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Es sei denn, man würde die Lebensverhältnisse der Ausländer in der Bundesrepublik derartig nachhaltig verschlechtern, dass ein Leben am Rande des Existenzminimums in den Herkunftsländern vorteilhafter erschiene.

Forschungsverbund „Probleme der Ausländerbeschäftigung“, 1979

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Das Schicksal der Namenlosen

Die italienische Ärztin Cristina Cattaneo versucht, den Toten im Mittelmeer einen Namen zu geben. Dabei denkt sie vor allem an die Hinterbliebenen.

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Francesca Polistina © privat, bearb. MiG

VONFrancesca Polistina

Francesca Polistina, geboren 1986, kommt aus Italien und wohnt seit einigen Jahren in Deutschland. Sie schreibt über Politik, Gesellschaft und Kultur für diverse Medien. Mehr über sie gibt es auf Twitter.

DATUM15. Februar 2019

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Von ihm weiß man nur, dass er ungefähr 14 Jahr alt war und aus Mali kam. Und dass er in der Nacht vom 18. auf den 19. April 2015 gestorben ist, als das Flüchtlingsboot, mit dem er Europa erreichen wollte, im Mittelmeer kenterte. Seine Leiche wurde aufgefunden, nach Sizilien gebracht und dort untersucht. Er trug eine Daunenjacke, eine Weste, ein Hemd und Jeans. In der Kleidung fanden die Mediziner eine eingenähte Papierrolle: sein Schulzeugnis, oder was davon übrigblieb nach der Zeit im Wasser. Vielleicht wollte er damit den Behörden beweisen, dass er ein guter Schüler war und dass er sich Mühe gab – deshalb hatte er das Papier bis dahin gut aufbewahrt. Oder vielleicht wollte er seinen neuen Lehrern zeigen, dass er zuhause die gleichen Fächer hatte und dass er Mathe und Erdkunde kannte. Warum sonst nimmt man ein Schulzeugnis, versteckt wie ein Schatz, auf dem langen, gefährlichen und manchmal jahrelangen Weg nach Westen mit?

Cristina Cattaneo, 55, hat die traurige und bewegende Geschichte des Jungen aus Mali in ihrem Buch Naufraghi senza volto, auf Deutsch gesichtslose Schiffbrüchige, erzählt. Sie ist Dozentin für Gerichtsmedizin an der Universität von Mailand und Direktorin von Labanof, dem Labor für forensische Anthropologie und Odontologie. Ihre Arbeit besteht darin, durch die Untersuchung von Überresten oder persönlichen Gegenständen die im Mittelmeer ertrunkenen Migranten zu identifizieren und Kontakt mit den Familien aufzunehmen: Wer sind diese Menschen? Wie heißen sie und wo kommen sie her? Wo leben ihre Verwandten? In manchen Fällen können die Ärztin und ihr Team eine Antwort geben: wenn nicht eine vollständige, zumindest eine partielle. Und dann? Wäre es vielleicht nicht sinnvoller, mit dem Geld etwas anderes zu machen, wenn man weiß, dass Geld in Italien sowieso immer knapp ist? – werfen ihr die Kritiker vor, und Kritiker, wenn es um Migration geht, können laut und einschüchternd sein.

Laut den Zahlen der Internationalen Organisation für Migration sind in den letzten fünf Jahren weltweit mindestens 30.000 Menschen während der Migration gestorben. Mehr als die Hälfte davon im Mittelmeer, insbesondere auf dem Weg von Nordafrika nach Italien. Natürlich handelt es sich um geschätzte Zahlen: Häufig werden die Leichen nicht aufgefunden und nur in wenigen Fällen ist man in der Lage, den Verstorbenen einen Namen zu geben. Letzteres sei aber kein Detail, behauptet Cristina Cattaneo im italienischen Polit-Talkshow DiMartedì, nicht nur weil auch Tote eine Würde haben. Die Identifizierung der Leichen sei vor allem für die Hinterbliebenen sehr wichtig, etwa für die Eltern, die sich unwissend in einer Art Limbus mit schweren psychischen Folgen befinden, oder für die Waisen, die nur mit einem Totenschein zur Familie im Ausland nachziehen dürfen. Schließlich sei die Suche nach der Identität der Toten für uns (und unsere politische Debatte) relevant, um die Opfer nicht nur als trockene Zahlen, sondern auch als Menschen zu betrachten.

Die Recherchen zur Identifizierung der Verstorbenen, die lang und mühsam sind, werden vom italienischen außerordentlichen Regierungsbeauftragten für vermisste Personen koordiniert. Bisher hat man sich auf wenige Schiffbrüche fokussiert, und zwar die, bei denen am meisten Menschen verunglückt sind. Cristina Cattaneo sagt, dass man bisher mit mehr als 70 Familien in Kontakt getreten sei – Nicht viel, wenn man an die tausenden Toten im Mittelmeer denkt, doch die Sensibilität wächst. Etwas wichtiges konnte man außerdem beweisen, so die Ärztin, und zwar dass die Opfer, anders als viele Leute denken, von den Familienangehörigen gesucht werden. Denn ja, sie haben auch Familien. Das Traurige ist nur, dass man das häufig nicht für selbstverständlich hält.

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