangene Sicherheitsgefühl vermittelt und Vertrauen zurück gibt.

Seit dem 11. September 2001 gibt es aber auch verstärkte Integrationsbemühungen – sowohl aufseiten der Muslime wie auch aufseiten der staatlichen Institutionen. So gibt es eine verstärkte Zusammenarbeit zwischen Behörden und muslimischen Akteuren. Die Deutsche Islamkonferenz unter der Regie des Innenministeriums, der Integrationsgipfel unter Leitung der Bundesbeauftragten für Migration und Integration, ein sog. „Nationaler Integrationsplan“ und verschiedenste Zusammenkünfte, „runde Tische“ und Initiativen auf Bundes-, Landes- und kommunaler Ebene verdeutlichen die gesellschaftlich-politische Relevanz der Integration der Muslime nach dem 11. September. Auch wenn das Ziel eines „Dialogs auf Augenhöhe“ manchmal durch einen „Monolog auf Augenhöhe“ ersetzt wird, geht der Weg in die richtige Richtung: Die Einführung des islamischen Religionsunterrichts als bekenntnisorientiertes und ordentliches Schulfach in einigen Bundesländern, die Einführung von islamisch-theologischen Fakultäten an staatlichen Universitäten sowie die Ausbildung von Imamen und islamischen Gelehrten in Deutschland, unter der Aufsicht des deutschen Staates, können als wichtige Reaktion auf die Debatte nach dem 11. September und ebenso als Errungenschaften der DIK angesehen werden. Auch wenn Kritiker diese Errungenschaften als Erzeugung eines „Deutschen Islam“ in Misskredit zu bringen versuchen, sieht die Zukunft in Deutschland genau so aus. Dieser Realität müssen sich einige Organisationen stellen. Das heißt auch, dass sie Sorge tragen, geeignetes Personal für die Zukunft des Islam in Deutschland ausbilden. Zumindest haben die Debatten, die durch den 11. September ausgelöst wurden und in der DIK auf der Tagesordnung standen, diese gesellschaftlich-politischen Erneuerungen beschleunigt. Sie haben wie eine Art Katalysator auf die Integration der Muslime in Deutschland gewirkt.

Es gibt aber auch negative Auswirkungen für die Muslime: Das Thema „Islam“ wird nach dem 11. September stark politisiert und ideologisch diskutiert. Die muslimischen Einwanderer und ihre Religion werden oft als Gegenpol zur christlichen oder deutschen Mehrheitsbevölkerung gestellt. Es geht um simple „Freund-Feind-Denkmuster“, um „Wir“ und „Ihr“, wobei der Versuch unternommen wird, durch die Abwertung des „Anderen“ das „Eigene“ zu stärken. Darin verdeutlicht sich auch ein eigenes Identitätsproblem der Mehrheitsbevölkerung. Durch die Ab- und Ausgrenzung des „Anderen“ soll eine eigene „deutsche Identität“ geschaffen und gestärkt werden.

In Deutschland und Europa hat ein Wandel in der Wahrnehmung von Minderheiten stattgefunden: Vor dem 11. September wurden Einwanderer eher mit ethnischen Zuschreibungen wie „Türke“, „Marokkaner“, „Indonesier“ oder „Albaner“ behaftet. Heute spricht die Mehrheitsbevölkerung öfter von „Muslimen“ anstatt von „Türken“. Die Migranten werden somit allein auf ihre Religion bzw. zugewiesene Religion reduziert.

Überdies wird der Ge- und Missbrauch des Themas Integration und Islam zu Wahlkampfzwecken von Parteien und Eliten seit dem 11. September immer stärker betrieben. Eine Clique von Pseudowissenschaftlern, sie sich die „Islamkritik“ zu ihrer Hauptaufgabe gemacht haben, werden von immer mehr rechtspopulistischen Parteien und Internetseiten hofiert. Die Hauptdarsteller dieser „Industrie“ bewegen sich im Terrain der „Islamophobie“ und „Islamfeindlichkeit“, des „Antimuslimischen Rassismus“ und der „Muslimfeindlichkeit“ bis hin zum „Islamhass“.

Der Islam und die Muslime wurden durch die öffentliche Wahrnehmung und die Debatten nach dem 11. September unter Generalverdacht gestellt. Ob dabei Konferenzen wie der 2011 einberufene „Präventionsgipfel“ etwas ändern werden, bleibt fraglich. Die Reduzierung gesellschaftlich-kultureller Fragen auf Sicherheitsthemen wird den Generalverdacht gegenüber Muslimen nur bekräftigen. Eine Zukunftsfrage, die sich für die Muslime in Deutschland stellt, ist die nach der Gleichstellung des Islam als Körperschaft des öffentlichen Rechts und der gleichberechtigten Partizipation.

Der Zusammenschluss der vier großen muslimischen Verbände unter dem Dach des Koordinationsrates der Muslime war eine Reaktion auf die Forderung der Politik, nur mit einem einzigen Ansprechpartner verhandeln zu wollen. Bedauerlicherweise zeichnet sich ab, dass dieselbe Politik bezüglich der Anerkennung der Muslime mit immer neuen und unerfüllbaren Forderungen an die Verbände herantritt. Die Verbände wiederum fühlen sich durch immer neu auftauchende Hürden an der Nase herumgeführt. Es bleibt abzuwarten, ob die DIK überhaupt in der Lage ist und die Legitimität besitzt, den Islam mit den christlichen Glaubensgemeinschaften gleichzustellen. Im Moment sieht es nicht danach aus. Fest steht: Eine Islamkonferenz ohne die Hälfte der muslimischen Verbände ist eine Farce.

Seiten: 1 2

Zurück zur Startseite
MiGAZIN ABONNIEREN (mehr Informationen)

MiGAZIN wird von seinen Lesern ermöglicht. Sie tragen als Abonnenten dazu bei, dass wir unabhängig berichten und Fragen stellen können. Vielen Dank!

WEITERE INFOS
MiGLETTER (mehr Informationen)

Bestelle jetzt den kostenlosen MiGAZIN-Newsletter:

Auch interessant
MiGDISKUTIEREN (Bitte die Netiquette beachten.)

  1. Pingback: Islamkonferenz tot. Wiederauferstehung nach der Wahl.