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Migration und Integration in Deutschland

Demnach waren die Arbeitgeber bestrebt, diejenigen ausländischen Arbeitnehmer zu halten, die sich in mehrjähriger Beschäftigung bewährt hatten, zumal bei ihnen die Anpassungs- und hier vor allem die Sprachschwierigkeiten … überwunden waren.

Bundesanstalt für Arbeitsvermittlung und Arbeitslosenversicherung, 1968

Psychologie der Kopftuchdebatte

Schräge Sozialpsychologie

Die Debatte über ein Kopftuchverbot für muslimische Mädchen in Österreich ist längst auch auf Deutschland übergeschwappt. Was diese Debatte nährt und von welchen Vorstellungen sie getrieben wird, erklärt Rechtsphilosof Prof. Alexander Somek in einem Gastbeitrag.

Alexander Somek, Rechtswissenschaft, Universität, Wien
Prof. Dr. Alexander Somek ist Professor für Rechtsphilosophie und Methodenlehre der Rechtswissenschaften an der Universität Wien.

VONAlexander Somek

Prof. Dr. Alexander Somek ist Professor für Rechtsphilosophie und Methodenlehre der Rechtswissenschaften an der Universität Wien.

DATUM16. April 2018

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RESSORTLeitartikel, Meinung, Politik

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Wenn Ressentiment schöpferisch wird

„Kostbar ist auch die Idee, dass eben bloß das Kopftuch und nicht auch die Kippa aus Kindergarten und Volksschule verbannt müsse, weil das Kopftuchverbot die Diskriminierung der Mädchen verhindere, die bei der Kippa eben kein Problem darstelle. Diese Sicht entspringt der schrägen Sozialpsychologie, die den Hintergrund dieser Maßnahmen bildet.“

Die Vorurteilsbeladenheit betrifft nicht so sehr die Verfassungsdogmatik,1 sondern vorzugsweise die ihre Anwendung ermöglichende Sozialpsychologie. Sozialpsychologisches Wissen ist vorauszusetzen, damit Sachverhalte jene normative Bedeutsamkeit erhalten können, die ihnen verfassungsrechtliche Relevanz verleiht.

Aus sozialpsychologischer Sicht will man wissen, wie Menschen soziale Situationen verstehen, um daran anschließend ihr Verhalten zu koordinieren.2 Ein solches Wissen beruht selbst auf einer Deutung. Gesellschaften enthalten Regeln, die ihren Mitgliedern dazu verhelfen, Situationen zu verstehen und anschlussfähige Interpretationen zu entwickeln („Dies ist eine Beleidigung, das gilt als Witz“). Solche Regeln zu rekonstruieren, bedeutet, eine sozialpsychologische Deutung zu entwickeln.

Nun ist die Sozialpsychologie keine bloß akademische Disziplin. Als Gesellschaftsmitglieder sind wir alle Sozialpsychologen. Um uns in unserer sozialen Welt zurechtzufinden, müssen wir Hypothesen darüber entwickeln, wie andere gewisse Zeichen deuten. Wenn wir dieses Wissen nicht hätten, würde es uns nicht gelingen, mit Mitmenschen höflich umzugehen oder umgekehrt sie zu beleidigen, einzuschüchtern oder bloßzustellen. Wenn wir dieses Wissen nicht hätten, würde uns auch die soziale Signifikanz des Kopftuchs verschlossen bleiben. Wir hätte keine Ahnung, welche Bedeutung das Kopftuch für seine Trägerinnen und alle anderen hat, die diese Kopftuchträgerinnen ihr Kopftuch tragen sehen.

Wenn man die Deutungen, die einem begegnen, die das moslemische Kopftuch insgesamt – und nicht nur das Kopftuch bei unmündigen Mädchen – betreffen, kommt man nicht umhin, gewisse bemerkenswerte Züge festzustellen.

„Das Kopftuch „sexualisiere“ die Mädchen. Offenbar wird damit etwas, das an sich geschlechtsneutral ist (das Kind), äußerlich mit einem Geschlecht versehen und so für Ausbeutung und Unterdrückung zugerichtet. Die Geschlechtszuschreibung fungiert in dieser Deutung als so etwas wie eine transzendentale Vergewaltigung.“

Die Sozialpsychologie, die von den kritischen Beobachterinnen und Beobachtern des Kopftuchs entwickelt wird, ist überwiegend moralisch engagiert und daher vom Ansatz her selbstgerecht. Sie ist insofern ein gutes Beispiel dafür, was einem begegnet, wenn das Ressentiment schöpferisch wird.

Die Selbstgerechten erkennt man vor allem an ihrer ästhetischen Borniertheit. Für sie gibt es keine Mehrdeutigkeit, keine Ambivalenzen und kein Spiel. Sie glauben zu wissen, wofür das Kopftuch steht. Es symbolisiert ausschließlich die Unterdrückung von Frauen.3

Unter den Tisch fällt damit, dass man mit allem spielen kann, und zwar auch mit dem Kopftuchtragen. Junge Frauen mögen ein Kopftuch aus unterschiedlichen Motiven annehmen und damit unterschiedliche Botschaften aussenden wollen: Groll gegenüber der aufgeklärten Mutter, Rebellion gegen die Schönheitszwänge der westlichen Welt, Eintreten für Gemeinschaft gegen Gesellschaft oder Versuche, sich irgendwie interessant zu machen, eine Außenseiterin zu sein oder – umgekehrt – dazu zu gehören. Übersehen werden sollte auch nicht, dass Jahrzehnte der Kopftuchdiskussion die Bedeutung ihres Gegenstandes nicht unangetastet gelassen haben. Das Tuch kann zum Symbol der Bereitschaft zu Unbotmäßigkeit gegen „Normalisierung“ avancieren – unter Bedingungen zumal, unter denen aller Widerstand ohnedies schon zwecklos geworden ist.

Die moralistische Freude an der Eindeutigkeit lässt sich feministisch steigern. Das Kopftuch „sexualisiere“ die Mädchen. Offenbar wird damit etwas, das an sich geschlechtsneutral ist (das Kind), äußerlich mit einem Geschlecht versehen und so für Ausbeutung und Unterdrückung zugerichtet. Die Geschlechtszuschreibung fungiert in dieser Deutung als so etwas wie eine transzendentale Vergewaltigung. Sie ist die Bedingung der Möglichkeit für jede weitere „sexualisierte“ Gewalt.

„Für diejenigen, die dem Kopftuch einen ersten eindeutigen Sinn belegen, ist das Kopftuch offenbar so todernst wie das Hakenkreuz. Damit spielt man nicht. Die Moslems gelten ihnen offenbar als für die Frauen so gefährlich wie die Nazis für die Jüdinnen und Juden. Hier entgeht ihnen ein auf der Hand liegender Unterschied.“

Aus Freudscher Sicht richtet sich eine solche Psychologie von selbst. Aber das Problem ist, dass aus der Sicht derer, die eine solche „Sexualisierung“ beobachten, sich ohnedies jeder schon selbst gerichtet hat, der auch bloß im Geheimen an Freud als intellektuellen Gewährsmann (Mann!) denkt.

Das ist also das Problem. Nicht nur trägt die Sozialpsychologie der Kopftuchgegner eindimensionale Züge, weil sie Bedeutungsnuancen ausblendet; es gelten auch diejenigen, die die Eindimensionalität nicht teilen, als unbelehrt und ihr Denken als bloßes Anzeichen ihrer moralischen Fehleinstellung.

Nun wären die Selbstgerechten im Recht, wenn die Vieldeutigkeit eines überdeterminierten Symbols wegen der Gefährlichkeit seiner Kernbedeutung nicht ins Gewicht fallen dürfte. Das modische Accessoire ließe sich, so gesehen,  als das Äquivalent des Hakenkreuzes sehen. Auch mit dem Hakenkreuz oder einer Naziuniform kann man „spielen“ – und Prince Harry hat uns dies bei einer Halloweenparty demonstriert. Aber selbst er musste lernen, dass das zumindest unschicklich ist. Denn es ist ein Spiel mit dem Feuer, weil die spielerische Koketterie mit dem Nationalsozialismus dazu angetan ist, ihn zu verharmlosen. Deswegen ist in solchen Fällen auch der unernste Gebrauch des Symbols unerlaubt.

Für diejenigen, die dem Kopftuch einen ersten eindeutigen Sinn belegen, ist das Kopftuch offenbar so todernst wie das Hakenkreuz. Damit spielt man nicht. Die Moslems gelten ihnen offenbar als für die Frauen so gefährlich wie die Nazis für die Jüdinnen und Juden. Hier entgeht ihnen ein auf der Hand liegender Unterschied.

Hinzu tritt der seltsame Glaube, dass die sexistische Welt der Moslems mit dem Abnehmen des Kopftuchs zum Verschwinden gebracht würde. Dahinter steckt eine nachgerade magische Vorstellung von Kausalität. Dass mit dem Kopftuch der Sexismus verschwände, ist nun gänzlich inkompatibel mit der von Feministinnen verschiedentlich gemachten Annahme, die Kultur sei insgesamt eine patriarchalisch-heterosexistische Veranstaltung, die zulasten des anderen Geschlechts (der Frauen*) ausgehe. Warum sollte das Kopftuch da eine besondere Rolle spielen? Würde der Islam mit dem Kopftuch verschwinden? Würde der politische Islam seine sexualisierte reale Basis verlieren?

Integration würde nur dann als gelungen angesehen, wenn die äußeren Anzeichen des Andersseins verschwänden. … Falsch. Integration gelingt nur durch die Normalisierung des Andersseins.

Schließlich steckt hinter all dem eine xenophobe Vorstellung von „Integration“. Sie würde nur dann als gelungen angesehen, wenn die äußeren Anzeichen des Andersseins verschwänden. Integration wird nach dem Muster einer alten amerikanischen Einwanderungszeremonie vorgestellt, in deren Zuge Menschen in ihren alten heimatlichen Gewändern ein Haus auf der einen Seite betreten und in zeitgenössischer amerikanischer Kleidung auf der anderen Seite herauskommen. Dieses Ritual gilt heute in der Literatur als ein Musterbeispiel für Assimilierungszwang und damit als das Gegenteil von Integration. Denn die letztere gelingt nur durch die Normalisierung des Andersseins.

Im urbanen Wien bedeutet eine solche Normalisierung, dass die Lederhose und das Dirndl nicht weiter negativ auffallen. Die in Wien lebenden Salzburger sind integriert, selbst wenn sie sich ostentativ und aggressiv provinziell präsentieren.

Ich meine, Anhänger der christlich-sozialen Heimatpartei würden mir beipflichten, läsen sie dies. Sie müssten dann aber auch zugestehen, dass es wirkliche Integration nur um den Preis des Kopftuchs geben kann.

Befreiung durch Zwang?

In der Kopftuchdebatte wird das Ressentiment schöpferisch und ersinnt sich eine soziale Bedeutsamkeit, die sich bei näherem Hinsehen als die Albtraumwelt von Moralisten erweist. Sie ist eine Welt von Eindeutigkeit und einfacher Kausalität. Lässt sich dagegen ankommen?

„Ist es nicht denkbar, Menschen durch Zwang zu befreien? Kann es einen Zwang zur Freiheit geben und dürfte er, wenn es ihn gäbe, sein?“

Die Albtraumwelt der Selbstgerechten ist kein bloßes Für-Wahr-Halten. Sie ist eine Einbildung, die zugleich eine soziale Realität ist. Sie ist manifest an wechselseitig eingespielten Erwartungsstrukturen, die auch gegen Enttäuschungen stabilisiert werden. Die einer Sanktion äquivalente Enttäuschungsabwicklung besteht darin, die Ansichten der Gegner für nichtig zu erklären. Sie gelten nicht, weil sie nicht wahr sein dürfen. Sie dürfen nicht wahr sein, weil sie der Ausdruck eines liberalen Fehldenkens sind, dem Menschen anhängen, die im Kinderfreundekindergarten sozialisiert worden sind.

Die Sozialpsychologie der Kopftuchphoben wirft daher kein bloß theoretisches Problem auf in dem Sinne, dass sie komplexe soziale Sachverhalte vereinfacht. Sie behauptet ja implizit, dass das, was anderen als Vereinfachung erscheint, immer schon die Verfolgung einer guten Sache ist. Sie konfrontiert uns daher mit einem praktischen Problem, nämlich mit der Frage, wie im Kampf um die Deutungshoheit der sozialen Realität die Deutungsmacht zu verteilen ist.

Aber wie fängt man dies an? Man fängt am besten gleich beim emanzipatorischen Anspruch der Selbstgerechten an, die Mädchen und jungen Frauen von der Sozialisation in einem Milieu befreien zu wollen, das sie ihre Unterdrückung als normal empfinden lässt. Sie wollen den Mädchen und jungen Frauen das soziale Sehen lehren; und dies mit Mitteln des Zwangs.

  1. Auch hier fällt auf, dass die Politik – Vater Staat – den Moslems zu verstehen gibt, dass der Islam das Tragen des Kopftuchs vor der Geschlechtsreife nicht gebiete. Folglich sei das Verbot kein Eingriff in die Religionsfreiheit. Dass dem Grundrechtsträger vom Staat die Denkaufgabe abgenommen wird, seine Religion zu verstehen, und dass das Familienleben offenbar nicht als grundrechtsrelevant erlebt wird, fällt niemandem auf. Kostbar ist auch die Idee, dass eben bloß das Kopftuch und nicht auch die Kippa aus Kindergarten und Volksschule verbannt müsse, weil das Kopftuchverbot die Diskriminierung der Mädchen verhindere, die bei der Kippa eben kein Problem darstelle. Diese Sicht entspringt der schrägen Sozialpsychologie, die den Hintergrund dieser Maßnahmen bildet. []
  2. Siehe George Herbert Mead, Mind, Self, and Society from the Standpoint of the Social Behaviorist, Chicago – London 1934. []
  3. Deswegen gilt es, anders als die Kippa, nicht als religiöses Symbol. Siehe Anm. 1. []
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Ein Kommentar
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  1. -Ute Plass sagt:

    „Die Aufklärung gibt es nur mit den Betroffenen, nicht gegen sie.“
    Eine Erkenntnis, die weit über die Kopftuchdebatte hinaus weist.
    Stichwort: Demokratie herbeibomben!



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