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Friedrich Landwehrmann, Strukturfragen der Ausländerbeschäftigung, 1969

Mehr als "Klein Manhattan"

Panamas Ureinwohner kämpfen für ihr Land

Im Vergleich zu anderen Staaten Mittelamerikas ist die Wirtschaftslage in Panama glänzend. Doch profitieren von dem guten Investitionsklima längst nicht alle: Mehr als ein Drittel der Einwohner lebt in Armut, darunter viele Ureinwohner, die vertrieben werden. Von Susan Kreutzmann

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Armut und Reichtum in Panama nah beieinander © vincentraal @ flickr.com (CC 2.0), bearb. MiG

VONSusan Kreutzmann

DATUM7. April 2016

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Der Anblick von Panama-Stadt erinnert an New York. Schlanke Wolkenkratzer streben gen Himmel. Die verglasten Fassaden glitzern in der Sonne. Dazwischen winden sich vielspurige Straßen. Panamas Finanzzentrum wird nicht ohne Grund „Klein Manhattan“ genannt. Ein außerordentlich liberales Bankengesetz lockte viele Kreditinstitute und ausländische Investoren an – und machte das spektakulär enttarnte großangelegte Geschäft mit Briefkastenfirmen möglich. Dem mittelamerikanischen Land, das kleiner als Österreich ist, verschaffte es die höchste Wirtschaftsentwicklung in Mittelamerika. Doch in keinem anderen Land der Region ist das Staatseinkommen auch so ungleich verteilt. Panama ist ein Beispiel für die Ausgrenzung breiter Bevölkerungsschichten.

Rund 36 Prozent der knapp vier Millionen Einwohner leben in Armut. Besonders betroffen sind die rund 400.000 Ureinwohner. Mehr als 90 Prozent von ihnen haben keinen Zugang zu sauberem Wasser, Gesundheitsversorgung und Bildung. „Wir sind vom Reichtum des Landes ausgeschlossen“, sagt Williams Barrigón, Vertreter des Volks der Emberá. Schon seit Jahrzehnten stünden die Ureinwohner Panamas an letzter Stelle des Sozialindex in Lateinamerika. So sei die Müttersterblichkeit in den indianischen Gemeinden fünfmal höher als im Landesdurchschnitt, sagt er. Keine Regierung habe sich bisher der Probleme der indianischen Gemeinschaften angenommen. „Alles, was wir an den wenigen Verbesserungen erreicht haben, mussten wir mit öffentlichen Protesten, Straßenblockaden und Demonstrationen durchsetzen.“

Die Emberá wurden aus ihrem angestammten Territorium an der Grenze zu Kolumbien von Drogenkurieren und bewaffneten Banden vertrieben. Viele Gemeinschaften haben sich am Gatún-See und am Rio Chagres niedergelassen, leben vom Fischfang und Ackerbau. Doch auch die neue Heimat ist in Gefahr. Nach dem Ausbau des Panama-Kanals, der durch den künstlichen See führt, senkte sich der Grundwasserspiegel. Die Bewohner warnen vor einer Versalzung des Sees, des größten Süßwasserreservoirs in ganz Mittelamerika. Die Vertiefung der Fahrrinne hat bereits Fische vertrieben und die Fauna zerstört.

Barrigón befürchtet eine erneute Vertreibung und ein Auseinanderbrechen der indianischen Gemeinschaft. Mehr als 60 Prozent der Ureinwohner Panamas verließen schon jetzt ihre Dörfer auf der Suche nach besseren Lebensbedingungen, sagt er.

Im Westen des Landes protestieren die Ngöbe-Buglé seit Jahren gegen ein Staudammprojekt in ihrem Lebensraum. Der Stausee soll Teile ihres Gebietes fluten. Eine Umweltverträglichkeitsstudie für das Wasserkraftwerk Barro Blanco liegt nicht vor, und die Ureinwohner wurden auch nicht in die Planung miteinbezogen. Damit verstoßen die Betreiber gegen panamaisches und internationales Recht. Besonders pikant: Die Deutsche Investitions- und Entwicklungsgesellschaft (DEG), eine Tochter der staatlichen Kreditbank KfW, finanziert das Projekt mit 25 Millionen US-Dollar (22 Millionen Euro).

Die Staumauer steht bereits, doch die Ureinwohner lassen in ihrem Protest nicht nach. „Das Einzige, was wir wollen, ist ein Stopp von Barro Blanco und aller weiteren Projekte für den Bau von Wasserkraftwerken“, betont Ofélia Carrizo, Vertreterin der Ngöbe-Buglé. Nach dem öffentlichen Druck verhängte die Regierung einen vorläufigen Baustopp. Vor kurzem traf sich Präsident Juan Carlos Varela mit Vertretern der Ureinwohner und versprach, einen Runden Tisch einzurichten. Doch schon jetzt mussten Hunderte Familien ihre Dörfer verlassen.

Anfang 2015 wurde den Emberá- und Kuna-Ureinwohnern späte Gerechtigkeit zuteil. Der Internationale Menschengerichtshof verurteilte Panama zu einer Entschädigungszahlung in Höhe von 4,7 Millionen US-Dollar. In den 1970er Jahren wurden sie ebenfalls für einen Staudamm von ihrem angestammten Land vertrieben. Erst jetzt, 40 Jahre später, entschuldigte sich die panamaische Regierung für das begangene Unrecht.

Die Ngöbe-Buglé sind mit rund 170.000 Mitgliedern das größte indigene Volk in Panama, gefolgt von den Kuna mit 62.000 und den Emberá mit 23.000 Mitgliedern. (epd/mig)

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