MiGAZIN

Migration und Integration in Deutschland

Er [ein Paß] kommt auch nicht auf so einfache Weise zustand wie ein Mensch. Ein Mensch kann überall zustandkommen, auf die leichtsinnigste Art und ohne gescheiten Grund, aber ein Paß niemals. Dafür wird er auch anerkannt, wenn er gut ist, während ein Mensch noch so gut sein kann und doch nicht anerkannt wird.

Bertolt Brecht, Flüchtlingsgespräche, 1940

Nebenan

Erlöst die afrikanischen Bauern von der deutschen Landwirtschaft

Deutsche Bauern sind genau diejenige Fluchtursache, die es zu bekämpfen gilt. Sie tragen signifikant zum Klimawandel bei und stechen heimische afrikanische Bauern mit ihren massiv subventionierten und deshalb billigen Produkten aus. Von Sven Bensmann

Sven Bensmann, Migazin, Kolumne, bensmann kolumne
MiGAZIN Kolumnist Sven Bensmann © privat, bearb. MiG

VONSven Bensmann

Sven Bensmann (geb. 1983 bei Osnabrück) hat Philosophie, mittlere und neuere Geschichte, sowie europäische Ethnologie in Kiel studiert und einige Jahre von der Öffentlichkeit weitgehend unbemerkt ein politisches Blog betrieben.

DATUM28. August 2018

KOMMENTARE2

RESSORTAktuell, Meinung

SCHLAGWÖRTER , , , , , , ,

DRUCKENAnsicht

MEHR ZUM ARTIKEL

DANKE,
ich möchte MiGAZIN auch in Zukunft lesen!

Wann immer man heutzutage über Flüchtlinge redet, hört man drei Argumente, die vor uns ausgebreitet werden:

1. Wir können nicht alle aufnehmen; das Mittelmeer kann.
2. So ein Deutschkurs, der allein oft aus einem Fremden ein produktives Mitglied unserer Gesellschaft macht, ist so wahnsinnig teuer, dass wir überfordert wären, wenn die plötzlich alle herkommen.
3. Wir müssen die Fluchtursachen bekämpfen, um nicht mehr die Flüchtlinge bekämpfen zu müssen.

Punkt 1 kann man als zynischen Fakt bezeichnen, zumindest wenn man, wie so oft insinuiert wird, tatsächlich glaubt, dass wortwörtlich alle herkommen wollen. Tun sie aber nicht. Die paar Tausend, die überhaupt noch herkommen, sind bei 83 Millionen Einwohnern ein Fliegenschiss in der Weltgeschichte.

Und wenn die Punkte 2 und 3 wirklich unser Maßstab zur Behandlung von Menschen wären, hätte man das in den letzten paar Tagen sehen können. Denn die Menschen, die die Fluchtursache Nummer 1 für ganz Afrika darstellen, weil Sie in globalem Maßstab das Klima vergiften und auf regionaler und nationaler Ebene die Ökonomien vernichten, so ganze Völker in die Armut treiben, haben mal wieder gezeigt, dass Sie, die letztlich schon seit Jahrzehnten herumheulen, dass die Staatsknete, die sie in den Rachen geworfen bekommen, nicht reicht, keine Schamgrenzen mehr kennen, immer noch mehr Geld vom Staat zu fordern.

Die Bauern, die, solange wir uns alle erinnern können, ihre Milch wegkippen, weil sie angeblich kein Geld mehr damit verdienen, die unsere Böden zerstören, die Biodiversität gefährlich verringern und maßgeblich für das Insektensterben verantwortlich sind, die mehr zum Klimawandel beitragen, als der weltweite Verkehr und dennoch gern mal mehr als die Hälfte ihrer Einkünfte aus dem Bauern-HartzIV von Bundesrepublik und EU, als Agrar-Subventionen verklärt, erhalten, und denen mitunter wortwörtlich die Scheiße bis zum Hals steht, weil sie so viel Dünger auf den Felder ausbringen, dass das Grundwasser ungenießbar wird, sind nämlich auch international gesehen ein gewaltiges Risiko.

Nicht nur aufgrund des signifikanten Beitrags zum Klimawandel, auch durch massenhafte Exporte von Fleischabfällen oder anderweitig so massiv subventionierten Agrarerzeugnissen, dass heimische afrikanische Bauern nicht mehr konkurrenzfähig sind – unser Verständnis von Entwicklungshilfe – sind deutsche Bauern nämlich genau diejenige Fluchtursache, die es zu bekämpfen gilt; nicht nur Hunger und Armut, auch Bürgerkriege und Terror wachsen nämlich in nicht geringem Maße auf deutschen Äckern.

Wenn nun zusätzlich zu den 40-60% seines Einkommens, die der deutsche Bauer ohnehin schon aus der Staatskasse erhält, auch noch hunderte Millionen Euro „Nothilfen“ hinzukommen, sind wir an dem Punkt, da der deutsche Bauer praktisch ausschließlich auf Staatkosten lebt – und zwar gar nicht so schlecht; ob Immigrant oder „Biodeutscher“ Hartzer, wer außerhalb der Agrobranche lebt, kann von solchen Beträgen nur träumen.

Vielleicht wäre es da also angebracht, den notorisch nörgelnden Bauern, die von ihrer eigenen Hände Arbeit ja nicht mehr leben können, die Umschulung auf einen Job zu bezahlen, der nicht unser aller Umwelt zerstört, die freiwerdenden Flächen einem gemeinnützigen Zweck zuzuführen, und von dem vielen Geld, dass so gespart wird, ein paar Deutschkurse zu finanzieren, die schon auch vor 2015 schon auf Jahre ausgebucht waren, sowie HartzIV auf ein Level zu heben, dass tatsächliches Leben, nicht bloß Überleben, erlaubt. Von dem, was dann immer noch übrig ist, ließe sich vermutlich das Breitbandinternet in Deutschland auf das Niveau von Lettland modernisieren.

Das führt nicht nur die Bauern, sondern auch Deutschland in die Zukunft, und zudem erlaubt es einem ganzen Kontinent, sich endlich aus seinen kolonialen Abhängigkeiten zu lösen. Aber das müsste man auch wollen – und bei all dem Gerede darüber, die Fluchtursachen zu bekämpfen, vergessen wir allzu oft, dass kaum jemand von denen, die so reden, tatsächlich Fluchtursachen bekämpfen will: Fluchtursachen bekämpfen heißt nämlich Armut bekämpfen. Und deren Armut ist unser Reichtum: die Wirtschaftsflüchtlinge, die da kommen, sind die hilflosen Opfer unserer Art des Wirtschaftens.

Testen Sie den kostenlosen MiGAZIN Newsletter:

2 Kommentare
Diskutieren Sie mit!»

  1. Ute Plass sagt:

    Wer wird den Aufschrei „Erlöst die afrikanischen Bauern von der deutschen Landwirtschaft“ hören und ihm Folge leisten?

    Auch hier ein Beitrag, der zeigt, wie „unsere schöne imperiale Lebensweise“
    den Planeten ruiniert. https://www.blaetter.de/archiv/jahrgaenge/2017/mai/unsere-schoene-imperiale-lebensweise

  2. Heike Müller sagt:

    Woher stammen Ihre Erkenntnisse zur Landwirtschaft?
    Was wissen Sie über Fruchtfolgen, Düngung, Agrarexporte und -importe?
    Wann waren Sie zuletzt auf einem ganz normalen landwirtschaftlichen Betrieb in Deutschland?
    Was Sie hier machen, ist geistige Brandstiftung!



Bitte beachten Sie unsere Netiquette. Vielen Dank!

Ihr Kommentar dazu:

MiGAZIN

Ziel und Zweck von MiGAZIN ist die Förderung der politischen, gesellschaftlichen und kulturellen Partizipation von Migrant(inn)en in der Aufnahmegesellschaft. In diesem Sinne soll MiGAZIN die Kommunikation fördern und füreinander sensibilisieren. Mehr über uns...

MiGMACHEN

Die Redaktionsmitglieder von MiGAZIN haben vor allem eins gelernt: Wer über sein Wissen und seine Erfahrungen schreibt, lernt immens dazu. Die kritische Diskussion mit Lesern eröffnet neue Horizonte. Daher hat das MiGAZIN-Team die Aktion-MiGMACHEN ins Leben gerufen. Hier bieten wir allen Interessierten die Möglichkeit, MiGAZIN als Autor, Pate oder Jungautor mitzugestalten. Nähere Informationen...

GRIMME Online Award 2012

    Begründung der Jury: "Über Migranten und Migration wird in Deutschland viel gesprochen. Vor allem von Deutschen. Im Chor der vielen und oft sehr lauten Stimmen fehlen aber zumeist die der Migranten. Und genau diese Lücke füllt das MiGAZIN mit qualitativ hochwertigen Texten und verständlicher Berichterstattung." Weiter ...