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Vom Flüchtling zum Retter

Es begann mit einer Telefonnummer an der Zellenwand

Er kam als Jugendlicher selbst als Flüchtling nach Italien. Heute hilft der eritreische Priester Mussie Zerai Menschen in Not. Auf seinem Handy erreichen ihn Hilferufe von Booten, die auf dem Mittelmeer in Seenot geraten.

Die Küste von Lampedusa © Kairos @ flickr.com (CC 2.0), bearb. MiG
Die Küste von Lampedusa © Kairos @ flickr.com (CC 2.0), bearb. MiG

VONBettina Gabbe

DATUM5. November 2015

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Als er zum ersten Mal mitten in der Nacht telefonisch von Bootsflüchtlingen in Seenot um Hilfe gebeten wurde, wusste Mussie Zerai zunächst nicht, wen er alarmieren sollte. Die italienische Küstenwache habe auf seinen ersten Notruf noch misstrauisch reagiert, erinnert sich der Priester aus Eritrea. Bis zu 15 solcher Anrufe erhält er täglich – und organisiert Hilfe. Für sein Engagement wurde der katholische Geistliche für den Friedensnobelpreis vorgeschlagen.

Mittlerweile weiß der 40-Jährige in Rom, welche Informationen die Küstenwache benötigt: Wie viele Menschen sind an Bord, von welchem Hafen aus sind sie gestartet und wieviele Stunden sind sie schon unterwegs? Wichtig sei auch, ob es Kranke oder Verletzte gebe und aus welchem Material das Boot sei. „Häufig kann ich die nötigen Informationen kaum aus ihnen herausholen, denn sie sind total verängstigt, viele sind zum erstem Mal auf See“, sagt er.

Im Alter von 16 Jahren gelangte der Eritreer 1992 selbst als Flüchtling nach Italien. Damals sei es leichter gewesen, er habe ein Visum gehabt und sei mit dem Flugzeug gekommen, erinnert er sich. „Ich wurde damals der Obhut der Stadt Rom anvertraut, aber die haben sich nicht um mich geschert“, erinnert sich der Mann mit dem freundlich offenen Blick ohne bitteren Unterton in der Stimme.

Da er bereits als Kind in der ehemaligen Kolonie Eritrea Italienisch gelernt hatte, übersetzte er bereits kurz nach seiner Ankunft für andere Flüchtlinge. Zerai tritt bescheiden auf und stellt sein Engagement für Flüchtlinge als selbstverständlich dar. Wie groß deren Not war, erfuhr er von Landsleuten, die in Haftlagern in Libyen festgehalten wurden. Ein Mobiltelefon mit seiner eingespeicherten Handynummer wurde damals in eines der Lager eingeschmuggelt.

In unbeobachteten Augenblicken hätten Eritreer ihn angerufen, um ihm die Zustände im Lager zu schildern. „Einer von ihnen schrieb meine Handynummer an eine Zellenwand, seitdem rufen mich immer wieder Flüchtlinge von dort aus an – oder wenn sie auf einer weiteren Etappe der Flucht in Not geraten.“

In Italien und in der Schweiz hilft Zerai mit seiner Initiative Habeshia bei der Bewältigung der Bürokratie, der Suche nach Unterkunft und Arbeit. In Äthiopien organisiert er Stipendien für Flüchtlinge. „Wenn sie drei oder vier Jahre lang einen Beruf lernen, bleiben sie zunächst dort, und wenn sie später weiter ziehen, haben sie zumindest eine Ausbildung“, sagt der Priester. So werden etwa für Frauen, die in Flüchtlingslagern in Äthiopien leben, zu Krankenschwestern oder Hebammen ausgebildet.

„Wer sich im Transitland nicht sicher fühlt, zieht weiter“, weiß der Mann aus zahlreichen Berichten, die unvorstellbare Schicksale schilderten. Mit Hilfe der Polizei seien Menschen aus Flüchtlingscamps im Sudan entführt und Schleusern übergeben worden, die ihnen Gliedmaßen amputierten, um Lösegeld von den Familien zu erpressen. „Manchen wurden beide Hände abgenommen.“

Um den Flüchtlingsstrom einzudämmen, müssten nach Zerais Auffassung vor allem in Nachbarstaaten von Herkunftsländern sichere Lebensbedingungen geschaffen werden. In Äthiopien harrten derzeit 80.000 Eritreer in Flüchtlingslagern aus. „Wenn ihnen dort keine Lebensperspektive eröffnet wird, nützt es nichts, sie vor Schleusern und den Gefahren der Überfahrt über das Mittelmeer zu warnen“, erklärt Zerai trocken. Neben Investitionen in Ausbildung und in die Bildung von Arbeitskooperativen in Nachbarländern fordert er legale Einreisemöglichkeiten.

Das größte Engagement der internationalen Gemeinschaft müsste laut Zerai jedoch auf der Bekämpfung der Fluchtursachen liegen, mit wirtschaftlichen, politischen und diplomatischen Mitteln, notfalls aber auch militärisch. „Die nationale Souveränität muss Grenzen haben, wenn Regierungen ihre Bevölkerungen nicht schützen und sogar die Hauptursache für Flucht bilden.“

Jeden Montag schaltet Zerai sein Mobiltelefon auf lautlos, um Ruhe zu haben und neue Kraft zu schöpfen. Nur, wenn er Notrufe von Booten aus erhalte, antworte er, sagt der Geistliche mit dem grau melierten Haar, der gute Kontakte in den Vatikan unterhält. „Ohne meinen Glauben könnte ich das nicht“, sagt er angesichts der Gräuel, über die Flüchtlinge ihm immer wieder berichten. (epd/mig)

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