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Nur die wenigsten dieser deutschen Arbeiter werden in dieser Situation mit den Ausländern solidarisch sein. Die meisten werden sich aggressiv von den Ausländern abgrenzen und bei ihnen die Verantwortung für die eigene schlechte Position suchen.

Hans-Günter Kleff, Vom Bauern zum Industriearbeiter, 1985

Psychologie der Kopftuchdebatte

Yeah, gimme more!

Die Debatte über ein Kopftuchverbot für muslimische Mädchen in Österreich ist längst auch auf Deutschland übergeschwappt. Was diese Debatte nährt und von welchen Vorstellungen sie getrieben wird, erklärt Rechtsphilosof Prof. Alexander Somek in einem Gastbeitrag.

Alexander Somek, Rechtswissenschaft, Universität, Wien
Prof. Dr. Alexander Somek ist Professor für Rechtsphilosophie und Methodenlehre der Rechtswissenschaften an der Universität Wien.

VONAlexander Somek

Prof. Dr. Alexander Somek ist Professor für Rechtsphilosophie und Methodenlehre der Rechtswissenschaften an der Universität Wien.

DATUM16. April 2018

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RESSORTLeitartikel, Meinung, Politik

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Wie Aufklärung geht

Und damit sind wir beim Rousseauschen Punkt angelangt: Ist es nicht denkbar, Menschen durch Zwang zu befreien? Kann es einen Zwang zur Freiheit geben und dürfte er, wenn es ihn gäbe, sein?

„Mit dem „Zwang zu Freiheit“ lässt sich also viel anstellen. Yeah, gimme more!“

Mit dem Rousseauschen Punkt ist vorsichtig umzugehen, vor allem in einem kantianisch geprägten geistigen Milieu, in dem – entgegen Kant –  notorisch der Unterschied zwischen Rechts- und Tugendpflichten ignoriert wird. Denn die Selbstgerechten neigen dazu, davon auszugehen, dass die Befolgung dessen, was sich ihnen als ein kategorischer Imperativ darstellt, die Menschen befreit. Der Zwang emanzipiert von der Verblendung. Den Verblendeten würde dies wie Schuppen von den Augen fallen, wenn sie einmal durch Transformationen hindurchgegangen seien, die durch den Gehorsam bewirkt werden. Die Schnellfahrer werden so lange abgestraft, bis sie der Exekutive danken, dass sie endlich nicht mehr ein Risiko für andere sind. Die vormaligen Reichen danken den kommunistischen Kommissaren, dass sie kraft Enteignung endlich ihr Gattungswesen entdecken durften. Rauchverbote machen die Raucher frei, werden  sie doch von ihrer Sucht erlöst. Arbeitspflichten befreien vom Müßiggang.

Mit dem „Zwang zu Freiheit“ lässt sich also viel anstellen. Yeah, gimme more!

Ein Zwang zur Freiheit ist dennoch nicht undenkbar. Wenn man sich für Dinge entscheidet, die unglücklich machen, stellt sich die Frage, ob man nicht insgeheim einem fremden – und nicht dem eigenen Willen –gehorcht. Die Kopftuchtragenden moslemischen Mädchen und Frauen arbeiten ihrem eigenen Unglück zu, weil sie sich einreden lassen, dass der Wille zum Kopftuch ihr eigener Wille sei. In Wahrheit führe sie das Wollen, das gar nicht aus ihnen entspringe, ins lebendige Begrabensein im Heim und am Herd. Allein durch die Sprengung der Ketten ihrer Sitten könne man Ihnen dazu verhelfen, einen authentischen Willen zu entdecken.

„Die Aufklärung gibt es nur mit den Betroffenen, nicht gegen sie.“

Ein solcher Zwang zu Freiheit ließe sich rechtfertigen, wenn es genügend Hinweise darauf gäbe, dass alle Frauen, die moslemisch aufwachsen, ihr Wollen als etwas Fremdes erfahren und unglücklich werden. Die Möglichkeit soll nicht geleugnet werden. Aber es ist doch eine offene Frage, ob Mosleminnen in größerer Zahl und in größerem Maße sich ins Unglück fügen als katholisch, jüdisch oder atheistisch sozialisierte Personen. Wenn Freud – der Gewährsmann – Recht hat, dann macht Kultur in jeder Form unglücklich, weil sie immer auf Triebverzicht beruht.

Nun mag man einwenden, die betroffenen Frauen litten an falschem Bewusstsein. Sie meinten bloß glücklich zu sein und sich frei in ihre traditionelle Rolle gefügt zu haben, während sie in Wahrheit (irgendwo tief drinnen) unglücklich und unfrei seien. Wie aber lässt es sich feststellen, dass es sich so verhält? Gewiss sind therapeutische Verfahren hilfreich, um Menschen auf innere Zwänge und Hemmnisse stoßen zu lassen, aber letztlich kann die Frage, ob man in so etwas wie falschem Bewusstsein befangen gewesen ist und sich Illusionen hingegeben hat, nur von den Betroffenen selbst zu klären. Das bedeutet nicht, dass man nicht den Verdacht äußern darf, dass dies der Fall sei, aber man darf mit ihnen nicht so verfahren, als seien sie zur Einsicht in ihr falsches Bewusstsein nicht fähig. Die Aufklärung gibt es nur mit den Betroffenen, nicht gegen sie.

Dennoch mag man meinen, dass der Staat im Kontext der Pflichtschulerziehung dazu berufen sei, für Bedingungen zu sorgen, unter denen junge Frauen in die Lage versetzt werden, freie Entscheidungen – vor allem mit Blick auf die Authentizität ihres Willens – treffen zu können.

Die Erziehung ist in gewisser Weise nichts anderes, als eine Serie von Maßregelungen, die dazu führen soll, dass an ihrem Ende aus dem gemaßregelten Willen ein freier Wille wird. Die Erziehung erwartet von sich, dass der Wille, der am Ende rauskommt, seine pädagogischen Maßregelungen frei gewählt hätte. Nur unter dieser Bedingung ist der ihr inhärente Zwang zu rechtfertigen. Man begegnet in diesem Zusammenhang dem alten idealistischen Paradoxon der Selbstheilung des kontingenten Anfangs.1 Der Anfang erweist sich rückblickend als richtig, wenn das Resultat den Anfang affirmiert. Ich bin heute glücklich, dass mich meine Eltern dazu angehalten haben, in die Berge zu gehen. Als Kind war ich das nicht.

„Chancen und Chancengleichheit für Frauen aus moslemischen Familien sind wichtiger als Kopftuchverbote.“

Allerdings muss man, was die Erziehung betrifft, vorsichtig sein. Gesellschaften, die das Privat- und Familienleben sowie die Religionsfreiheit achten, können nicht unumwunden dem Staat einen Vorrang einräumen, als ob dieser die Freiheit haben müsse zu bestimmen, der Katholizismus bringe bloß unmündige oder autoritäre Menschen hervor, und müsse daher abgeschafft werden. Die Frage, die sich stellt, ist, wer denn die jungen Menschen maßregeln darf, damit am Ende die „richtige“ Freiheit herauskommt?

Abermals führt kein Weg daran vorbei, dass der Befund, die erworbene Freiheit fühle sich gut und authentisch an, von niemand anderem als von der freien Person selbst zu erstellen ist. Freiheit und Unfreiheit erfährt man letztlich an sich selbst.

Wenn also die meisten Menschen es nicht zu ihrem Anliegen machen, die Familie abzuschaffen, weil sie meinen, sie würden als Erwachsene noch immer in unaufgedeckten Zwängen stecken, dann spricht prima facie nichts dagegen, den Familien Freiheit bei der Erziehung zu gewähren. Dies gilt insbesondere auch dann, wenn nicht zu erwarten ist, dass das von Mutti und Vati verordnete Kopftuch zu jener Form von Gehirnwäsche führt, die jede freie Entwicklung später ausschließt. Und sollten moslemische Frauen nach durchlaufener familiärer Sozialisation den Eindruck haben, sie seien gegen ihr Interesse manipuliert und gegängelt worden, muss ihnen der Weg aus dem beengenden Milieu offenstehen. Chancen und Chancengleichheit für Frauen aus moslemischen Familien sind wichtiger als Kopftuchverbote.

„Den Schutz der Grund- und Freiheitsrechte bräuchten wir nicht, wenn wir nur das zuließen, was uns gefällt.“

Jedenfalls sind diejenigen, die am meisten über das Kopftuchtragen reden sollten, diejenigen, die von ihm betroffen waren. Und wenn sich eine kritische Masse bildet, die das Kopftuch für ein Unrecht hält, dann muss sie sich politisch organisieren. Denn eine freie Gesellschaft ist für Menschen gebaut, die selbst die Initiative ergreifen. Sozial schwach sein ist nichts für die Schwachen.

Das mag den Führern der christlich-sozialen Heimatpartei nicht gefallen. Aber es muss so sein. Den Schutz der Grund- und Freiheitsrechte bräuchten wir nicht, wenn wir nur das zuließen, was uns – oder Herrn Gudenus – gefällt. Georg Büchner hat das ironisch so schön auf den Punkt gebracht, wenn er in Dantons Tod Hérlaut sagen lässt: „Wir alle sind Narren es hat keiner ein Recht einem anderen seine eigentümliche Narrheit aufzudrängen.“

  1. Siehe Albrecht Koschorke, Hegel und wir. Frankfurter Adorno-Vorlesungen 2013, Berlin 2015, 94-96. []
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Ein Kommentar
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  1. -Ute Plass sagt:

    „Die Aufklärung gibt es nur mit den Betroffenen, nicht gegen sie.“
    Eine Erkenntnis, die weit über die Kopftuchdebatte hinaus weist.
    Stichwort: Demokratie herbeibomben!



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