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Migration und Integration in Deutschland

Wenn wir Millionen von Menschen die doppelte Staatsbürgerschaft geben, die sie weitervererben, werden wir eine dauerhafte türkische Minderheit in Deutschland haben. Das bedeutet eine langfristige Veränderung der Identität der deutschen Gesellschaft. Ich bin dagegen.

Bundesinnenminister Hans-Peter Friedrich (CSU), Münchner Merkur, 6.11.2013

Hallo Deutschland!

Wir, die 60 Prozent, sind auch noch da

Die Türkei hat gewählt und die Meinungsspalten in deutschen Medien sind voll mit Kommentaren zum Wahlausgang. Sie alle kritisieren den AKP Wahlsieg. Jene 60 Prozent in Deutschland, die die AKP gewählt haben, kommen hingegen kaum zu Wort. Woran liegt das?

Mustafa Esmer, Mustafa, Esmer, Meinung, Kommentar
Mustafa Esmer © privat, bearb. MiG

VONMustafa Esmer

Mustafa Esmer, geb. 1976 in Remscheid, ist dipl. Sozialwissenschaftler.

DATUM4. November 2015

KOMMENTARE29

RESSORTAktuell, Meinung

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Die Türkei hat gewählt. Die AK Partei holte sich, mit einem Stimmenzuwachs von knapp 10 Prozent die absolute Mehrheit im türkischen Parlament zurück. Die HDP schaffte nicht nur erneut den Einzug ins Parlament, sondern löste auch die national-konservative MHP als drittstärkste Kraft ab. Bei dieser Konstellation reichen die Stimmen der AK Partei und der HDP, um gemeinsam erarbeitete und auf Konsens basierende Gesetze zu verabschieden. Schon deshalb ist das Wahlergebnis begrüßenswert.

Schaut man sich die öffentlichen Diskussion zu den Wahlergebnissen in der Türkei aber an, bekommt man den Eindruck, als sei die Welt untergegangen. Nicht nur in Kommentarspalten etablierter Medien wird ein Weltuntergangsszenario konstruiert, sondern auch in der Politik. Bundestagsvizechefin Claudia Roth (Die Grünen) etwa kondolierte der Türkei zu diesem „schwarzen Tag“.

Auffällig an dieser Debatte ist: Es kommen fast ausschließlich AKP-Gegner zu Wort. Und wie es der Zufall will, kommen sie überwiegend aus dem linken Spektrum – egal ob sogenannte deutsch-türkische Politiker, Vereinsfunktionäre oder Wissenschaftler. Allen gemein ist der einfach gestrickte Tenor: Gewinnt die AK Partei, war die Wahl schlecht.

Laut vorläufigen Wahlergebnissen haben jedoch etwa 60 Prozent der Türkeistämmigen in Deutschland, die AKP gewählt. Die dürften zufrieden sein mit den Wahlergebnissen. Aber wo bitte kommen diese Menschen zu Wort? Warum wird die Mehrheit der türkeistämmigen Wähler in Deutschland ignoriert, warum werden sie von der öffentlichen Debatte ausgeschlossen, während wir tagein tagaus HDP-nahe Meinungen lesen und hören, obwohl sie vergleichsweise niedrige 15,9 Prozent der türkeistämmigen Wähler in Deutschland überzeugt haben?

Leider ist das kein neues Phänomen. In meinen 39 Lebensjahren, die ich ausschließlich in Deutschland verbracht habe, haben Stimmen aus Medien und Politik mit dem erhobenen Zeigefinger auf uns und auf die Türkei gezeigt. Als Jugendlicher erklärte ich mir die in unterschiedlichen Formen erlebte „Türkenfeindlichkeit“ mit dem Versäumnis der konservativen türkeistämmigen Gruppen, ausreichende Sprachkompetenzen zu erwerben. Sie haben nie gemeinsam mit den Deutschen abends am Lagerfeuer gesessen und gemeinsam mit ihnen „Die Internationale“ gesungen, nie biertrinkend Schweinshaxe in der Kneipe gegessen. Nie gelernt, wie man beim Skat reizt und die Hand gut spielt.

Sie haben einfach keine Gemeinsamkeiten mit den Deutschen gefunden, die ihnen zudem vorurteilsbehaftet begegneten. So zogen sie sich zurück in ihre Unterschicht-Enklaven, die ihnen von öffentlich geführten Wohnungsverwaltungsgesellschaften zugewiesen wurden. Sie hatten deshalb keine Möglichkeit, ihre Argumente mit der Mehrheitsgesellschaft zu teilen und der Meinung türkeistämmiger Linker etwas entgegenzusetzen.

Einmal haben sie in den 1990ern versucht, ihre Stimmen zu erheben, sich in Deutschland politisch zu engagieren und sind grandios gescheitert. Ihre fehlenden Sprachkenntnisse sind ihnen zum Verhängnis geworden. Sie wurden als Faschisten etikettiert, weil sie mit türkischen Fahnen demonstriert hatten. Linke Türkeistämmige – schon damals vergleichsweise bestens vernetzt mit der Politik und den Medien – mischten als Ideengeber und Berater deutscher Politiker und Journalisten kräftig mit. Ihre Positionen wurden zur einzigen Wahrheit.

So wurden die Meinungen der konservativen Türkeistämmigen über Jahrzehnte unterbunden. Meiner Generation wurde im Elternhaus beigebracht, in der Öffentlichkeit bloß nicht aufzufallen – weder mit Meinung noch mit Tat. Sie hatten sich in den 1990ern die Hände verbrannt. Heute sieht sich diese Generation aber als Teil der deutschen Gesellschaft, sie besitzt ausreichende Sprach- und Sachkompetenz. Sie könnten die türkischen Wahlergebnisse ebenso gut – wenn nicht sogar besser – bewerten und kommentieren, vielleicht sogar befreit von Ideologien und sonstigen Scheukappen. Trotzdem kommen sie nicht zu Wort.

Dieser Zustand wird mit der zunehmenden Kompetenz immer unerträglicher. Deutschland muss auch diesen jungen Menschen zuhören, ihnen Möglichkeiten eröffnen, ihre Meinungen, Einstellungen und Überzeugungen in die öffentliche Diskussion einzubringen. Sonst bleiben sie außen vor, werden an den Rand gedrängt, ausgeschlossen. Wollen wir das?

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29 Kommentare
Diskutieren Sie mit!»

  1. Magistrat sagt:

    @Volker K.
    Danke, ja das ist eigentlich genau das was ich zum Ausdruck bringen wollte, am 9. November 2015 um 21:17 .
    Aber bei diesen vielen fanatischen Erdogan-/AKP-Hassern bleibt die Logik leider auf der Strecke.
    Ich bekämpfe doch einen vermeintlich undemokratischen Feind nicht, indem ich mich was Pressefreiheit anbelangt auf sein Niveau begebe. Auch ein Kim Jong Un, ein Erdogan oder meinetwegen ein Bush haben eine ausgewogene Berichterstattung verdient. Das ist völlig ideologiefrei.

  2. Memet sagt:

    EInen wichitigen Aspekt spricht dieser Artikel allerdings wirklich an. Warum wählen 60% der hier lebenden Türcken die AKP.

    Das bedeute wohl dass sie gerne in der Demokratie leben und die Vorzüge geniessen, ihr Denken ist aber alles andere als demokratisch. Darüber sollt wirklich diskutiert werden.

    Wenn man so wie wir in der Demokratie aufgewachsen ist, sollte man auch deren Grundprinzipien übernommen haben, leider ist das aber offenbar bei vielen nicht so.

    Wenn in Deutschland plötzlich die NPD 60% in den Wahlen erreichen würden, sollten dann die Anhänger der NPD zu Wort kommen oder die Kritiker?

  3. Hugo sagt:

    Der Grund warum die Meinung der 60% AKP Wähler nur wenig interessiert, liegt auch ganz einfach daran, dass die allermeisten Türken in Deutschland Nicht-Wähler sind. Es interessiert sie nicht was in der Türkei passiert, weil es sie nicht betrifft. Die AKP-Wähler sind also lediglich eine Minderheit in einer Minderheit.
    Da AKP-Wähler eher selten deutsches Fernsehn schaun bzw. Zeitungen lesen, macht es auch kein Sinn das Programm auf die umzustellen.

    Da muss man keine Verschwörungstheorien entwickeln um herauszufinden warum es so ist, wie es ist.

  4. Limon (Türkin) sagt:

    @Hugo

    genau so ist es…

  5. Mustafa Esmer sagt:

    Zunächst möchte ich mich für die späte Beantwortung der Kommentare, die an mich gerichtet sind, entschuldigen.

    Jetzt habe ich die Zeit und möchte ihre Bestätigungen meiner Kritik zumindest kurz beantworten:

    Fällt ihnen auf, dass niemand von ihnen, den Kritikern des Beitrags, die Frage nach den Gründen für die Wahlentscheidung stellt?

    Vielmehr konnotieren Sie ihre Vorurteile (Deren Entstehung und Existenz im Beitrag beschrieben wird), mit den Menschen, in Deutschland lebend, die einen Präsidenten Erdogan und seine Partei unterstützen.

    Warum sind alle AKP-Wähler automatisch kurdenhassende-antidemokraten für Sie? Haben die Medien ihnen das gesagt?

    Das kuriose an ihrer Argumentation besteht darin, dass Sie – ohne auch nur die Argumente der Gegenseite zur Kenntnis genommen zu haben – bereits die politische Präferenz dieser Person bewerten und ihn zu einem „demokratiefeindlichen Ungeheuer“ stilisieren. Sind doch keine Menschen, sind Erdogan-Wähler?

    Es ist nicht meine Absicht Erdogan oder die AKP mit ihnen zu diskutieren, denn die meisten ihrer „Rezitationen oppositioneller Propaganda aus der Türkei“ sind schnell und leicht zu widerlegen, durch einfache Recherche auf seriösen Seiten …

    Ich möchte Sie bitten, den Beitrag erneut zu lesen und sie werden vielleicht von alleine bemerken, dass Sie genau das Verhalten an den Tag legen, dass ich kritisiere.

    Sie versuchen eine andere Meinung Mundtod zu machen ohne die andere Meinung überhaupt zu kennen und wundern sich dann, warum so viele Menschen diesen „Sultan“ außerordentlich schätzen.

    Hören Sie auf Fakten zu diskutieren! Ist so! Ob es ihnen passt oder nicht. Deutschland ist kein Ponyhof.

    Entweder fangen Sie damit an, die Realität als Basis für Lösungsansätze, als Basis zu nehmen oder wundern sich noch in 100 Jahren, warum ihre „Liste von Forderungen an Andere“, deren Grundlage „Ignoranz von Fakten“ ist, in der realen Welt scheitert! …

  6. ponyhof sagt:

    @mustafa

    „…einfache Recherche auf seriösen Seiten“

    also Stichwort „Lügenpresse“. Woher kenne ich das nur?

    Bitte erläutern Sie uns doch, welche Quellen Sie als „seriös“ erachten…

  7. aloo masala sagt:

    Hallo Mustafa Esmer,

    Sie kritisieren die deutschen Medien völlig zu Recht. Konstruktive Kritik hat allerdings zum Ziel, vorherrschende Missstände zu beseitigen. Ihnen spreche ich ab, dass Sie eine bessere Berichterstattung wünschen. Sie sind lediglich für eine Berichterstattung, die das schreibt, was Ihnen gefällt.

    Sie unterstützen in einem Land eine Partei, die Presse- und Meinungsfreiheit missachtet und gleichzeitig fordern Sie in einem anderen Land eine ausgewogenere Berichterstattung ein. Und wenn die deutsche Presse von ihrer Meinungsfreiheit Gebrauch macht und nicht das schreibt, was Ihnen gefällt, dann fordern Sie in einem anderen Artikel, dass die deutsche Presse sich gefälligst um ihre eigene Politik kümmern soll. Seien Sie konsequent und kümmern Sie sich als bekennender Wähler der AKP einfach um die türkische Politik. Nicht weil ich Ihre Meinung nicht hören will, sondern weil ich Ihre Heuchelei und Doppelmoral so unerträglich finde.

    Beste Grüße

    aloo masala

  8. D. Baalzen sagt:

    @ Herr Esmer

    Wie ist denn dann der Inhalt dieses anderen Artikesl von Ihnen

    Zitat
    Habt ihr Euch mal bewusst gemacht, dass sich KEINER dieser „Führer“, von Perinçek über Kılıçdaroğlu, von Gülen bis Erdoğan, auch nur im Geringsten um Euch und Eure existenziellen Probleme in Deutschland kümmert? Ihr handelt wie Marionetten, die lediglich auf ihre jeweiligen Strippenzieher reagieren…
    Zitat Ende
    http://i-blogger.de/es-rettet-uns-kein-ferner-fuhrer/

    im völligen Gegensatz zu Ihrem Artikel hier bei MIGAZIN
    zu verstehen ?

    Konträr, wäre noch eine vorsichtige Umschreibung.

  9. TeilsTeils sagt:

    Ich kann Limon nur zustimmen. Darüber hinaus : Über gefühlte 5000 Zeichen hinweg zu fordern, eine Einheitspresse solle doch AKP-Anhänger zu Wort kommen lassen und dann über eben diese Textlänge hinweg nicht über Schweinshaxenplattitüden hinauszufinden, wenn es um die Wahlmotivation geht, macht den Autor sehr zweifelhaft.Er schmettert gegen die Mehrheit, nutzt aber die Chance, die er hier fordert und hat, nicht, um sich differenziert mit dem Thema auseinanderzusetzen und auch nur ein überzeugendes Argument für seine Wahl vorzubringen.
    Der Text wirkt wie eine Stammtischrede, die genauso irgendwo in Sachsen ein AfD-Mensch mit gegenteiliger Stoßrichtung halten könnte. Dadurch jedenfalls wird er kein Verständnis bei denen erzeugen, die sich fragen, wie um Himmels Willen man von einem freiheitlich-demokratischen Land aus woanders der Demokratie den Boden unter den Füßen wegreißen kann. Das ist ein logischer Konflikt, der im Text keine Besprechung findet. Wenn man Menschen überzeugen möchte, braucht man gute Argumente. Dass Herr Esmer die anscheinend nicht finden konnte, erhärtet nur den Eindruck, dass AKP-Wähler relativ unreflektiert Entscheidungen treffen, die viele Menschen bitter mit der Freiheit bezahlen müssen. Und warum? Weil sie immer noch beleidigt sind, dass man sie nicht zum Lagerfeuer eingeladen hat.


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