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Migration und Integration in Deutschland

Wenn die deutsche Gesellschaft die Muslime toleriert, hat das noch nichts mit Gleichberechtigung zu tun.

Prof. Dr. Hans-Peter Großhans, MiGAZIN, 20. Januar 2010

Das Gästezimmer

Hierarchische Worte: afrikanische Migranten und europäische Expats

Im Wortschatz gibt es hierarchische Worte, die entstanden sind, um weiße Menschen über die anderen zu stellen. „Migrant“ und „Expat“ sind in der Bedetung ähnlich, werden aber unterschiedlich benutzt.

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Francesca Polistina © privat, bearb. MiG

VONFrancesca Polistina

Francesca Polistina, geboren 1986, kommt aus Italien und wohnt seit einigen Jahren in Deutschland. Sie schreibt über Politik, Gesellschaft und Kultur für diverse Medien. Mehr über sie gibt es auf Twitter.

DATUM29. März 2019

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Expat ist ein schickes Wort. Ursprünglich ist das die Abkürzung aus dem Englischen Expatriate, das wiederum aus dem Lateinischen ex patria stammt. Ex patria bedeutet wörtlich: außerhalb des Vaterlandes. Expat ist also einer, der sich im Ausland befindet. Oder besser: einer, der ins Ausland auswandert. Vor einigen Jahrzehnten hat das Wort, bis dahin ziemlich unüblich, eine Spezialbedeutung angenommen: Expats waren diejenigen, die von einem internationalen Unternehmen an eine ausländische Zweigstelle entsandt worden waren, meist für eine kurze Zeit und sowieso vorübergehend – Fachkräfte abroad also, ein typisches Phänomen der globalen Wirtschaft.

Dann begannen auch die Gutausgebildeten aus dem Westen, in Massen auszuwandern. Manchmal aus Abenteuerlust, oder um eine Sprache zu lernen, häufig, vor allem nach der Wirtschaftskrise, weil sie in den Heimatländern keine (oder keine passenden) Jobs fanden. Sie zogen zum Beispiel nach Berlin, London, Brüssel oder New York. Und sie fingen an, egal wo sie waren, sich selbst als Expats zu benennen: Expat wurde von einem Spezial- zu einem Sammelbegriff, um jene Menschen zu bezeichnen, die aus beruflichen Gründen oder nicht, vorübergehend oder lange, im Ausland lebten.

Wenn man eine kleine Internetrecherche durchführt, stößt man sofort auf hunderte von Blogs, die vom Leben als Expats erzählen. So findet man zum Beispiel das Blog expatmamas.de für deutschsprachige Frauen, die mit ihren Familien im Ausland leben, oder die Webseite expat.com, die sich dem Leben im Ausland widmet, mit dem klaren Ziel „to make your expat project a success“. In Berlin ist die Agentur Expats In Wonderland ansässig, die bei der Wohnungssuche oder bürokratischen Angelegenheiten unterstützt und in Brüssel hilft der Ratgeber Expats in Brussels. Nur beliebige Beispiele aus dem Netz, die aber zeigen, dass das Wort, ursprünglich auf englischsprachige Kreise beschränkt, nunmehr weit verbreitet ist. Auch in Deutschland.

Das Oxford Living Dictionaries scheint zwischen den Worten Expat und Migrant nicht mehr zu differenzieren: Expat ist „A person who lives outside their native country“, Immigrant hingegen „A person who comes to live permanently in a foreign country“. Unterschiedlich ist aber der allgemeine Gebrauch, denn nichts bei der Wortwahl ist dem Zufall überlassen. Und hier ist eben das Problem: Afrikaner, wenn sie im Ausland leben, sind Migranten. Südamerikaner sind Migranten. Asiaten ebenso. Europäer und Nordamerikaner sind aber Expats – egal, ob sie aus dem gleichen Grund auswandern.

Der afrikanische Journalist Mawuna Remarque Koutonin schreibt in der britischen Tageszeitung The Guardian, dass es im Wortschatz der Migration immer noch hierarchische Worte gäbe, die dafür entstanden seien, weiße Menschen über die anderen zu stellen. Eines von diesen Worten sei eben Expat. „Europäer sind Expats, weil sie nicht auf dem gleichen Niveau wie die anderen ethnischen Gruppen sein können. Sie sind überlegen. Einwanderer ist ein Begriff für ‚minderwertige Rassen‘“, schreibt er.

Hier muss man allerdings präzisieren, denn auch unter Europäern gibt es Differenzen: Eine Putzfrau aus Osteuropa oder ein Pizzabäcker aus Italien mögen nicht unbedingt als Expats etikettiert werden, wohl aber ihre Landsleute mit hohem Schulabschluss und Familien aus der Mittelschicht. „Warum sind weiße Menschen Expats, wenn alle anderen Migranten sind?“, fragt sich Koutonin. Eine mögliche Antwort lautet: weil die Ersteren nichts mit den Letzteren zu tun haben wollen.

Migration ist ein globales Phänomen und Unterschiede sind natürlich wichtig, könnte man argumentieren. Unterschiede sind aber oft kleiner, als man denkt. Wenn ich als wohlhabende Europäerin mein Land verlasse und nach Berlin oder London ziehe, mache ich nichts anderes als ein Algerier, der sein Land verlässt und nach Berlin oder London zieht. Die Anfangsbedingungen sind mögen unterschiedlich sein, sowie die Ursachen und die Erwartungen. Aber einen Extra-Begriff, um meinen privilegierten Status zu unterstreichen, brauche ich nicht unbedingt. Migrant kann ein schönes Wort sein – wir sollten nur lernen, es ohne Angst zu verwenden.

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