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Extremismusforscher Zick

Gefühl der Zweitklassigkeit ist gefährlich

Nach Einschätzung des Extremismusforschers Andreas Zick ist der Stimmenzuwachs der AfD Ausdruck einer gesellschaftlichen Polarisierung. Es komme nun darauf an, zu vermitteln und neue Angebote der Demokratiestärkung zu machen.

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Extremismusforscher Prof. Dr. Andreas Zick

Der Stimmenzuwachs der AfD in Thüringen ist nach Einschätzung des Extremismusforschers Andreas Zick Ausdruck einer gesellschaftlichen Polarisierung. Die Agitation der AfD um Björn Höcke gegen Eliten und gegen die Migrationsgesellschaft sowie die Suggestion, dass die Wahl ein Widerstandsakt sei, hätten gewirkt, sagte der Bielefelder Wissenschaftler dem „Evangelischen Pressedienst“.

Daran hätten auch die guten Wirtschaftszahlen und der Rückgang der Zuwanderung nichts geändert. „Es fehlt vielen an Zukunftsaussichten, und Gefühle der Ohnmacht sind stark“, erklärte Zick. Bei der Wahl am Sonntag landete die AfD mit 23,4 Prozent auf Platz zwei hinter der Linkspartei mit 31 Prozent.

Bedrohungsszenario wirkt ohne Kontakt

Das Thüringer Wahlergebnis zeige auch, dass die Behauptung gegriffen habe, die AfD sei eine Widerstandspartei, während die anderen Parteien die Kontrolle verloren hätten, erläuterte Zick. Studien zeigten, dass die AfD die Wähler bei ihren Vorurteilen und Ressentiments gegenüber gesellschaftlichen Minderheiten abholen könne. „Das ständige Bedrohungsszenario von der Zuwanderung wirkt gerade dann, wenn Menschen im Alltag kaum Kontakte haben und Erfahrungen mit den Gruppen aufweisen, gegenüber denen die Vorurteile bestehen“, erläuterte der Leiter des Instituts für interdisziplinäre Konflikt- und Gewaltforschung an der Universität Bielefeld.

Viele Menschen in Ostdeutschland hätten Studien zufolge ein Gefühl der Benachteiligung und der Orientierungslosigkeit sowie die Idee, dass Vielfalt weniger gut sei als eine nationale einheitliche Gesellschaft mit „den Deutschen“ an erster Stelle, erläuterte Zick. Populismus wirke sogar besser, wenn sich die Krise ausschleiche und es Versprechen auf alte Vorrechte gebe. Es komme nun darauf an, zu vermitteln, „dass eine Politik der Ungleichwertigkeit von Gruppen in der Gesellschaft dem Land mehr schadet als hilft“.

Demokratiestärkung

Als Konsequenz des Zulaufs für die AfD in den ostdeutschen Bundesländern müssten neue Angebote der Demokratiestärkung gemacht werden, fordert der Wissenschaftler. „Das Gefühl im Osten, zweitklassig zu sein, ist gefährlich“, warnte Zick. Die AfD in Thüringen habe auch deshalb viele Stimmen bekommen, weil sie vielen Menschen ein Gefühl von „wir werden gehört“ und „wir haben eine Stimme“ vermittelt hätten.

Wichtiger als die Frage nach Koalitionen ist nach Ansicht des Forschers, nach den Gründen für Veränderungen in der Gesellschaft zu fragen. „Bürger müssen selbst in die Lage versetzt werden zu erkennen, warum ein nationaler Alleingang, warum Populismus mehr Versprechen als Realität ist, warum Rassismus keine Lösung von Problemen, sondern Ursache von Problemen ist.“ (epd/mig)

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2 Kommentare
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  1. Ute Plass sagt:

    „Jede Gesellschaft ist gut beraten, den Puls ihrer Bevölkerung zu messen und die Ursprünge von sozialer Unzufriedenheit und Misstrauen ernst zu nehmen.“

    https://www.ipg-journal.de/regionen/global/artikel/detail/globale-rebellen-3830/

  2. Kai Diekelmann sagt:

    Über Jahrzehnte nahm man achselzuckend zur Kenntnis, dass die sozial Abgehängten nicht wählen gingen (weil sie glaubten, keine Partei interessiere sich oder etwas für sie tun). An diese Nichtwählerkohorte verschwendeten die Parteien darum weder Engagement noch Aufmerksamkeit – bis die AfD als unverbrauchte Partei in dem Nichtwählerreservoir ihre Chance und ihre Strategie sah.



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