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Ich will Nachrichtensprecher mit ausländischem Akzent hören

In englischsprachigem Fernsehen hört man oft Reporter mit „ausländischem“ Akzent. Im deutschen Fernsehen hingegen hört man stets perfektes Hochdeutsch. Warum? Das ist ein großer Verlust für uns alle.

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Francesca Polistina © privat, bearb. MiG

VONFrancesca Polistina

Francesca Polistina, geboren 1986, kommt aus Italien und wohnt seit einigen Jahren in Deutschland. Sie schreibt über Politik, Gesellschaft und Kultur für diverse Medien. Die Autorin unterstützt den gemeinnützigen Verein "Journalisten helfen Journalisten" (JhJ), zur Unterstützung von Journalisten und ihren Familien in Kriegs- und Krisengebieten. Mehr über sie gibt es auf Twitter.

DATUM9. August 2019

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RESSORTAktuell, Meinung

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Auf den englischsprachigen Sendern passiert das gar nicht so selten: Die Reporter schalten sich ein, berichten live vom Ort des Geschehens. Sie sprechen langsam und deutlich, gucken konzentriert in die Kamera. Das Markante dabei ist: Sie haben einen Akzent, manchmal stark und manchmal leicht. Aber einen Akzent, und nein, keine regionale Variante des Englischen, wie man es in Indien oder Nigeria spricht, sondern einen ganz anderen, einen „ausländischen“ Akzent. Ob die anderen Zuschauer es gemerkt haben? Ob es sie stört? An mir geht es nicht unbemerkt vorbei. Ein Akzent und trotzdem im Fernsehen? Merkwürdig.

In den letzten Jahren hat sich auch in Deutschland einiges getan in Sachen Diversität in den Medien – zumindest als Bauchgefühl, denn konkrete Zahlen gibt es hierzu nicht. Sicher ist: Genug ist das nicht. Redaktionen sind nach wie vor Orte, die hauptsächlich von der „biodeutschen“ Mittelschicht bewohnt werden, und für Ausländer und deren Nachkommen sowie für Menschen aus armen Familien eher unzugänglich sind.

Doch die Sensibilität ist gewachsen. In der Chefredaktion ist Diversität ein Thema geworden, Vereine wie die „Neuen Deutschen Medienmacher“ setzen sich für mehr Vielfalt ein, die Zahl ausländisch klingender Namen, die Nachrichten moderieren oder Zeitungsartikel schreiben, ist gestiegen. Sogar der Chef einer der wichtigsten Zeitungen des Landes, der „Die Zeit“, ist Halbitaliener und heißt Giovanni di Lorenzo. Journalisten wie Dunja Hayali, Pinar Atalay oder Ingo Zamperoni sind weit bekannt, Autoren wie Margarete Stokowski, in Polen geboren und in Deutschland aufgewachsen, oder Navid Kermani, aus einer iranischen Familie stammend, gehören zu den meistgelesenen des Landes.

Es gibt auch eine Reihe von hörenswerten Podcasts, wie „Matatu“, „Kanackische Welle“ und „Rice and Shine“, in denen Deutsche mit dem sogenannten Migrationshintergrund über Politik, Kultur, Essen und vor allem über sich selbst als Angehörige einer Minderheit sprechen. Das ist richtig und wichtig, denn die Repräsentativität der Minderheiten in den Medien – und damit sind alle Minderheiten gemeint – prägt die Brille, mit der wir die Welt betrachten und interpretieren. Anders formuliert: Desto diverser eine Redaktion ist, desto vielfältiger sind die Perspektiven und die Inhalte, die durch sie vermittelt werden.

Der deutsche Journalismus ist also inklusiver geworden, ein Abbild der Gesellschaft bleiben die Redaktionen trotzdem nicht, wie die Berichterstattung, die häufig dazu tendiert, Menschen mit Migrationshintergrund in einem schlechten Licht zu präsentieren, zeigt.

Und trotz dieser gestiegenen Inklusion fällt auf: Die sogenannten Erstgenerationen sind beinahe komplett abwesend. Jene also, die als Erste in der Familie, häufig als Erwachsene, auswandern. Auch deshalb sind Akzente in den deutschen Redaktionen eine Rarität.

Das ist schade und zugleich ein Verlust für alle. Denn wer als die erste Generation kann die Migration, die Flucht, das Verlassen der Familie und des Herkunftslandes, den Versuch, ein neues Leben in einem fremden Land anzufangen, besser erzählen? Wer, wenn nicht die Erstgeneration, kann vom mühsamen Erlernen anderer sozialer Regeln und einer neuen Sprache berichten?

Und wer wenn nicht der neu Zugezogene kann Deutschland und die deutsche Politik mit anderen Augen betrachten, der hilft, bestimmte Aspekte des Alltages und der Gesellschaft, die für die Einheimischen normal empfunden werden, differenzierter zu betrachten? Wer besser als der neu Eingewanderte kann über Ereignisse aus Syrien, Iran, Brasilien oder den Vereinigten Staaten berichten?

Im Journalismus beruft man sich auf die Sprache. Um Reporter zu werden, so hört man häufig, muss man die deutsche Sprache und deren Stilmittel perfekt beherrschen. Das stimmt, aber das stimmt nur zum Teil. Denn Journalismus ist auch investigative Recherche, Umgang mit Daten und Zahlen und vieles mehr. Außerdem werden Beiträge sowieso redigiert und korrigiert. An einen ausländischen Akzent des Nachrichtensprechers kann man sich schnell gewöhnen, ein Artikel, der nicht fehlerfrei verfasst wurde, schnell korrigieren, ja sogar übersetzen, wenn nur der Wille da wäre, redaktionelle Prozesse ein bisschen anders zu strukturieren.

Doch vielleicht hat die Frage, warum Migranten der ersten Generation in den Redaktionen eine Ausnahme bleiben, eher mit dem allgemeinen Bild über Ausländer zu tun, und zwar als Menschen, die schlecht oder zumindest schlechter als die Deutschen ausgebildet sind. Dass dieses Bild nicht zutrifft, zeigen ausländische Ärzte in fast allen Krankenhäusern Deutschlands tagtäglich, die ihre Patienten mit Akzent wunderbar versorgen.

Nun könnte man argumentieren, dass Ärzte rar sind, während Redaktionen kaum Probleme mit Stellenbesetzungen haben. Und das ist der Punkt: Diversität sollte in Medienhäusern, die einen Qualitätsanspruch haben, nicht etwas Zusätzliches sein, sondern hohe Priorität haben. Die proaktive Suche nach ausländischen Stimmen wäre nur der erste Schritt.

Zurück zu unseren Reportern, die in den englischsprachigen Medien immer wieder auftauchen. Um sich an deren ausländischen Akzent zu gewöhnen reichen häufig nur ein paar Sätze, das nächste Mal ist das schon nicht mehr so spektakulär. Schließlich hören wir den ganzen Tag fremdsprachige Akzente: in der U-Bahn, im Supermarkt, auf der Straße. Warum also nicht auch im Fernsehen und allgemein den Medien?

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4 Kommentare
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  1. Johannes Brandstäter sagt:

    Gegen Reporter mit ungewohntem Akzent habe ich gar nichts. Reporter und Nachrichtensprechende sind aber nicht dasselbe. Ich möchte Nachrichtensprechende, die eine Sprecherziehung absolviert haben, hören. Davon gibt es bei den Öffentlich-Rechtlichen immer weniger. Das ist ein schmerzlicher Qualitätsverlust.

  2. Ochljuff sagt:

    Thumbs up!

  3. Jacky sagt:

    Vor allem sollte in den Medienhäusern Neutralität und Qualität Priorität haben.
    Wwer ist besser geeignet -neutral- über die Dinge in Syrien zu berichten als jemand der damit nichts zu tun hat?
    Zudem – warum sollte ein Akzent bereichnern? Erwächst daraus irgendeine relevante Information für den Zuschauer/Zuhörer?

    Nachrichten sollen informieren. Sachlich, Neutral (von Kommentaren mal abgesehen).

    Übrigens empfinde ich die Annahme ein hoher Anteil „ausländisch“ klingender Namen würde für Diversität sprechen schon grenzwertig. Ich kann auch Halali heißen und Ur-Deutsch sein, oder Schmidt und zugewandert. Was ist mit denn ein „ausländischer“ Name und ist die Suche nach entsprechenden „Perlen“ nicht schon fast diskriminierung der anderen?

  4. FrankUnderwood sagt:

    Migrationshintergrund ist kein Hindernis um als Journalist erfolgreich zu sein. Die zahlreichen Beispiele prominenter Journalisten, die die Autorin hier nennt unterstreichen das. Aber wer nicht nur schreibt, sondern gerade häufig vor dem Mikro oder der Kamera steht, ist auf äußerst gute Sprachkenntnisse und besonders auf eine eine professionelle Sprechausbildung (dazu zählt Hochdeutsch) angewiesen. Hochdeutsch ist der sprachliche Konsens, den alle hier verstehen und daran muss man sich leider aus praktischen Gründen orientieren. Ein leichter Akzent wäre zu verschmerzen. Ein starker Akzent eigentlich nicht, weil das Publikum eventuell vieles kaum oder gar nicht verstehen würde.

    Im Alltag muss ich leider zugeben, dass wir Deutschen in diesem Punkt etwas offener und nachsichtiger werden müssen. Ich persönliche habe den Eindruck, dass viele denken, dass Personen mit starkem Akzent möglicherweise weniger kompetent sind. Und ich persönlich muss auch eingestehen, dass ich mich in einer Bank nicht ernst genommen fühle, wenn mir jemand mit starkem (beliebigem) Akzent Beratung zu Finanzprodukten anbieten will.

    Kurz gesagt, wenn ich das Radio oder den Fernseher einschalte, erwarte ich einfach, dass die Journalisten fähig sind, Hochdeutsch zu sprechen. Regionale Akzente gehören ins dritte Programm.



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