Anzeige

Patrick Bahners

Islamdebatte: “Was soll der ganze Lärm?”

Rechtspopulisten, Islamkritiker, Aufklärungsfundamentalisten - wie sie mit dem Islam und den Muslimen umgehen und worin die Gefahren bestehen. Patrick Bahners, Feuilletonchef der FAZ, plädiert für Offenheit und den demokratischen Austausch.

Von Sabine Reul, Johannes Richardt Freitag, 09.09.2011, 8:28 Uhr|zuletzt aktualisiert: Dienstag, 13.09.2011, 3:55 Uhr Lesedauer: 20 Minuten  |   Drucken

Reul/Richardt: Wenn man das mal einleitend auf den Punkt zu bringen versucht, würden wir sagen: Ihre Kritik der Islamkritik ist ein Plädoyer für den offenen Umgang mit den Herausforderungen der Gegenwart und eine scharfe – oft auch humorvolle – Polemik gegen die Prediger der Angst und des Ressentiments.

Sie konstatieren eine bemerkenswerte Bereitschaft durchaus tonangebender Kreise der deutschen Gesellschaft zur Kultivierung von Untergangsvisionen, die sich eben zurzeit vor allem am Islam als Bedrohung festgemacht haben. Da werden Dinge geäußert, gefordert und auch politisch umgesetzt (man denke an die Kopftuchverbote), die das liberale Selbstverständnis unserer Gesellschaft in maßgeblichen Bereichen zur Disposition stellen. Das reicht – um nur ein paar der von Ihnen beschriebenen Themen anzusprechen – von Sarrazins Forderung nach einer Art obrigkeitlicher Steuerung des genetischen Makeup Deutschlands über Necla Keleks Aufruf zur vollständigen staatlichen Kontrolle der Moscheen bis zu Henryk Broders Appell zur Intoleranz als Gebot der Stunde zur Abwehr einer drohenden fremdkulturellen Übernahme Deutschlands.

___STEADY_PAYWALL___

Dazu also nun unsere Fragen an Sie:

Anzeige

Sie sprechen von mangelndem Selbstvertrauen, auch von Politikern, die sich aus „Angst vor der Angst“ mit dem Antiislamismus gemein machen. Herrn Schirrmacher zitierend, nennen Sie Sarrazin auch „Ghostwriter einer verängstigten Gesellschaft“. Wie meinen sie das?

Patrick Bahners ist Feuilletonchef der FAZ und Autor des Buchs „Die Panikmacher – Die deutsche Angst vor dem Islam„.

Patrick Bahners: Die Welt des Religiösen ist dem normalen bürgerlichen Bewusstsein wieder viel ferner gerückt als in den Jahrzehnten der Nachkriegszeit. Deswegen ist es möglich, die Religion des Islams einzusetzen in diese Sündenbockposition, und für die Angst, dass die Grundlagen des Zusammenlebens immer brüchiger werden, die Verantwortung bei dieser fremden Religion zu suchen. So erscheint mir auch der übersteigerte republikanische Patriotismus, wie er von Frau Kelek gepredigt wird: Mein Vorwurf lautet, dass dieser selbst religiös-missionarische Züge annimmt. Die Gründe, dass so etwas populär ist, scheinen mir damit zu tun zu haben, dass die eigene Verfassungsordnung in ihrer Funktionsweise und Geschichte heute eben weniger präsent ist. Die Instrumentalisierungen, die da unternommen werden, sind bedenklich – beispielsweise dass gar nicht mehr gefragt wird, was ist der Sinn von Religionsunterricht, sondern alles ad hoc mit hoher Dringlichkeit umgesetzt wird, nach dem Motto: Wir müssen jetzt unbedingt islamischen Religionsunterricht machen, um gerade noch zu verhindern, dass die alle abdriften in das völlig Unaufgeklärte.

Reul/Richardt: Sie haben ja von Aufklärungsfundamentalismus gesprochen. Wie haben sie das gemeint?

Bahners: Das Fundamentalistische an dieser Art Aufklärung ist selbstverständlich nicht, dass man Menschenwürde, Menschenrechte, Gleichheit von Frau und Mann als fundamentale Werte betrachtet. Aber es gibt in diesem Wunsch nach offensiver Liberalisierung etwas Unduldsames. Es wird viel mit Verdächtigungen gearbeitet und der Eindruck erweckt, dass man nur durch Kontrolle die Einhaltung dieser Grundwerte sichern kann. Das sind Mittel, die man kennt: aus der Geschichte der Religion und der religiösen Zwangssysteme im Sinne von bürokratischen Apparaturen, wie sie die christlichen Konfessionen als herrschende Kirchen ausgebildet hatten, um Homogenität unter ihren Gläubigen herzustellen.

Reul/Richardt: Trotz aller Unterschiede sind sich die Islamkritiker in der Forderung nach staatlichen Eingriffen einig. Sie dagegen setzen in ihrem Buch sehr explizit auf Offenheit und den demokratischen Austausch. Sie sprechen von der Eigendynamik von Verhältnissen der freimütigen Diskussion, auf die die Erziehung des Menschengeschlechts angewiesen sei. Ihre Kritiker kreiden Ihnen das natürlich wiederum als angesichts der beschworenen Gefährdung durch den Islam hoffnungslos naiv an. Wie antworten Sie auf diesen Vorwurf?

Bahners: Ein Moment der Naivität mag bei mir hineinspielen, da ich Geschichte studiert habe und somit gewohnt bin, zunächst einmal zu versuchen, mir mit historischen Vergleichen einen Reim auf Dinge zu machen. Liberalisierung als große säkulare Tendenz der Öffentlichkeit bedeutet, dass alle Wahrheitsansprüche diskutiert werden und nichts Letztes als dogmatische Wahrheit gelten kann. Das gilt mit guten Gründen auch als Zivilisierung und Öffnung von einzelnen Religionen oder religiös geprägten Subkulturen. Und da möchte ich behaupten: Das wurde durch Religionsfreiheit stimuliert, und eben nicht durch Beschränkung der Religionsfreiheit.

Man betrachte als klassischen Fall die katholische Kirche, wo dies im spätmodernen Europa des 19. und 20. Jahrhunderts erfolgte. Der Kulturkampf, den die Staaten im Bündnis mit dem Liberalismus gegen die katholische Kirche führten, scheiterte insofern, als er dem liberalen Gedanken untreu wurde und so eine Art Gesinnungskontrolle durchsetzen wollte – mit Kanzelparagraph, Ordensverboten und so weiter. Die Öffnung der katholischen Kirche für die säkulare Öffentlichkeit, die Hereinnahme von Intuitionen des Liberalismus ins eigene Nachdenken und in die Theologie, die Überwindung der Bannflüche, die die Kirche ausgesprochen hatte gegen die Liberalen – das hat dann hundert Jahre gedauert und ist im Wesentlichen ein Werk der Selbstaufklärung der Gläubigen und der Theologen gewesen. Bei diesem Vergleich wird man natürlich gefragt: Wo sind denn die katholischen Terroristen gewesen im 19. Jahrhundert? Antwort: Lord Acton, der berühmteste katholische Historiker seiner und unserer Zeit, warf dem Papsttum vor, dass es die religiösen Morde des 16. und 17. Jahrhunderts nicht verurteilt habe und nach seinem ultramontanen Selbstverständnis einer mit absoluter Macht ausgestatteten Zentralinstitution auch nicht verurteilen könne.

Es ist ein polemischer Schritt, der alles verzerrt und praktische Lösungen gar nicht in den Blick bringt, wenn man so tut, als habe der Islam, den man hier integrieren möchte, selbst Terroristen ausgeschickt oder sei unmittelbar in Verantwortung zu nehmen für terroristische Akte. Da war die katholische Kirche doch ein viel eindeutigerer Gegner der liberalen Staaten im 19. Jahrhundert als der Islam es heute ist. Ausdrückliche Akte der Verwerfung der Moderne als Sünde und Liberaler als Handlanger des Teufels gibt es auf Seiten der maßgeblichen islamischen Instanzen, mit denen wir es hierzulande zu tun haben, gar nicht. Dagegen ist festzuhalten, dass es bei den Katholiken Glaubensinhalt war, ja der Papst die Katholiken sogar verpflichtete, die Menschenrechte für Teufelswerk zu halten.

Reul/Richardt: Die Vorstellung, man könne muslimischen Familien angesichts kultureller Rückständigkeit nicht die Erziehung ihrer Kinder überlassen, ist heute weitgehend Konsens und praktizierte Politik. Das gilt aber ebenso gegenüber ganz ursprünglich deutschen Familien bestimmter sozialer Schichten. Wir sehen hier generell eine starke Kolonisierung des Erziehungs- und Bildungsbereichs durch staatliche Sozialpolitik. Ist das nicht letztlich auch eine Unterschichtendiskussion, die auf dem Rücken von Muslimen geführt wird? Sie schreiben ja auch, die Islamkritik gebe Bessergestellten die Chance, schlecht über die Schlechtgestellten zu sprechen.

Bahners: Ja. Und was die Unterschichten angeht: Selbst da kommt ein fürsorglich liberaler Staat sehr schnell an die Grenzen der Möglichkeiten. Die Losung, man müsse die Kinder gegen die Eltern erziehen – das ist eine Parole der Diktaturen gewesen. Und man muss sich klar machen, wie stark die Eingriffe vor allem durch die Schulpflicht schon sind. Indem er die Schulpflicht verordnet hat, hat der Staat sich eine große Rechtfertigungspflicht aufgeladen. Das bedeutet auch, dass der Staat den Unterricht so gestalten muss, dass die Eltern nicht glauben, ihnen werden die Kinder geraubt, wenn sie die staatliche Schule besuchen. Zumal es für viele muslimische Eltern die Privatschule als Alternative aus finanziellen Gründen nicht gibt und ein muslimisches Privatschulwesen sich hier gerade erst zu bilden beginnt. Auch das muss für den Staat ein Grund sein, die Staatsschule nicht zur ideologischen Schule zu machen.

Seiten: 1 2 3

Zurück zur Startseite
UNTERSTÜTZE MiGAZIN! (mehr Informationen)

Wir informieren täglich über Migration, Integration und Rassismus. Dafür wurde MiGAZIN mit dem Grimme Online Award ausgezeichnet. Um diese Qualität beizubehalten und den steigenden Ansprüchen an die Themen gerecht zu werden bitten wir dich um Unterstützung: Werde jetzt Mitglied!

MiGGLIED WERDEN
MiGLETTER (mehr Informationen)

Bestelle jetzt den kostenlosen MiGAZIN-Newsletter:

Auch interessant
MiGDISKUTIEREN (Bitte die Netiquette beachten.)