Ein Fremdwoerterbuch

Ich bin hier

Die muslimischen Verbände müssen sich zu Homosexualität positionieren!", sagt er zu mir. Er ist CDU-Politiker und ehemaliger Minister. Wir sitzen zusammen auf dem Podium, und ich kann nicht glauben, was ich da höre.

Von Donnerstag, 26.05.2011, 8:28 Uhr|zuletzt aktualisiert: Dienstag, 31.05.2011, 1:28 Uhr Lesedauer: 2 Minuten  |   Drucken

„Verlangen Sie denn dann auch von jedem Katholiken, dass er sich zu Homosexualität positioniert?“, frage ich zurück. Er wird rot, schweigt und verschränkt trotzig die Arme.

Anzeige

Besser hätte er sich nicht entlarven können. Weshalb misst man in unserer Gesellschaft mit zweierlei Maß? Warum sollen sich Muslime und Migranten über das Grundgesetz hinaus zu etwas bekennen, wiederholt Loyalität zu Deutschland bekunden oder sich von irgendwelchen Dingen distanzieren? Ich bin hier und lebe hier. Ich muss mich zu nichts mehr oder weniger bekennen als meine Freundin Julia, die Nationalstaaten total bescheuert findet. Oder Claudia, die sich für die brasilianische Nationalmannschaft in gelb-grüne Flip-Flops und T-Shirts wirft, wenn Fußball-Weltmeisterschaft ist. Oder Lena, die den Kapitalismus satthat und lieber den Kommunismus einführen wollen würde.

___STEADY_PAYWALL___

Darf ich das auch wollen?

Es ist Abend. Der türkische Verbandsvertreter steht schnurgerade mit dem Sektglas in der Hand. Ich schiele zu ihm rüber und spüre seine Anspannung. Er bemüht sich um ein Lächeln in die Runde und streicht sich durch die dunklen Haare. Wir sind in Berlin bei einem Botschafter zum Essen eingeladen. Anlass ist der Sederabend, der Auftakt des jüdischen Pessach-Festes. Man ist gut angezogen, schicke Kleider die Damen, Anzug und Krawatte die Herren. Auch seine Krawatte sitzt – nur ein bisschen zu eng vielleicht.

Nach dem kurzen Empfang setzen wir uns an den festlich mit Silberbesteck dekorierten Tisch. Ich sitze neben einem bekannten und angesehenen Juden. Wir unterhalten uns über die jüdischen Traditionen und Eigenheiten. Ein jüdischer Professor führt uns in die Rituale des Sederabends ein. Er ist kein praktizierender Jude, deshalb muss ihn mein Sitznachbar hin und wieder korrigieren, humorvoll. Man lacht, scherzt und ist bemüht, jeden Gast einzubinden. Die angespannte Stimmung löst sich. Nur bei ihm nicht, dem türkischen Verbandsvertreter. Kerzengerade sitzt er an seinem Platz.

Später am Abend lehnt er sich über den Tisch. Er will einige Worte sagen. Man ist still, lächelt ihn an und hört ihm zu. Er schiebt die Gabel hin und her. „Danke für die Einladung!“, sagt er. Bitte-gern-Gemurmel ertönt. Dann holt er aus: „Ich möchte mich im Namen meines Vereins von den terroristischen Anschlägen in Israel und den USA distanzieren. Das, was die gemacht haben, ist falsch. Die sind keine richtigen Muslime. Im Islam darf man das nicht. Wenn man einen Menschen tötet, dann ist das so, als ob man die ganze Menschheit getötet hätte.“ Er stockt und verhaspelt sich. Man ist still und betreten. Er fährt fort: „Also wir Muslime verurteilen diese Terroristen aufs Schärfste. Sie gehören nicht zu uns, sie sind eine Minderheit.“

Ich schaue auf meinen Teller und versuche die Stille am Tisch zu hören. In mir drinnen ist es viel zu laut.

Zurück zur Startseite
UNTERSTÜTZE MiGAZIN! (mehr Informationen)

Wir informieren täglich über Migration, Integration und Rassismus. Dafür wurde MiGAZIN mit dem Grimme Online Award ausgezeichnet. Um diese Qualität beizubehalten und den steigenden Ansprüchen an die Themen gerecht zu werden bitten wir dich um Unterstützung: Werde jetzt Mitglied!

MiGGLIED WERDEN
MiGLETTER (mehr Informationen)

Bestelle jetzt den kostenlosen MiGAZIN-Newsletter:

Auch interessant
MiGDISKUTIEREN (Bitte die Netiquette beachten.)

  1. Giorgi sagt:

    Die Dame mag es nicht, wenn Moslems sich von ihren gewalttätigen Genossen distanzieren.
    Wenn sich diese Religion seit den letzten Jahrzehnten v.a. durch Gewalt und Despotismus einen Namen gemacht hat, dann erwartet die restliche Welt einfach so etwas, da muss sie schon durch.

    Aber Selbstdistanz scheint ein grundsätzliches Manko moslemisch sozialisierter Leute zu sein.

  2. KTL sagt:

    @ volkan
    Meine uneingeschränkte Zustimmung! Danke!
    Und vl könnte Dein Plädoyer für schwule Männer auch auf Frauen, die ein selbstbestimmtes Leben führen wollen, erweitert werden.

  3. volkan sagt:

    Nur weil der türkische Funktionär ein Sektglas in der Hand gehalten hat,
    wird er gleich mit einem Satanisten gleichgesetzt.
    Wenn Sie sich Ihres Glaubens wirklich sicher sind, dann müssten Sie
    es auch tolerieren können, wenn jemand anderes seinen Glauben
    anders interpretiert. Für den Herrn ist es anscheined nicht sündig
    nach dem Genuss von einem Sektglas über seien Glauben zu
    reden. Zu bedenken ist auch , dass für viele Türken der Genuss von Alkohol
    höchstens eine lässliche Sünde darstellt. Man denke nur an die
    jahrhundertealte türkische Trinkkultur der Rakitafel mit Ihren traditionellen
    Ritualen und den nur dazu erfundenen Speisen (Meze).
    Nur weil der Herr anscheinend eine andere Auffassung von seinem
    Glauben hat, wird er von Ihnen mit einem Satanisten gleichgesetzt.
    Auch wenn seine Distanzierung vom Terror vielleicht deplaziert und
    verkrampft war, so kann man sie aber doch als einen, wenn auch
    mislungenen Versuch, begreifen, eine Brücke zu bauen.
    Warum man sich dann wie die Verfasserin des Artikels arrogant von
    oben herab darüber lustig machen muss, erschliesst sich mir nicht.
    Es scheint mir mehr darum zu gehen, dass die Verfasserin darstellen
    möchte, wie toll und locker sie sich selbst findet.
    Vielleicht kann man die Verkrampftheit des türkischen Funktionärs
    auf die derzeit insbesondere nach den Vorfällen um die Mavi
    Marmara extrem angespannte politische Beziehung zwischen der
    Türkei und Israel zurückführen. Dazu dann leider noch der
    überzogene Druck in der Öffentlichkeit, dass Moslems sich anscheined
    unsiinigerweise alle Nase lang immer wieder aufs Neue vom
    Terror distanzieren müssten. Auf das Verhalten dieses Herrn sollte
    man eher mit Verständnis als mit Arroganz und Verurteilungen reagieren.

  4. Baltazar sagt:

    Wenn sich Christen von den Kreuzzügen in Afghaistan und Irak distanzieren und die Juden von der Unterdrückung der Palästinenser, können sich die Muslime gerne von Terroranschlägen distanzieren. Denn sonst bleibt das eine dämliche Forderung. Entweder distanzieren sich alle von negativen Erscheinungen in ihrer Community, oder keiner. Z.B. Könnten Christen sich von den Sexskandalen in der Kirche distanzieren und erklären, dass dies nichts mit dem Christentum zu tun hat, genausowenig die 100 Babymorde in den letzten 2 Jahren. Danach können sich die Muslime ein Beispiel nehmen…

  5. MoBo sagt:

    @ Giorgi: Sie scheinen den Artikel falsch verstanden zu habe. Die Dame mag es nicht, dass Muslime das Gefühl aufgedrückt bekommen, sich von Gewalttaten distanzieren „zu müssen“.

    Interessant dass Sie von dem einen Beitrag eine fehlende Selbstdistanz ALLER Muslime ableiten können.