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Migration und Integration in Deutschland

Wenn mir etwas Sorge macht, dann nicht Sarrazins Buch, das ich für das absurde Ergebnis eines Hobby-Darwins halte. Viel mehr Sorge macht mir, dass dieser Rückgriff auf die Eugenik in unserem Land gar nicht mehr auffällt, ja mehr noch: als »notwendiger Tabubruch« frenetisch gefeiert wird.

Sigmar Gabriel (SPD-Chef), Die Zeit, 16.09.2010

Aus dem Alltag

Natürlich erkennen sie mich!

Ich bin schwarz. Wissen Sie, wie oft ich von wild fremden Menschen gefragt werde, ob ich Jonas, Samson oder sonst wer bin? Und wenn ich verneine, dann soll ich ihnen einen Gruß ausrichten!

Sami Omar, Sami, Omar, MiGAZIN
Sami Omar © privat, bearb. MiG

VONSami Omar

Der Autor und Moderator Sami Omar schreibt und arbeitet zu den Themen Migration, Integration, Rassismus und Diskriminierung für Print und Online-Medien. Er tritt als Referent zu diesen Themen auf und moderiert Veranstaltungen aus Politik und Kultur. Sami Omar ist Kampagnenreferent und Mitarbeiter eines Fachdienstes für Integration und Migration bei einem deutschen Wohlfahrtsverband. 2016 erschien sein zweites literarisches Werk "Geht schon, danke". Seine Kurzgeschichten erscheinen in Literaturzeitschriften, Anthologien und sind Teil seines abendfüllenden Bühnenprogramms, mit dem er deutschlandweit auftritt. Sami Omar wurde 1978 als Sohn eritreischer Eltern im Sudan geboren und wuchs als Kind deutscher Eltern im schwäbischen Ulm auf. sami-omar.de

DATUM9. November 2017

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Nur mal eben zur Klarstellung: Natürlich ist mein Personengedächtnis nicht schlechter als das, von weißen Deutschen. Immer wieder werde ich in meinem Umfeld mit dieser Annahme konfrontiert.

Lange Zeit habe ich die vermeintliche Schwäche meines Personengedächtnisses zu einem unabänderlichen Teil von mir gemacht. Ich dachte wirklich, es sei eine Schwäche von mir, Menschen nicht wieder zu erkennen.

Oft habe ich versucht mir bestimmte Details eines Gegenübers besonders einzuprägen – rote Haare, Wangengrübchen oder eine unvorteilhaft ausgeprägte Vorliebe für Mascara. Doch die enttäuschten Gesichter und empörten Nachfragen wollten einfach kein Ende nehmen. „Erkennen sie mich etwa nicht mehr?“ oder „Ich bin es, Thomas Rating! Ich habe Sie sofort erkannt. Da dachte ich, ich komme mal herüber und sage hallo!“

Aber natürlich erkennen sie mich, Herr Rating. Ich bin schwarz und wir sind in Deutschland! Ich verhalte mich zu ihrer Wahrnehmung, wie ein Spaziergang sich zu Usain Bolt verhält. Ich bin eine Leuchtboje im kaspischen Meer. Ich bin die Diskokugel im Dominikanerorden.

Es ist Schluss mit meinem schlechten Gewissen. Es ist ungleich schwerer für mich, weiße Deutsche wieder zu erkennen, als es für sie ist, mich wieder zu erkennen. Wenn sie es also geschafft haben, mich in einer Gruppe weißer Menschen aus zu machen, dann Masel tov. Ich habe es da nicht so leicht!

Ich klage nicht, damit das klar ist. Ich räume nur mit der Annahme auf, wir stünden vor derselben Aufgabe, was das Wiedererkennen von Menschen in unserer Gesellschaft angeht. Und wo wir schon bei Identifizierung sind: Die wenigen schwarzen Menschen, die Teil dieses Deutschland sind, wird man doch noch auseinanderhalten können.

Wissen Sie, wie oft ich von wild fremden Menschen gefragt werde, ob ich Jonas, Samson oder sonst wer bin? Und wenn ich verneine, dann soll ich ihnen einen Gruß ausrichten! Wir kennen uns nicht alle untereinander, sage ich dann und kann die Enttäuschung meines Gegenübers fast greifen.

Wenn sie also demnächst einen schwarzen Mitmenschen wiedererkennen und er sie im selben Moment auch, dann denken sie an meine Worte und freuen sie sich ganz still und leise, dass es geklappt hat. Ich mache es mit ihnen auch so.

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2 Kommentare
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  1. Angela sagt:

    Genau so ist es und Danke für den Beitrag. Habe gerade gelesen, dass eine Gruppe von weißen Menschen die Namen von einigen schwarzen Gesichtern auf Fotos lernen sollte, mit dem Ergebnis, dass ihre (rassitischen) Vorurteile abgenommen haben. Wenn das stimmt, könnte ein Namenlern-Memory wahrhaftig was bewirken.

  2. President Obama sagt:

    LIebe Angela,

    es ist kein rassistisches Vorurteil, wenn wir Menschen andere Menschen mit anderer Hautfarbe nicht sofort wiedererkennen. Das liegt in der Natur der Sache. Würden wir mehr zB Chinesen im Alltag sehen, würde unsere Wahrnehmung auch sensibler und Verwechselungen kommen nicht mehr vor.

    Die Eigenschaft aller Menschen, unterschiedlich sensibel in der Wahrnehmung zu sein ist keinesfalls rassistisch. Das beschreibt der Autor auch nicht so.



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