Kısmet

Eselsbrücken der Kulturen

Ich muss noch immer schmunzeln. Was für ein Tier ist das denn bitte? Meine Schwiegereltern und eine Schwester meiner Freundin (mit Mann und Kind) waren bei uns zu Besuch.

Von Florian Schrodt Mittwoch, 12.09.2012, 8:28 Uhr|zuletzt aktualisiert: Dienstag, 18.09.2012, 20:39 Uhr Lesedauer: 7 Minuten  |  

Zur Begrüßung stürzte die kleine Nichte durch den Flur, packte meinen Arm mit ihren zarten Händen und quetschte ihn mit aller Kraft. Immer wieder schrie sie ächzend vor Freude BRENN ESEL, BRENN ESEL. Brennesel, prustete ich? Mittlerweile schauten mich weit aufgerissene Augenpaare sämtlicher Familienmitglieder verwundert an. Schon des Öfteren musste ich mich von meiner Freundin als Esek bezeichnen lassen, aber von einem solchen Esel hatte ich noch nicht gehört. Ich schnappte nach Luft und setzte zu einer Erklärung an: BRENN NESSEL heißt es. Das hatte über all die Jahre niemand gewusst. Aber auch keiner hatte sie korrigiert. Nun war schallendes Gelächter allgegenwärtig.

Noch immer krumm vor Lachen setzten wir uns auf die Couch und steckten die Köpfe zusammen. Ich hatte einen willkommenen Besserwisser-Anlass für meinen Schwager geboten, mich mit einigen Fragen zu bombardieren. Vor allem Deklinationen machten ihm gerade das Leben schwer, die er gerade in seinem Sprachkurs pauken musste. Sein Deutsch ist zwar ziemlich gut, aber da er erst seit 15 Jahren in Deutschland lebt, wollte er seine deutsche Staatsbürgerschaft mit einem amtlichen Dokument seiner sprachlichen Fertigkeiten untermauern. Macht sich ebenso gut im Lebenslauf wie an der Wohnzimmerwand. In Sachen Grammatik ist er mittlerweile recht fit, obwohl es für ihn in dieser didaktischen Form Neuland ist. Gewohnt an die Suffixe des Türkischen, erschien ihm die deutsche Sprache bisweilen als ein linguistisches Dickicht. Stetige Ausnahmen bei der Wortbeugung sind in seiner Muttersprache eher unüblich.

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Mein Schwiegervater zückte obendrein sein Lexikon. Auch er wollte sich die Gelegenheit nicht entgehen lassen, einige unbekannte Idiome zu klären. Diese sind meist ziemlich altbacken und in seinem neu erworbenen Büchlein nicht mehr zu finden. Diese Wörterbücher sind seit über 40 Jahren sein steter Begleiter seit er einmal nahezu von einem Vorarbeiter zurück in die Türkei geschickt wurde. Aufgrund eines Irrtums hatte er seinen Kollegen, der sich verwundet hatte, nicht zum firmeninternen Sanitäter gebracht, auch heute sagt er noch Sanitär (wiederum eine andere Örtlichkeit), sondern ins Büro seines Chefs, weil er eben dieses Wort nicht kannte. Schon damals kränkte dieser Fauxpas seinen Stolz, war er doch immer erste und zugleich verlässliche Anlaufstelle für seine Kollegen, für die er sprachlich vermittelte. Was für den ein oder anderen erstaunlich war, wenn er ihn das erste Mal traf, der ihn nur auf Empfehlung vom Hörensagen kannte. Mit freudestrahlenden Augen erzählt er dann von einem Jungen, der ihn als großen bärenstarken Mann erwartete und der etwas enttäuscht dreinschaute, als er ein schmales und hageres „Männlein“ vor sich sah. Das ihm trotzdem half, so dass der Junge meinte, dass der kleine Mann umso mehr zu respektieren sei, sein Herz sei größer als seine Statur. Und das trägt er manchmal auch auf der Zunge. Oft ärgert er sich in lautstarken Monologen über seine Vergesslichkeit, die er in weit ausholender Eigendiagnose als sehr weit voranschreitend bezeichnet und dass diese auch daran schuld sei, dass sein Deutsch immer schlechter wurde. Die Sprache, die er sich so hart autodidaktisch angeeignet hatte. Und obendrein sein Allgemeinwissen, dass er bereits als kleiner Junge Stück für Stück aufbaute. Für seine 81 Jahre ist er meiner Ansicht nach noch sehr rüstig, immerhin braucht er nur zehn Sekunden, um sich an die Hauptstadt Tansanias zu erinnern. Ich hingegen hatte von Dodoma noch nie gehört.

Während er also lamentierte, stand seine Enkelin vor dem Hoffenster und brüllte: „Dedeeeee! (Opa)“. Ob auch sie seine Hilfsbereitschaft in Anspruch nehmen wollte ist ungewiss, da er wohl nicht gerade am schnellsten darin war, nach draußen zu eilen. Er saß wohl einfach am nächsten zum Fenster. Sein Schwiegersohn hingegen, mein Schwager, war ihm schon einige Schritte voraus. Auf der Straße stand heulend ein kleiner Junge von vielleicht acht Jahren neben meiner Nichte. Er brüllte verzweifelt auf alle unsere Fragen nur „Anne kaufa gitti“. Selbst ich verstand dies trotz meiner leider sehr schlechten Türkischkenntnisse (ich gelobe Besserung!). Kein Wunder, sein Geschreie war ja auch Deutsch-Türkisch in Reinform, womit wir wieder bei den Suffixen wären. Auf gut Deutsch heißt es: „Mama ist zum Einkaufen gegangen.“ Wobei „Kaufa“ eigentlich aus dem deutschen Wort „kaufen“ abgeleitet ist und mit einem angehängten „a“ à la türkischem Suffix versehen wurde.Nachdem wir uns trotz seiner misslichen Situation insgeheim etwas über diese Mischaussprache amüsiert hatten und nebenbei versuchten ihn zu beruhigen, warteten wir mit ihm noch einige Minuten bis seine Mutter außer Atem angerannt kam. Sie war peinlich berührt, entschuldigte sich vielmals und lud uns sogleich zu Cay ein. Wir hatten jedoch selbst noch Einkäufe zu tätigen, so dass wir dankend ausschlugen und uns vertagten. Meine Nachbarn hingegen schielten nur hinter den Vorhängen hervor. Die Krönung folgte am nächsten Tag, als sie sich bei mir beschwerten, dass diese türkische (sic!) Mutter den armen Jungen allein gelassen habe. Dass er unbemerkt abgehauen war und die Mutter ihn krank vor Sorge suchte, spielte für sie keine Rolle. Wie vorbildlich, dass die (deutschen) Nachbarn nach dem Bub schauten, statt lästernd drinnen zu bleiben.

Aber zurück zu unserem Einkauf – oder besser gesagt meinem. Die kurze Aufregung hatte bei uns allen Hunger verursacht. Meine Freundin entschwand daher mit ihrer Mutter und Geschwistern in die Küche. So war es an mir und meinem Schwager schnell Dill, Petersilie und Kisir zu besorgen. Obendrein sollte Lahmacun gemacht werden. Praktisch, dass Bäcker und Laden direkt bei uns um die Ecke an der Moschee sind. Mein Schwager ging in den Laden, ich sollte zum Bäcker. Bislang war ich nie alleine dort gewesen, weil ich mich allzu gerne auf die Türkischkenntnisse meiner Freundin verlassen habe. Nun stand ich vor dem Bäcker und wollte 15 Lahmachun zu je einem Euro haben. Sein Deutsch ist nicht so gut (an dem Tag besser als meine Rechenkünste), seine Backkünste jedoch umso mehr. Als er mit einer großen, noch warmen Tüte wiederkam, drückte ich ihm zehn Euro in die Hand und sagte freundlich „stimmt so“. Er nickte, wenn auch mit irritiertem Blick. Auf dem Weg zum Wagen ist mir dann mein Missgeschick aufgefallen. Als ich zurückeilte, um ihm nochmals 10 Euro zu geben, erwiderte er nur, dass es ok sei, weil wir den Preis ausgemacht hätten. Um meine Verlegenheit zu überspielen, schob ich leise hinterher: „Kolay gelsin“ (Gutes Gelingen). Er strahlte und legte mir noch einen 18. (!) Lahmacun, wie sich zu Hause rausstellte, obendrauf.

Ich tappte zum Laden, um meinen Schwager zu holen. Drinnen machte er sich an einer riesigen Melone zu schaffen. Wie sehr Türken Familienmenschen sind, sieht man recht gut an den Proportionen ihrer Lebensmittel. Riesige Tüten mit Bulgur, ebenso große Melonen und Käseverpackungen an denen deutsche Haushalte wohl verzweifeln würden. An der Kasse wurde ich gleich wieder Rot vor Scham, weil mein Schwager gerne, vor allem aus Neckigkeit, dazu neigt, zu feilschen. So machen das richtige Türken, sagt er dann immer mit einem breiten Grinsen. Er hat damit durchaus Erfolg. (Selbst beim Kauf meines Druckers hatte er in der Woche zuvor noch Papier obendrauf bekommen, nachdem es mit der Tinte nicht geklappt hatte.) Die junge Dame an der Kasse konnte sich ein Lächeln über seine Handelskünste nicht verkneifen und gab ihm nach – 50 Cent Ersparnis beim Petersilie. (Übrigens: man soll sich nicht täuschen lassen. Die Dame spricht glasklares Deutsch, was meine Nachbarn ihr auf Grund ihres Äußeren sicher nicht zugetraut hätten). Sie hatte mich noch nicht gesehen, weshalb mein Schwager ihr in Eile erklärte, wer ich bin. Ich hörte nur Bacanak (Verwandtschaftsverhältnis von Männern, die Schwestern geheiratet haben) heraus, weshalb ich mir zusammenreimen konnte, worum es ging. Nicht nur bei der Sprache habe ich Nachholbedarf, sondern auch an den vielen Wörtern der türkischen Verwandtschaftsbeziehungen. Diese Sache mit den mütterlichen und väterlichen Linien ist für mich nicht so einfach zu durchschauen. Als wir zu Hause ankamen, stürzte meine Nichte uns sogleich wieder entgegen und brüllte „Brennesel“. Baba saß unterdessen mit seinem Lexikon auf der Couch und blickte mich erwartungsfroh an. Ich musste der Dame an der Ladenkasse insgeheim recht geben, als sie ein paar Minuten zuvor betonte, dass ich eine sehr liebenswürdige Familie hätte. Allaha şükür. 1

  1. Gott sei Dank
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  1. Deutscher sagt:

    Ich habe mit Türken bisher auch eher nur schlechte Erfahrungen gemacht. Sowohl hier, als auch in der Türkei. Allerdings war ich auch noch kein Familienmitglied. Daher kann ich Hanssens Kommentar ein bisschen nachvollziehen, wird hier doch ein sehr geschöntes Bild gezeichnet. Dennoch gefällt mir der Artikel und die Kolumne sehr gut, weiter so, Herr Schrodt!

  2. fantomas sagt:

    @Deutscher, ich habe bisher mit „Deutschen“ auch nur schlechte Erfahrungen gesammelt. Deutsche sind egoistisch, unfreundlich, dauerunglücklich, unmoralisch, vollkommen materiell eingestellt und absolut gefühlskalt. Dennoch ist das für mich kein Grund, einen Deutschen im Alltag nicht mit dem nötigen Respekt und entsprechender Achtung zu behandeln, denn ich werde auch immer wieder mal positiv überrascht. Selbst wenn ich überhaupt keine positiven Erlebnisse mit Deutschen hätte, wäre das kein Grund, diese abgrundtief zu hassen, denn wir leben in einem freien Land. Ich meine, ich bin ja nicht gezwungen, meine Zeit mit Personen zu verbringen, die aus menschlicher Sicht totale Nieten sind und augenscheinlich außer Bier saufen keine andere Art des Glücklichseins kennen, ich kann ja zum Glück auf meinesgleichen zurück greifen. Immer locker und cool bleiben, leben und leben lassen.

    Zu Herrn Schrodt:
    Ich finde ihre Geschichten herrlich. Wenn ich ihre Stories lese, kommt es mir so vor, als wären sie ein Mensch, der sein Glück kaum fassen kann und sie nehmen uns mit auf diese Reise. Schön, daß es Menschen wie sie gibt, die sich auf die „richtigen“ Dinge im Leben konzentrieren und ihr Glück zu schätzen wissen. Das liegt sicherlich auch an ihrer eigenen offenen Art. Ich meine, solche Typen wie ein „Hans“ oder „Deutscher“ würden wahrscheinlich selbst in ihrer Haut nicht die selben Erfahrungen machen, weil sie eine komplett andere Einstellung bzw Sicht zu ihren Mitmenschen haben. Wie man in den Wald ruft, so schallt es heraus.

  3. Hans sagt:

    „Deutsche sind egoistisch, unfreundlich, dauerunglücklich, unmoralisch, vollkommen materiell eingestellt und absolut gefühlskalt.“

    Sind Sie so, Herr Schrodt? Nun ja. Ich kann mich zumindest daran nicht erkennten.

    Vielen Dank für Ihre Antwort, Ihre Argumentation hat mich überzeugt. Mehr gibt es da nicht zu sagen. Ich hatte doch wirklich geglaubt, Sie wollen durch die Hintertür irgendeine politische Aussage treffen.

    Danke nochmals und weiterhin viel Erfolg mit Ihrer Kolumne!

    @fantomas
    Ihr Kommentar offenbart, dass SIE die Niete sind. In diesem Sinne

    Hans

  4. Hans sagt:

    „Schön, daß es Menschen wie sie gibt, die sich auf die “richtigen” Dinge im Leben konzentrieren und ihr Glück zu schätzen wissen. Das liegt sicherlich auch an ihrer eigenen offenen Art.“

    Nochmals, Fantomas. Über Ihren bissigen Kommentar muss ich schon stauen. Einerseits hetzen Sie über Deutsche, andererseits schmieren Sie dem (deutschen) Autor Honig um den Mund. Komische Einstellung.

    Was sind denn die „richtigen“ Dinge, wenn ich fragen darf? Sich in einer türkischen Familie zuhause fühlen? Oder das Türkentum bewundern? Glauben Sie mir, ich habe nichts gegen Türken. Hatte früher sogar mal ne Menge türkischer Freunde. Und das Deutsche „unmoralisch“ sind… lach. Gucken Sie sich mal die Korruption in der Türkei an. Ich denke, Türken sind gar nicht so anders, als Deutsche.

  5. Songül sagt:

    @Hans
    Wo bitteschön steht geschrieben, dass gelungene Integration von Bildung, Religiösitaet und politischer Orientierung abhängig ist?
    Integriert ist Ihrer Meinung nach, wer Ihnen am Ähnlichsten ist. Sehr kleinkariert… Im Fachjargon spricht man in dem Fall von Assimilation.

    @Florian
    Allah bozmasın :-)

  6. kantomas sagt:

    Ich möchte zunächst einmal klarstellen, dass „fantomas“ und ich „kantomas“ nicht dieselbe Person sind, obwohl ich den Namen „fantomas“ auch schon mal an anderer Stelle gelegentlich benutzt habe. Das ist schon ein merkwürdiger Zufall.

    Bei einem Satz von „fantomas“ muss ich ihm absolut recht geben, nämlich dass ein „Hans“ in derselben türkischen Familie bestimmt ganz andere Eindrücke gewonnen hätte. Und das muss nicht einmal unbedingt mit dem Spruch zu tun haben: „Wie man in den Wald ruft, so schallt es wieder raus“. Ein Mensch mit Vorurteilen und Befindlichkeiten gegenüber einer anderen Kultur wird meistens einfach nur das aufnehmen, was seinen innersten Vorstellungen entspricht, und das meiste, was nicht dazu passt, einfach ausblenden. Man nennt das auch selektive Wahrnehmung.

    Ich denke, die positiven Erfahrungen, die Herr Schrodt mit seiner türkischen Familie macht, hat auch zu einem großen Teil mit seiner offenen und vorurteilsfreien Art zu tun.

    Zu Herrn Schrodt: Ich lese ihre Berichte sehr gerne. Lassen Sie sich das nicht von Menschen kaputtmachen, deren einzige Bestrebung darin zu bestehen scheint, sich über andere Kulturen aufzuregen und die nur dann zufrieden sind, wenn sie Negatives zu lesen bekommen. Ich selbst habe auch eine kleine Tochter und komme ursprünglich aus der Türkei. Ich hätte keinerlei Probleme, wenn sich meine Tochter einen Mann aus einer anderen Kultur aussuchen würde. Alles was mich interessieren würde, wäre, ob dieser Mann ein anständiger und ein herzensguter Mensch ist und meine Tochter anständig behandeln würde. Ich würde mir jedenfalls wünschen, dass dieser Mann etwas von Ihrem offenen, vorurteilsfreien und liebenswürdigen Art hätte.

    Lieben Gruss

    kantomas

  7. fantomas sagt:

    Also wenn ich meinen Kommentar nochmal so durchlese, fällt mir auf, dass ich ja mitlerweile voll der Rassist geworden bin. Hmm… eigentlich kein Wunder, hatte ja auch die beste „Ausbildung“ und das 35 Jahre lang…

    P.S.: Kanns bestätigen, ich bin nicht „kantomas“, war nur durch den Namen inspiriert, sozusagen.

  8. fantomas sagt:

    @Hans, da Sie sich die Mühe gemacht haben, sich gleich doppelt über meinen Kommentar zu echauffieren, möchte ich Ihnen wenigstens anstandshalber antworten:

    „Sind Sie so, Herr Schrodt? Nun ja. Ich kann mich zumindest daran nicht erkennten.“. Ich gehe mal davon aus, daß Sie in ihrer Empörung folgendes nicht mehr gelesen haben: „Dennoch ist das für mich kein Grund, einen Deutschen im Alltag nicht mit dem nötigen Respekt und entsprechender Achtung zu behandeln, DENN ICH WERDE AUCH IMMER WIEDER MAL POSITIV ÜBERRASCHT.“. Hier habe ich selbstredend Herrn Schrodt eingeschlossen, aber da habe ich wohl zu viel Hirnschmalz vorausgesetzt.

    „Über Ihren bissigen Kommentar muss ich schon stauen. Einerseits hetzen Sie über Deutsche, andererseits… „. Ich hetze gegen Deutsche? Ich habe doch bloss mal sagen dürfen, so macht man das doch in Deutschland, habe ich so gelernt. Sarrazin hat ja auch nicht gehetzt, das waren schließlich alles belegte Fakten, oder nicht? Der hat einfach mal die Tatsachen gesammelt.Und der war und ist ja nicht der Einzige. Laut Irmer sind wir ohnehin alle Täuscher. Eure Politik sagt im Bundestag ganz unverhohlen solche Sätze wie „Lieber Kinder statt Inder“ usw. das ist aber alles berechtigt, keine Hetze oder wie? Abgeordente mit Migru werden in Landtagen öffentlich beschimpft, sie sollen dahin zurück, wo sie herkommen, das ist keine Hetze oder wie, wird man ja mal sagen dürfen? Menschen vor Gebetshäusern auflauern um sie dann aufs maximale zu provozieren ist dann anscheinend gar nicht so gemeint, man will wohl nur spielen, man muss den Deutschen aber auch verstehen. Erwachsene, die hilflose Kinder in U-Bahnen als Sch…kanaken beschimpfen, alles normal. Institutionell geduldeter Rassismus, alles normaltemperatur oder wie? Aber wehe ein Türke sagt, er kommt mit Deutschen nicht klar, weil man ihnen mal ein wenig den Spiegel vor hält. Dass ich nicht lache.Soviel zu eurer eigenen Kritikfähigkeit und wie man also mit Kritik umgeht, aber wir regen uns ja über alles immer emotionsgeladen und unsachlich auf, nicht wahr. Man wirft uns die schlimmsten Demütigungen vor die Füsse und verlangt dann noch emotionslose Sachlichkeit, nicht wahr?

    „Was sind denn die “richtigen” Dinge, wenn ich fragen darf? Sich in einer türkischen Familie zuhause fühlen? Oder das Türkentum bewundern?“. Genau, das sind die richtigen Dinge. Richtige Dinge sind gute Dinge, positive Dinge, alles was positiv und gut ist, für sich selbst, für seine Mitmenschen, für Gott. Der Mensch hat ein angeborenes Gefühl, was moralisch gut und böse ist. Schon als Kind weiß man ohne Authoritäten, was der Welt und der Gerechtigkeit gut tun würde, vorausgesetzt man wurde nicht vorher bösartig indoktriniert und hatte eine normale Kindheit. Allerdings kann man da noch nicht die politischen Dimensionen begreifen. Jeder Kriminelle weiss automatisch, dass er etwas schlechtes tut, spätestens wenn sich sein Gewissen meldet.

    „Glauben Sie mir, ich habe nichts gegen Türken. Hatte früher sogar mal ne Menge türkischer Freunde.“ Ich habe auch ne Menge deutscher Freunde, obwohl ich diese nicht wirklich als „Freunde“ in dem Sinne zähle, denn wenn ich sie mal ernsthaft brauchen würde, könnte ich auf keinen von denen zählen. Was sagen meine deutschen Kontakte jetzt über mich aus? Bin ich jetzt supidupitopmegagigaintegriert, weil ich ab und an mal ein Bierchen mit euch trinke? Warum ich denn dann kein Schweinefleisch esse, nur weil es ein „Dogma“ sei? Nein, weil ich davon überzeugt bin, weil ich kein Fleisch eines Tieres esse, das es im Laufe der Evolution nicht geschafft hat, sich seiner Exkremente zu erheben und seine eigenen Fäkalien frisst. Sowas nennt man Prinzipien aus Überzeugung, aber das kann ich von einem „Hans“ oder „Deutschen“ natürlich nicht verlangen, dass die sowas nachvollziehen können.

  9. Florian Schrodt sagt:

    Hallo zusammen,
    ich schreibe jetzt einfach mal an die gesamte Runde, auch wenn ich mich sehr über jeden einzelnen Beitrag freue. Freue? Ja, genau das. Manchmal macht es eben keinen Sinn, alles rein sachlich und fundiert auszutauschen und ewig neue Argumente anzuführen. Sich „auskotzen“ zu dürfen kann auch schon mal viel wert sein, weil dann Dinge, die im Argen liegen, ungeschönt ausgesprochen werden. Schade, dass wir hier zu keinem Konsens kommen oder uns zumindest darauf zubewegen.

    Ich schreibe meine Kolumne, um das Leben in meiner Familie, die kulturell andere Wurzeln als ich hat, greifbar zu machen, Neugier zu wecken und das ein oder andere Klischee ad absurdum zu führen. Gestern wurde ich gleich wieder bei einem Mittagessen zuerst gefragt, ob ich denn schon mal Stress mit meinem Schwiegervater hatte. Übrigens nicht von einem Deutschen.

    Ich finde im täglichen Zusammenleben sehr schade, dass man ein Stück weit nebeneinander herdriftet und vieles, was man eigentlich nur vom Hörensagen oder vagen Eindrücken her kannte, als pauschal gegeben hinnimmt. So schaukeln sich die Klischees hoch und werden gar nicht mehr hinterfragt. Ar…löcher gibt es doch in jeder Kultur, um die muss man sich auch nicht unbedingt bemühen. ;-) Wenn dann aber per se alle in ein solches Raster gesteckt werden, ist dies traurig. Ich möchte hier dazu anstoßen, Denkmuster zu hinterfragen, auch ein Grund für meinen rein wohlwollenden (aber nicht „getürkten“ :P) Blick.
    Es kommt auf die Menschen an, und die versuche ich meinen Geschichten in den Vordergrund zu stellen. Auch ich war überrascht, wie anders das Leben sein kann. Aber wenn als Basis Respekt und Empathie vorhanden sind, sind die Unterschiede gar nicht mehr so groß. Blicke hinter die Fassaden sind wichtig, denn nur so kann man begreifen, warum Menschen so sind wie sie sind und dadurch vielleicht ein gegenseitiges Aufeinanderzugehen bewirken. Dazu möchte ich hier anregen. (Leider ist das wohl noch ein sehr langer Weg.)
    @Hans sehr positiv fand ich, dass man mit einem kurzen (indirekten) Austausch einige Vorbehalte gegenüber diesem Text beseitigen konnte, ich hoffe, wir bleiben auf diesem Weg. :-)
    @Deutscher ich hoffe, Sie sind animiert worden, nach guten Beispielen Ausschau zu halten, ich habe ihren Beitrag gar nicht so negativ verstanden. Hoffe, ich liege damit richtig? :-)
    @fantomas Sie sprechen deutlich aus, was ich mittlerweile leider schon oft gehört habe, dass sich Menschen, die seit Jahrzehnten hier leben (geboren wurden), immer noch nicht heimisch fühlen können. Ich hoffe, Sie (wir) lassen uns davon nicht abschrecken und behalten gute Überzeugungen. :-)
    @kantomas Bleiben Sie zuversichtlich. Sie haben es gesagt, auf den Menschen kommt es an. :-)
    @Songül wie sagt man? Amin :-)
    @alle es freut mich, dass der Text gefällt. Ich hoffe, Sie bleiben mir treu. ;-)
    Auf bald, görüşürüz
    Florian

  10. Klose sagt:

    „Nein, weil ich davon überzeugt bin, weil ich kein Fleisch eines Tieres esse, das es im Laufe der Evolution nicht geschafft hat, sich seiner Exkremente zu erheben und seine eigenen Fäkalien frisst.“

    Wenn ich an die Fliegen denke, die in der Türkei auf dem Basar auf dem Hackfleisch rumspazieren… und in der Suppe schwammen…. 5 Wochen Dauerdurchfall. Und dann redet einer Türke über Sauberkeit.