Aufstieg

Die Flucht ergreifen, die Initiative aber auch

Um das Ende vorwegzunehmen: Die 23jährige Sri-Lankerin Rati (Name geändert) lebt seit acht Jahren in Deutschland. Sie lässt sich zurzeit als pharmazeutisch-technische Assistentin ausbilden, ist Mitglied des Roten Kreuzes und steht vor der Prüfung zum Sanitätsdienst. Ihr Traum: Medizin zu studieren, um Menschen zu helfen. Sie befindet sich auf dem Weg einer zwar langen, aber möglichen Studienlaufbahn. Aufstieg? Jein!

Von Mittwoch, 24.03.2010, 8:06 Uhr|zuletzt aktualisiert: Sonntag, 05.09.2010, 17:39 Uhr Lesedauer: 6 Minuten  |   Drucken

Wer ist Rati?
Wie sehen ihr biographisches Gepäck aus der kriegerschütterten Insel Sri Lanka und ihr bisheriger Werdegang auf dem sicheren Festland Deutschland aus? Bombenanschlägen, Entführungs- und Vergewaltigungsgefahr, Diskriminierung und Marginalisierung in Sri Lanka ist sie entflohen; Bewegungsfreiheit, Sicherheit als Frau, staatliche Unterstützung hat sie in Deutschland erfahren. Menschenwürdiges Überleben: ja, aber Aufstieg? Mit der Flüchtlingsfrau Rati habe ich offene biografischnarrative Interviews geführt, die ich hier gebündelt vorstelle.

Geboren in eine wohlhabende Familie der tamilischen Minderheit mit Land- und Gutsbesitz gehört Rati der politisch einflussreichen Hindu-Kastengruppe der Vellalar an. Die ersten fünf Jahre lebte sie in Jaffna, im Norden Sri Lankas, bis sie um Haaresbreite einem Luftangriff der srilankischen Armee entkam. Um dem waltenden Bürgerkrieg zu entgehen, entschloss sich die Familie, nach Colombo zu fliehen. Zeitgleich musste Ratis Vater der Übernahme ihres Hauses durch die Armee und der Plünderung ihrer Textilgeschäfte händeringend zusehen. Eine mögliche Rettung für seine Familie sah er im Asyl gewährenden Europa. Er ergriff die Flucht nach Deutschland, in der Hoffnung, dass seine Familie bald nachkommen könnte. Dies sollte allerdings ein ganzes Jahrzehnt dauern.

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Angekommen in Colombo vergaß das Kindergartenkind seine Sorgen, die der Teenagerin Rati erst später in Deutschland hochkommen würden. Die Mutter sorgte dafür, dass sie geschont von den politischen Umwälzungen mit künstlerischen Angeboten aufwuchs. In der mehrsprachigen Hauptstadt besuchte Rati bis zur neunten Klasse eine internationale Schule. In diesem kosmopolitischen Milieu lernte sie Angehörige verschiedener Religionen sowie Nationen kennen. Neben ihrer Erstsprache Tamil sprach sie fließend die schulische Verkehrssprache Englisch und lernte mit FreundInnen die dortige Mehrheitssprache Singhalesisch.

Ihren Vater kannte sie nur durch Fotos, Briefe und gelegentliche Telefonate. Bis die benötigten Papiere zur Familienzusammenführung vorlagen, vergingen noch zehn Jahre. Die nach religiösen Riten geschlossene Ehe ihrer Eltern wurde für ungültig erklärt, sodass sich diese nach wiederholtem Scheitern der Anerkennung zur Ausreise wieder vermählen mussten. Zur standesamtlichen Eheschließung reisten beide Elternteile sogar in ein drittes Land, nämlich nach Thailand. Endlich gelang es der mittlerweile fünfzehnjährigen Rati, mit ihrer Familie nach Deutschland auszureisen. Mit Schmetterlingen im Bauch traf sie einen fast fremden Mann, ihren Vater. Im Laufe der ersten Monate und nach gemeinsamer Auffrischung verblasster Erinnerungsfetzen fanden aber Vater und Tochter schnell wieder zueinander.

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