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Fremdschämen

Mehr Feingefühl und Pietät hätten nicht geschadet

Wer von der Brigitte-Redaktion kam eigentlich auf die Idee, sich für den Prozess gegen die rechtsradikale Terroristin Beate Zschäpe akkreditieren zu lassen? Vor allem: Warum? Und: Was ist eigentlich los bei der Pressestelle des Oberlandesgerichts in München? Fragen einer Nachrichten lesenden und nachdenkenden Journalistin.

Von Freitag, 03.05.2013, 8:28 Uhr|zuletzt aktualisiert: Dienstag, 07.05.2013, 1:49 Uhr Lesedauer: 4 Minuten  |   Drucken

„Das Oberlandesgericht München reagiert auf eine Panne bei der Auslosung der Presseplätze für den NSU-Prozess. Ein Sitz, der falsch vergeben worden war, ist nun wieder frei und wird erneut verlost. Vorgesehen ist er für ein deutschsprachiges Medium.“ Wäre die zitierte Passage nicht aus einem Artikel von Spiegel Online und wäre er dort nicht im Ressort Nachrichten platziert gewesen, dann hätte ich über einen herrlich satirischen Text lachen können. Da es sich aber nicht um solch eine Textgattung handelt, bleibt mir das Lachen im Halse stecken und ich frage mich – wie sicherlich auch viele andere – was da los ist beim Oberlandesgericht in München. Eigentlich müssten jetzt mal die Psychologen und nicht die Politologen und all die anderen Gesellschafts- und Gerichtskritiker ran, um uns eine mögliche Erklärung für all die Pannen im Gerichtsgebäude der bayrischen Hauptstadt zu liefern.

So gar nicht lachen kann ich auch über einen anderen Artikel, entdeckt auf Brigitte.de: „Vom 6. Mai an steht Deutschlands meistgehasste Angeklagte, die Rechtsterroristin Beate Zschäpe, vor Gericht. Auch BRIGITTE wird im Gerichtssaal dabei sein und über den Prozess berichten. Im Vorfeld trafen wir die Frau, von der Zschäpes Schicksal abhängt: ihre Anwältin Anja Sturm.“ Dank der Zeilen einer Autorin namens Claudia Kirsch erfahren Leserinnen und auch Leser, sofern sie sich auf Brigitte.de verirren, dass die Anwältin Sturm mit energischem Schritt und Rollkoffer in der Hand“ durch die Gänge des Berliner Landesgerichtes hetzt. Die Journalistin hat sich freundlicherweise die Mühe gemacht, Zschäpes Verteidigerin bei einem Termin vor Ort in Augenschein zu nehmen, damit sie mit atmosphärischen Beschreibungen und möglichst vielen Details über die Person, ganz wie journalistische Lehrbücher im Kapitel „Porträt“ vorgegeben, eben diesen Menschen vor dem geistigen Auge des Lesers erscheinen lassen kann: „Sie trägt hochhackige Schuhe zum schwarzen Designerkostüm, die Lippen knallrot, die blonden Haare kurz. Selbstbewusst tritt sie auf – und verwandelt sich binnen Sekunden in eine fürsorgliche Anwältin, als sie ihrem Mandanten Mut zuspricht.“ (Um Irritationen zu vermeiden: Bei dem Mandanten handelt es sich um einen jungen Mann, der in erster Instanz zu neun Monaten Haft wegen Unterschlagung verurteilt worden war.)

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Zu hoffen ist, dass Brigitte-Leserinnen Details dieser Art erspart bleiben, wenn die Zeitschrift über den NSU-Prozess berichtet. Womit ich eine elegante Kurve zu einer weiteren Frage gekriegt habe, die mich beschäftigt. Warum um Himmelswillen bewirbt sich die Brigitte-Redaktion um die Akkreditierung als Prozessbeobachter? Muss eine Frauenzeitschrift, die sich sonst mit Texten und Bildern zum Outfit von weiblichen Prominenten und weniger prominenten Menschen hervortut und sich um deren Ambiente kümmert, ihnen Tipps und Tricks fürs Wohlfühlen verrät, bei einem der wichtigsten politischen Prozesse der deutschen Nachkriegsgeschichte einen der eh schon knappen Presseplätze belegen? Eine Antwort auf diese Frage habe ich bereits erhalten – von einem Kollegen, der für ein Kirchenmedium arbeitet. Gruner und Jahr habe „einfach so viele halbwegs sinnvolle Marken wie möglich in den Lostopf geschickt, um die Chancen zu erhöhen, eigene Berichterstatter zu haben“. Ach so funktionierte es also mit dem Losverfahren: Große Medienhäuser mit mehreren Titeln veranlassten, dass jede Redaktion sich einzeln bewarb, um auf jeden Fall einen der heißbegehrten Plätze zu bekommen. Herausgeber nur eines Titels haben damit geloost! Was soll an diesem Losverfahren gerecht sein?

Ich habe noch eine weitere Frage: Ob die Pressestelle des OLG auch die Bewerbung der Heimwerker-Zeitschrift „Selber machen“ in den Lostopf gesteckt haben würde, sofern eine Bewerbung beworben vorläge? Ich meine: Ein gewisses Interesse der Redaktion wäre vorhanden, denn die Terroristen haben sich ja auch als Heimwerker hervorgetan und Bomben gebaut.

Genug der Ironie! Jetzt mal eine ganz andere Frage, die ich in die Runde werfe: Tragen nicht auch die Medien dazu bei, dass der bevorstehende NSU-Prozess zu einer Farce wurde? Hätte nicht so manch eine Redaktion mal Inne halten und so zur Einsicht gelangen können, dass die Präsenz ihrer Mitarbeiter nicht wirklich nötig ist und Agentur-Texte auch der Chronistenpflicht genügen… Zumal anzunehmen ist, dass in Lokalredaktionen, auf Hits ausgerichteten Radiosendern sowie Mode- und Heimwerker-Zeitschriften nicht genuine Gerichtsreporter sitzen.

Dass sich Radiosender mit Musik als Programmschwerpunkt sowie Zeitschriften mit Akzent auf Mode und Wellness über die Berichterstattung vom NSU-Prozess profilieren/ hervortuen wollen, ist zwar nicht das eigentlich beschämende an den Pannen im NSU-Verfahren, beschämend ist es aber schon, so sehr, dass ich mich als Journalistin fremdschäde. Gerade bei der zweiten Runde des Auswahlverfahrens hätte – aus Respekt vor den Hinterbliebenen – mehr Feingefühl und Pietät nicht geschadet. Das aber darf man wohl von Medien nicht erwarten.

Mit diesen Überlegungen wage ich mich wahrscheinlich weit heraus und werde gewiss den Unmut manch eines Kollegen hervorrufen.

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