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Migration und Integration in Deutschland

Bei dem Lebensalter der ausländischen Arbeitnehmer wirkt sich das z. Z. vor allem für die deutsche Rentenversicherung sehr günstig aus, weil sie weit höhere Beiträge von den ausländischen Arbeitnehmern einnimmt, als sie gegenwärtig an Rentenleistungen für diesen Personenkreis aufzubringen hat.

Ludwig Kattenstroth, Staatssekretär im Arbeitsministerium, März 1966, Bundesvereinigung der Dt. Arbeitgeberverbände, 1966

Buchtipp zum Wochenende

Das neue Wir – Warum Migration dazugehört

Jan Plamper erzählt in seinem neuen Buch die Einwanderung nach Deutschland neu – als Teil der deutschen Geschichte nach 1945 und als Erfolgsgeschichte. MiGAZIN veröffentlicht einen Auszug aus dem Buch exklusiv.

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"Das neue Wir. Warum Migration dazugehört: Eine andere Geschichte der Deutschen" von Jan Plamper

DATUM15. März 2019

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Warum brauchen wir eine nationale Kollektividentität? Reicht nicht das Grundgesetz als über die Staatsbürgerschaft hinausgehende Klammer? Denn das Grundgesetz ist ja mehr als eine Sammlung von Regeln, die unserem Zusammenleben Ordnung geben. Das Grundgesetz ist vor allem Ausdruck unserer Werte, und damit sollten wir uns auch emotional identifizieren. „Verfassungspatriotismus“ heißt der Vorschlag dieser Form von Nationalstolz; die Idee stammt von den Philosophen Dolf Sternberger und Jürgen Habermas.

Die Literaturwissenschaftlerin Marina Münkler und der Politologe Herfried Münkler erweiterten diesen Vorschlag 2016. Für sie soll es fünf Merkmale des Deutschseins geben, zwei „sozioökonomische“, zwei „soziokulturelle“ plus Verfassungspatriotismus. Deutsche sind erstens fleißig und versuchen, durch eigene, harte Arbeit nach oben zu kommen, Sozialleistungen nehmen sie nur in Notfällen in Anspruch. Zweitens kann die so definierte deutsche Person davon ausgehen, dass sie „durch eigene Anstrengung die angestrebte persönliche Anerkennung und einen gewissen sozialen Aufstieg erreichen kann“. Drittens trennen die Deutschen Religion und Staat, sie verlangen nicht, dass etwa die Rechtsprechung religiösen Gesetzen folgt. Viertens mischen sie sich nicht in die Wahl der Lebenspartner ihrer Kinder ein, diese dürfen frei bestimmen, wen sie lieben und mit wem sie leben. Fünftens bekennen sie sich zur Verfassung, dem deutschen Grundgesetz.

Es ist gut, dass die Münklers Deutschsein nicht ethnisch definieren. Was mich nicht überzeugt, sind die ersten beiden, wirtschaftlichen Merkmale. Was ist mit den Beschäftigten im Niedriglohnsektor, die schuften und trotzdem auf keinen grünen Zweig kommen? Was, wenn es einmal wirtschaftlich wirklich eng wird und das Wachstum dauerhaft zurückgeht? Was, wenn durch Digitalisierung und Automatisierung – Arbeit 4.0 – viele Jobs wegfallen? Oder wenn ein bedingungsloses Grundeinkommen eingeführt wird? Wir benötigen eine Definition, meine ich, die den Zusammenhalt über etwas anderes als das Ökonomische sichert.

Kurz: Ich halte die bisherigen Definitionen von Zugehörigkeit für unzulänglich. Ich bin der Überzeugung, dass wir eine kollektive Identität brauchen, die eine stärkere emotionale Bindefestigkeit besitzt als die Liebe zum Grundgesetz oder eine Vom-Tellerwäscher-zum-Millionär-Aufsteigermentalität.

Andere finden das auch. Die einen nennen diese kollektive Identität mit dem Mehr an emotionalem Kitt schlicht Patriotismus (ohne Zusätze wie Verfassungspatriotismus), andere Heimat und wiederum andere Leitkultur. Ich teile manches mit den Befürwortern dieser drei Konzepte, bin aber der Meinung, dass wir mit einem unverbrauchten Begriff besser fahren. Denn ob man nun von Patriotismus, Heimat oder Leitkultur spricht, diese Begriffe sind allesamt besetzt, vor allem von rechts. Vielleicht ließen sie sich zurückerobern, aber ob es gelänge, ist ungewiss. …

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2 Kommentare
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  1. Kaikalle sagt:

    Wie definiert/konstituiert Plamper denn nun die kollektive Identität? An Kritik gegenüber vorhandenen Konzepten mangelt es in Wissenschaft und Publizistik nun wirklich nicht. Alle verwerfenden Argumente haben bisher zu keinem überzeugenden Konzept geführt. Warum nicht? Weil ein solches konsensfähig sein müsste, gleichermaßen für Autochthone und Allochthone. Zwischen diesen und den jeweiligen Macht-, Teilhabe- und Durchsetzungsansprüchen verläuft die Trennlinie, die einer kollektiven Identität entgegensteht. Umso mehr erscheint eine konzeptionelle Vision notwendig.

  2. Ute Plass sagt:

    Hier ein interessantes Gespräch dazu mit Plamper im Deutschlandfunk:

    https://www.deutschlandfunkkultur.de/einwanderungsland-deutschland-deutsche-und-plusdeutsche.990.de.html?dram:article_id=443575
    .
    „Migration, schlussfolgert Jan Plamper, ist ein ganz wesentlicher Teil deutscher Geschichte. Und dies mitzudenken könne uns helfen, eine positive nationale Identität zu finden, die alteingesessene Deutsche ebenso einbezieht wie Zuwanderer. „Plusdeutsche“ nennen sich letztere manchmal selbst, also Deutsche, die eine zusätzliche migrantische Zugehörigkeit haben.“



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