Zwischen Anspruch und Wirklichkeit

Vielfalt und Interkulturalität im deutschen Bibliothekswesen

Die interkulturelle Bibliotheksarbeit steckt in Deutschland tief in den Kinderschuhen. Was sind die Ursachen, was die Folgen und wo gibt es gute Vorbilder? Ein Plädoyer für eine stärkere Bibliotheksarbeit, die Migranten gezielt ins Visier nimmt.

Von Wolfgang Kaiser Mittwoch, 05.10.2011, 8:30 Uhr|zuletzt aktualisiert: Dienstag, 11.10.2011, 11:01 Uhr Lesedauer: 14 Minuten  |   Drucken

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  1. Marie sagt:

    In unserer Institutsbibliothek in einer baden-württembergischen Großstadt sind wir von 14 Mitarbeitern 3 mit Migrationshintergrund. :-)

    Mir ist aber in letzter Zeit häufiger der Gedanke gekommen, dass bei uns einiges anders (ähm, besser!) zu sein scheint, als im deutschen Durchschnitt. So sind wir ebenfalls gut durchmischt was Alter, Ausbildung und Milieus angeht und legen Wert auf flache Hierarchien. Ich glaube, wir profitieren ungemein davon: Nicht nur persönlich, sondern auch fachlich was unsere Dienstleistungsqualität und die Entwicklung und Umsetzung neuer Ideen betrifft.

  2. Wolfgang Kaiser sagt:

    Danke für ihr Feedback. Beim genaueren Nachdenken würde ich künftig den Begriff Migrationshintergrund oder Zuwanderungshintergrund etwas genauer definieren. Er ist ja an sich auch sehr schwammig und im Prinzip haben sehr viele Menschen einen solchen Hintergrund. Mir geht es vor allem um Menschen mit mehrsprachigem Hintergrund und dazu zählen auch Sorben und Sinto u. Roma, die schon seit vielen Jahrhunderten hier leben: „Ein Migrationshintergrund liegt vor, wenn 1. die Person nicht die deutsche Staatsangehörigkeit besitzt oder 2. der Geburtsort der Person außerhalb der heutigen Grenzen der Bundesrepublik Deutschland liegt und eine Zuwanderung in das heutige Gebiet der Bundesrepublik Deutschland nach 1949 erfolgte oder 3. der Geburtsort mindestens eines Elternteiles der Person außerhalb der heutigen Grenzen der Bundesrepublik Deutschland liegt sowie eine Zuwanderung dieses Elternteiles in das heutige Gebiet der Bundesrepublik Deutschland nach 1949 erfolgte. Somit gehören auch Spätaussiedler und deren Kinder zu den Personen mit Migrationshintergrund.“ So haben hier geborene Familienmitglieder von mir einen solchen Hintergrund, obwohl ihnen das kaum bewußt ist, aber die Statistik macht sie zu Bindestrichdeutschen. M.Terkessidis schrieb in seinem Buch „Interkultur“, dass die Stadt Amsterdam nicht zwischen den Allochthonen und Autochthonen eine Unterscheidung in den Statistiken auf kommunaler Eben vornimmt. Dies wäre ein Schritt zur „Normalität“, die es leider bei uns noch nicht gibt. Es würde mich fast einmal interessieren, in welcher Einrichtung sie arbeiten, ob diese vielleicht eher privat und weniger öffentlich ist. Oftmals kommt es natürlich darauf an, ob die Chefetage aufgeschlossen genug ist ein solches Arbeitsumfeld zu fördern, dass nicht nur aus Frauen im etwa gleichen Alter besteht, sondern so ist, wie Sie es eben beschrieben haben. In der Verbandspolitik in den USA, GB und anderswo wird eine gezielte Förderung betrieben und es gibt ein „Intercultural Mainstreaming“.

  3. Naja sagt:

    “Intercultural Mainstreaming”. Welch grauenhafte Wortschöpfung.

  4. MoBo sagt:

    @ Naja: was wäre Ihr Gegenvorschlag? Kulturelle Segregation?

  5. Kaiser Wolfgang sagt:

    „Intercultural Mainstreaming“ ist eben der Fachausdruck, aber kulturelle Segregation war vermutlich ein Scherz von Ihnen, denn es handelt sich um das krasse Gegenteil, wie es (gelegentlich) in Bibliotheken (nicht nur) hierzulande indirekt und vermutlich unbeabsichtigt der Fall ist bzw. es hat indirekt Konsequenzen, die aus der Ignoranz gegenüber Mitbürgern erwachsen, die von vielen „Biodeutschen“ oftmals nicht als gleichwertige Partner und Nachbarn wahrgenommen und behandelt werden. Denn viele der alteingeßenen und „alten“ BibliothekarInnen sehen, um es mit den Worten Heinz von Foersters zu sagen: „Wir sehen nur, was wir sehen. Wir sehen nicht, was wir nicht sehen.“
    Es fehlt eine positive Kultur des Vertrauens und des gegenseitigen Respekts, der auch gelegentlich in Bibliotheken noch nicht ausreichend gefördert und gewürdigt wird. Was die Verbreitung und Förderung einer plurikulturellen und interkulturellen Mitarbeiterschaft und ebenso der Nutzerschaft von Bibliotheken angeht, gibt es insbesondere in diesem Bereich des öffentlichen Dienstes noch erheblichen Nachholbedarf. Nicht überall wo „interkulturell“ als Slogan oder als Programm einer Bibliothek verwendet wird, ist auch „interkulturell“ drin bzw. wird Interkulturalität und Transkulturalität tatsächlich gelebt und wirklich ausgeübt. Jeder Bürger hat das Recht an seine öffentlichen Bibliothek vor Ort Verbesserungsvorschläge zu richten, sich ehrenamtlich in einem Bibliotheksförderverein zu engagieren und seine Umsetzungswünsche tagtäglich zu formulieren und eine ausgewogenen Bestand zu fordern, da Bibliotheken steuerfinanzierte Einrichtungen sind, die allen offen stehen sollten, die hier leben. Aus diesem Grund hat jeder das Recht die Bibliothek an seinem Wohnort nutzerorientierter und gerechter zu gestalten und an seinen BibliothekarInnen und Stadträte heranzutreten und Vorschläge und Wünsche anzubringen, sofern er mit der bisherigen Situation nicht zufrieden war bzw. ist.