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"Wer, wenn nicht ich?"

„Wer, wenn nicht ich?“ – Syrischer Regisseur dreht Dokumentarfilm über Flüchtlinge

Der Filmemacher Maan Mouslli hat in Syrien Krieg und Verfolgung erlebt. Jetzt lässt er Flüchtlinge aus ganz Deutschland vor der Kamera von ihren Erfahrungen berichten. „Die Menschen hier sollen aus erster Hand erfahren, was die Flüchtlinge erlitten haben.“

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Regie-Stuhl © João Trindade @ flickr.com (CC 2.0), bearb. MiG

VONMartina Schwager

DATUM24. Januar 2017

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Er war erst wenige Monate in Deutschland, da gab Maan Mouslli sein erstes, mühsam zusammengespartes Geld für eine Filmkamera aus. „160 Euro hat sie gekostet – nicht besonders gute Technik“, erzählt der 30-Jährige. Aber für den syrischen Filmemacher und seinen Kollegen Anis Hamdoun war sie Gold wert. Mit ihr drehten die beiden die ersten Kurzfilme: Info-Clips für Neuankömmlinge wie sie selbst – über Sprachlernangebote, Arztbesuche oder Secondhand-Kleidung.

Mittlerweile haben sich die beiden Bürgerkriegsflüchtlinge als Theater- und Film-Regisseure über Osnabrück hinaus einen Namen gemacht. Hamdouns Theaterstück „The Trip“ gewann den ersten Preis des Online-Theaterportals „Nachtkritik.de“. Es war in Osnabrück, Berlin und Frankfurt/Main auf der Bühne. Hamdoun lebt mittlerweile in Berlin. Mousllis Kurzfilm „Shakespeare in Zaatari“ wurde bei den Internationalen Filmfestspielen in Cannes gezeigt und gewann einen ersten Preis beim Film Festival in Köln.

80.000 Euro sind bereits im Topf

Derzeit arbeitet Mouslli an seinem ersten großen Projekt, einem Dokumentarfilm. Die Idee und erste Schritte hat er noch mit seinem Freund Hamdoun entwickelt. Jetzt setzt er es gemeinsam mit einem internationalen Team aus Dolmetschern, Assistenten sowie Theater- und Filmemachern um. „Es ist jetzt an der Zeit, einen richtig professionellen Film zu machen über Flucht und Flüchtlinge. Und wer, wenn nicht ich, sollte das tun?“ Flüchtlinge in ganz Deutschland werden für „Newcomers“ vor der Kamera ihre Kriegs- und Fluchtgeschichten erzählen.

Etwa 200.000 Euro soll der Film kosten. Rund 80.000 Euro sind bereits über Spendenaufrufe mit Hilfe der Caritas Osnabrück und der Flüchtlingsorganisation Exil zusammengekommen, sagt Projektleiterin Sara Höweler. Caritas und Exil sind Projektträger. Höweler managt Verwaltung, Organisation und Spendenakquise. Anfang 2017 hat das Team mit der Deutschlandreise und den ersten Interviews begonnen.

Der rechten Stimmung etwas entgegensetzen

„Wir wollen damit auch der sich ausbreitenden rechten Stimmung etwas entgegensetzen“, erklärt Mouslli. „Die Menschen hier sollen aus erster Hand erfahren, was die Flüchtlinge erlitten haben.“ Sie sollten spüren, dass es mit all den Erfahrungen von Flucht und Verfolgung nicht so einfach ist, sich in Deutschland zu integrieren, sagt der Familienvater und fügt mit scharfer Stimme hinzu: „Ich kann hier doch nicht unbeschwert Fußball spielen, wenn ich weiß, dass mein Cousin in Syrien gerade erschossen wurde.“

Der Film wird den Regisseur aber auch zu seinen eigenen schmerzlichen Erfahrungen zurückführen. „Ich habe selbst über Jahre Krieg und Verfolgung erlebt und denke jeden Tag an meine Freunde und Verwandten, die noch in Syrien sind“, sagt Mouslli. „Ich glaube, es wird eine schwierige Zeit für mich.“

Vergangenheit verpflichtet

Der kleine rundliche Mann mit der Glatze ist IT-Ingenieur von Beruf. An der Universität in Damaskus hat er einen Theaterclub gegründet, als Schauspieler und Filmemacher gearbeitet. Schon früh legte er sich mit dem Assad-Regime an. „Ich war im Gefängnis und wurde während einer Demonstration von Mitgliedern des Geheimdienstes angeschossen.“

Über Ägypten kam er mit seiner Frau und seinem kleinen Sohn vor zweieinhalb Jahren nach Deutschland. Für ihn sei es eine Art Verpflichtung, die Vergangenheit nicht ruhen zu lassen, meint Mouslli: „Alles andere wäre Verrat am Widerstand, den ich in Syrien geleistet habe.“

Im Kopf immer noch in Syrien

Heute lebt Mouslli mit seiner Familie in Osnabrück. Bei der Caritas absolviert er gerade ein Praktikum im IT-Bereich. Nebenbei dreht er weiter seine Non-Profit-Filme und schneidet sie am heimischen Computer. Sein neuestes Werk „Love Boat“ über ein Theaterprojekt mit syrischen Flüchtlingen und Kriegsverletzten hatte gerade im Osnabrücker Kino Premiere.

Doch nach wie vor hat Mouslli jeden Tag Sehnsucht nach Syrien. „Ich bin im Kopf immer noch dort und nur mit dem Körper hier“, sagt er. Dann schiebt er mit einem verträumten Lächeln hinterher: „Und ich vermisse die Sonne.“ (epd/mig)

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