MiGAZIN

Migration und Integration in Deutschland

Noch sind wir geschockt, aber wir werden unsere Werte nicht aufgeben. Unsere Antwort lautet: mehr Demokratie, mehr Offenheit, mehr Menschlichkeit.

Norwegens Ministerpräsident Jens Stoltenberg, Trauergottesdienst nach dem Terroranschlag im norwegischen Oslo und Utoya, 2011

Studie

Deutschland liegt bei Bildungsgerechtigkeit weit hinten

In Deutschland hängt der Bildungserfolg immer noch stark von der Herkunft der Kinder ab. Das geht aus einer aktuellen Unicef-Untersuchtung hervor. Experten fordern frühkindliche Förderung und Reduzierung sozialer und ökonomischer Ungleichheiten.

Schule, Mäppchen, Schulranzen, Ranzen, Kind, Bildung, Grundschule
Schulmäppchen © birgitta hohenester / pixelio.de, bearb. MiG

Deutschland liegt in einer Rangliste zur Bildungsgerechtigkeit für Kinder in Industrieländern nur im unteren Mittelfeld. Von 41 untersuchten Staaten belegt Deutschland Rang 23, wie aus einer Untersuchung des Kinderhilfswerks Unicef hervorgeht, die am Dienstag in Köln vorgestellt wurde. Lettland steht an der Spitze des Rankings, Bulgarien und Malta sind die Schlusslichter. Die Grünen mahnten mehr Engagement in der Bildungspolitik an. Man müsse entschiedener dagegen vorgehen, dass in Deutschland Bildungserfolg noch immer stark von der Herkunft der Kinder abhänge.

Die Studie „Ein unfairer Start ins Leben“ wurde erarbeitet vom Unicef-Forschungszentrums Innocenti. Ausgewertet wurden Daten der EU und der Organisation für wirtschaftliche Zusammenarbeit und Entwicklung. Verglichen wurden die frühkindliche Förderung sowie die Angebote in der Grundschule und in der Sekundarstufe. Dabei stand die Frage im Mittelpunkt, in welchem Maße Faktoren wie der Berufsstand der Eltern, der Migrationshintergrund, das Geschlecht sowie die unterschiedlichen Schulformen Ungleichheiten hervorrufen oder beeinflussen.

Familie entscheidender Faktor

Der familiäre Hintergrund erwies sich in allen untersuchten Ländern als entscheidender Faktor für den Bildungserfolg des Nachwuchses, wie es hieß. In 16 Staaten gehen zum Beispiel Kinder aus den ärmsten Familien seltener in Kindertageseinrichtungen als Kinder aus den wohlhabendsten Familien. In Deutschland beispielsweise kann sich bei gleichem Leistungsniveau jeder vierte Jugendliche aus einer bildungsnahen Familie vorstellen, eine weiterführende Schule zu besuchen, verglichen mit knapp jedem siebten Jugendlichen aus einem bildungsferneren Elternhaus.

In 21 von 25 Ländern mit hohen Migrationsraten erzielen 15-jährige Schüler der ersten Zuwanderergeneration laut Studie klar schwächere Leistungen in der Schule als Gleichaltrige ohne Migrationshintergrund. In 15 Ländern bestehen diese Leistungsunterschiede auch zwischen zugewanderten Kindern der zweiten Generation und Gleichaltrigen ohne Migrationshintergrund fort. In Australien und Kanada schneiden zugewanderte Kinder der zweiten Generation hingegen besser ab als Kinder ohne Migrationshintergrund.

Experten fordern frühkindliche Förderung

Die Experten nennen Grundprinzipien für mehr Bildungsgerechtigkeit, an denen sich die Politik orientieren sollte. Dazu gehört etwa, frühkindliche Förderung für jedes Kind zu gewährleisten. Denn diese Angebote „können die sozialen und ökonomischen Ungleichheiten verringern, die die Chancengleichheit von benachteiligten Kindern oftmals langfristig einschränken“.

Zudem müsse ein Mindestmaß an Kernkompetenzen für alle Mädchen und Jungen sichergestellt werden. Diese grundlegenden Fähigkeiten würden benötigten, um erfolgreich an der Gesellschaft teilhaben zu können. „Das ist eine Grundvoraussetzung für ein gerechtes Bildungssystem“, betonen die Fachleute. Zudem empfehlen die Autoren der Studie, die soziale und ökonomische Ungleichheiten weiter zu reduzieren. Das könne geschehen, indem eine Kombination von finanzieller Unterstützung und öffentlichen Dienstleistungen genutzt werde.

Grüne: Bildungserfolg an Herkunft gekoppelt

„Die Erkenntnis ist leider nicht neu und wird von jeder Studie aufs Neue bestätigt: Der Bildungserfolg ist in Deutschland viel zu stark an die Herkunft gekoppelt“, sagte Margit Stumpp, Sprecherin der Grünen für Bildungspolitik: „Wir müssen endlich entschieden dagegen vorgehen. Ein forcierter Ganztagsausbau sorgt für längeres gemeinsames Lernen. Multiprofessionelle Teams entlasten Lehrkräfte, fördern individuell und erhöhen die Unterrichtsqualität.“

Zudem müsse das Kooperationsverbot zwischen Bund und Kommunen fallen. Vielmehr brauche es klare und langfristige Vereinbarungen zwischen Bund, Ländern und Kommunen, um gemeinsam für wirkliche Chancengerechtigkeit zu sorgen. „Das Zuständigkeitsgerangel auf Kosten der Lehrkräfte, Eltern und Schülerinnen und Schüler muss ein Ende haben.“ (epd/mig)

Testen Sie den kostenlosen MiGAZIN Newsletter:
Bitte beachten Sie unsere Netiquette. Vielen Dank!

Ihr Kommentar dazu:

MiGAZIN

Ziel und Zweck von MiGAZIN ist die Förderung der politischen, gesellschaftlichen und kulturellen Partizipation von Migrant(inn)en in der Aufnahmegesellschaft. In diesem Sinne soll MiGAZIN die Kommunikation fördern und füreinander sensibilisieren. Mehr über uns...

MiGMACHEN

Die Redaktionsmitglieder von MiGAZIN haben vor allem eins gelernt: Wer über sein Wissen und seine Erfahrungen schreibt, lernt immens dazu. Die kritische Diskussion mit Lesern eröffnet neue Horizonte. Daher hat das MiGAZIN-Team die Aktion-MiGMACHEN ins Leben gerufen. Hier bieten wir allen Interessierten die Möglichkeit, MiGAZIN als Autor, Pate oder Jungautor mitzugestalten. Nähere Informationen...

GRIMME Online Award 2012

    Begründung der Jury: "Über Migranten und Migration wird in Deutschland viel gesprochen. Vor allem von Deutschen. Im Chor der vielen und oft sehr lauten Stimmen fehlen aber zumeist die der Migranten. Und genau diese Lücke füllt das MiGAZIN mit qualitativ hochwertigen Texten und verständlicher Berichterstattung." Weiter ...