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Ulrich Freiherr von Gienanth, Der Arbeitgeber, 1966

Studenten helfen Asylbewerber

„Ich möchte gut Deutsch lernen, um in die Schule zu gehen“

Deutschkurse für Flüchtlinge gibt es viele. Aber selten bieten Ehrenamtliche diesen Unterricht täglich an. Doch mehr als 40 Studierende der Universität Würzburg stehen abwechselnd montags bis freitags ab 8 Uhr im Keller der Hochschule und lehren.

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Universität © ninastoessinger auf flickr.com (CC 2.0), bearb. MiG

Die jungen Männer wuseln wild durcheinander, suchen sich alle schnell einen Sitzplatz im großen Stuhlkreis. Nur einer bleibt stehen. Für ihn ist kein Stuhl mehr frei, alle lachen – er am meisten. Dann schaut er auf das kleine Kärtchen in seiner rechten Hand und sagt: „Die Kiwi.“ Jetzt steht nur eine Handvoll junger Männer auf, wieder Gewusel, wieder die Jagd nach einem Sitzplatz. Die Gruppe spielt „Obstgarten“, eigentlich ein Spiel für Kindergeburtstage. Doch für die jungen Menschen aus Afghanistan, aus Syrien oder Libyen ist es der Auftakt zum täglichen Deutschkurs im Keller der Uni Würzburg. Gehalten wird er von über 40 Studierenden.

Lucy Nau ist eine der Studentinnen, die an diesem Morgen unterrichten. Weil derzeit vorlesungsfreie Zeit ist, sind weniger Studierende als Lehrer verfügbar – es stehen Prüfungen an, Elternbesuche, Urlaub. Daher hat Lucy Nau an diesem Tag zwei Gruppen mit jeweils fünf jungen Männern gleichzeitig zu unterrichten. Die Anfänger sollen sich mit den Uhrzeiten beschäftigen, die Fortgeschrittenen bekommen im Schnelldurchlauf noch einmal erklärt, wann man im Deutschen das Präsens verwendet. Nasim, 21 Jahre alt, besucht den Deutschkurs seit zwei Monaten. Zuvor konnte er kein Wort Deutsch, inzwischen kann er sich zumindest verständigen.

„Ich möchte gut Deutsch lernen, um in die Schule zu gehen“, sagt er. Seit Monaten lebt er in einer Notunterkunft für Flüchtlinge in Würzburg, dort herrscht keine Privatsphäre, er hat nichts zu tun, arbeiten darf er als Asylbewerber nicht, die Tage sind quälend lang. „Für viele ist unser Kurs eine willkommene Abwechslung, einmal am Tag aus der Unterkunft herauszukommen“, sagt Lucy Nau. Aber keiner komme, um sich dort die Zeit zu vertreiben: „Alle sind sehr fleißig, lernen und üben auch nach dem zweistündigen Unterricht weiter.“ Einige ihrer Schützlinge konnten die Studierende in Deutsch bereits fit genug für Regelschulen machen.

Entstanden ist die Idee für den Kurs aus einer Vorlesung von Stephan Ellinger heraus. Der Inhaber des Würzburger Lehrstuhls für Pädagogik bei Lernbeeinträchtigungen hatte im Sommer 2015 seine Studierenden gefragt, ob sie sich so einen ehrenamtlichen Einsatz vorstellen könnten. „Am Anfang waren es elf Lehramtsstudierende für Sonderpädagogik“, erinnert sich Ellinger. Zunächst lief alles als offizielle Lehrveranstaltung unter dem Titel „Unterricht für minderjährige Flüchtlinge“ – damals waren die Schüler tatsächlich allesamt Kinder und Jugendliche. Inzwischen wird der Kurs von Kindern, Männern und Frauen jeden Alters besucht.

Sprachkurse für Asylbewerber gibt es viele – beinahe überall, wo Geflüchtete untergebracht wurden. Meistens sind es Ehrenamtliche, die diese Aufgabe übernehmen. Und trotzdem ist der Würzburger Kurs der Studierenden etwas Besonderes, findet Ellinger: „Dieser Kurs findet ja nicht nur ein oder zwei Mal pro Woche statt, sondern täglich von 8 bis 10 Uhr.“ Studierende heute hätten einen eng getakteten Stundenplan, die Freizeit während der Vorlesungszeit sei knapp, aber auch jetzt in den Semesterferien wegen der Prüfungen: „Trotzdem findet der Kurs ununterbrochen statt. Das verdient wirklich große Anerkennung.“

Die Kursteilnehmer, an diesem Montag eine Frau und sonst nur Männer, üben in Kleingruppen unregelmäßige Verben, üben Uhrzeiten, Wochentage, Smalltalk, manche aber lernen mit Kindergartenmaterial zum ersten Mal in ihrem Leben ein Alphabet. Eine der Studentinnen müht sich mit Händen und Füßen ab, ihren Schülern den Unterschied zwischen den beiden Verben „stehen“ und „aufstehen“ zu vermitteln. Aber erst der Blick in ein kleines Taschenwörterbuch „Arabisch-Persisch“ beseitigt die ratlosen Blicke in der Runde. „Sie ist wirklich eine gute Lehrerin“, sagt der junge Abdolbaset aus Afghanistan: „Aber Deutsch ist so schwer.“ (epd/mig)

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