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Bündnis der Unzufriedenen

Das Textilbündnis hat nichts gebracht

Das Textilbündnis war Antwort auf den Fabrikeinsturz in Bangladesch mit Hunderten Toten. Zu schleppend, wirkungslos, zu kompliziert heißt es über das Projekt von Minister Müller drei Jahre danach – mit sehr unterschiedlichen Verbesserungsvorschlägen.

VONNatalia Matter, Tanja Tricarico

DATUM18. September 2017

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RESSORTAktuell, Wirtschaft

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Der Schock über den Einsturz des Fabrikhochhauses Rana Plaza im April 2013 in Bangladesch war der Motor. Anderthalb Jahre später wurde in Deutschland auf Betreiben von Bundesentwicklungsminister Gerd Müller (CSU) das Bündnis für nachhaltige Textilien gegründet. Denn die Katastrophe mit mehr als 1.100 Toten und über 2.500 Verletzten offenbarte auf brutale Weise die Ausbeutung in der Textilbranche. Die meisten Opfer waren Näherinnen, die für westliche Unternehmen arbeiteten wie die deutschen Firmen KiK, C&A, Adler und NKD.

Doch das Herzens-Projekt von Minister Müller stößt auf sehr unterschiedliches Echo. „Bisher hat das Textilbündnis nichts gebracht“, urteilt Grünen-Politikerin Renate Künast, Vorsitzende des Verbraucherausschusses im Bundestag. „Es gibt kaum Vorgaben und ohnehin keine verpflichtenden Ziele.“ Das Argument von Herstellern und Händlern, absolute Transparenz sei wegen der komplizierten Lieferkette nicht möglich, lässt Künast nicht gelten. „Das ist ein Stück Arbeit. Aber im digitalen Zeitalter möglich.“

Von den knapp 150 Mitgliedern sind 96 Textilfirmen, die etwa die Hälfte des deutschen Textilmarktes repräsentieren. Daneben beteiligen sich Verbände, Gewerkschaften, nichtstaatliche Organisationen und die Bundesregierung.

Kritiker fordern verpflichtende Vorgaben

Auch Berndt Hinzmann von der Kampagne für saubere Kleidung sieht in der freiwilligen Mitgliedschaft ein Manko. „Um eine breite Wirkung in den Produktionsländern zu erzielen braucht es gesetzliche Regelungen, die Unternehmen zu mehr Transparenz und Sorgfalt verpflichten.“ Hier bestehe dringender Handlungsbedarf für die neue Bundesregierung, betont Hinzmann, der für die zivilgesellschaftlichen Mitglieder dem Steuerungskreis des Textilbündnisses angehört. „Damit die Ziele nicht nur papiern bleiben, muss der Prozess beschleunigt werden – gerade bei Themen wie Löhne, Gesundheit und Sicherheit oder Gewerkschaftsfreiheit.“ So müssten die Firmen beispielsweise ihre Einkaufspraktiken verändern.

Bei legalen Rahmenbedingungen plädiert Hinzmann für nationale Gesetze und zudem eine intensive Zusammenarbeit innerhalb der EU. „Wenn man allein auf die EU wartet, geht es nicht schneller und kommt nicht unbedingt ein ambitioniertes Projekt heraus.“ Künast hingegen fordert eine EU-Weite Transparenzrichtlinie, auch wenn dies mehrere Jahre dauern könne. „Wir sind ein gemeinsamer Wirtschaftsraum. Daher macht auch ein nationales Gesetz allein keinen Sinn“, sagt die Grünen-Politikerin.

Textilwirtschaft für freiwillige Ansätze

Auch die Textilwirtschaft plädiert für internationale Ansätze, allerdings freiwillige. „In globalisierten Absatzmärkten und komplexen Wertschöpfungsketten stoßen isolierte nationale Initiativen sehr schnell an ihre Grenzen“, sagt der Hauptgeschäftsführer des Verbandes textil+mode, Uwe Mazura. Es gebe bereits Initiativen in der EU, der OECD oder den G7, an die man anschließen könne. Nur so könnten Nachteile für die deutschen Unternehmen im internationalen Wettbewerb verhindert werden.

Dass viele Unternehmen lange für die Erfüllung ihrer Verpflichtungen im Textilbündnis bräuchten, liege daran, dass die Anforderungen sehr zahlreich und kompliziert seien, vor allem für kleine und mittlere Firmen, sagte Mazura. „Hier muss das Bündnis besser werden, wenn es erfolgreich sein will.“ Besonders bereite ihm Sorge, dass Minister Müller immer wieder mit der Gesetzeskeule drohe, ohne die Leistungen der Unernehmen öffentlich zu würdigen. So stelle er die Erfolge der Initiative in Frage.

Entwicklungsministerium zufrieden

Vom Entwicklungsministerium kommen positivere Töne: Viele Unternehmen hätten durch das Bündnis erstmals systematisch Missstände in ihrer Lieferkette identifiziert, sagte ein Sprecher. Alle Mitglieder hätten sich verpflichtet, jedes Jahr immer anspruchsvollere Maßnahmen umzusetzen.

Hinzmann zufolge verliert das Textilbündnis auch mit gesetzlichen Regelungen seine Berechtigung nicht. „Im Gegenteil, es wäre schlagkräftiger, weil sie auch umgesetzt werden müssen.“ 2018 sieht er als entscheidendes Jahr. Dann müssten die Unternehmen ihren Maßnahmenkatalog veröffentlichen und auf Wirksamkeit überprüfen lassen. Problematisch bei solchen Brancheninitiativen sei, dass bei höheren Ansprüchen Firmen aus der Initiative austreten würden, wie das bei Trigema und Ernsting’s family bereits der Fall war. „Wir brauchen aber ambitionierte Regularien, um eine Verbesserung in den Produktionsländern zu erzielen.“ (epd/mig)

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