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Demnach waren die Arbeitgeber bestrebt, diejenigen ausländischen Arbeitnehmer zu halten, die sich in mehrjähriger Beschäftigung bewährt hatten, zumal bei ihnen die Anpassungs- und hier vor allem die Sprachschwierigkeiten … überwunden waren.

Bundesanstalt für Arbeitsvermittlung und Arbeitslosenversicherung, 1968

Endstation Serbien?

Die Zeit läuft Flüchtlingen und Europa davon

Noch gelingt vielen die Ausreise aus Serbien – irgendwie. Aber es kommen immer mehr Flüchtlinge nach und wenn die Grenzen zu sind, könnte das Land schon bald überfordert sein – kurz vor dem Winter. Von Paul Simon

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Menschen auf der Flucht © Peter Tkac @ flickr.com (CC 2.0), bearb. MiG

VONPaul Simon

Paul Simon studierte Amerikanistik in Berlin und Leipzig und interessiert sich für Politik und Geschichte. Er versucht einen Blog zu betreiben, zu finden unter andauerndfreiheit.blogspot.de.

DATUM24. September 2015

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RESSORTLeitartikel, Meinung, Politik

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Am Sonntag Morgen befand sich die Innenstadt von Belgrad im Ausnahmezustand. Straßen waren abgesperrt, gepanzerte Wagen fuhren auf, überall war Polizei in voller Kampfmontur. Unwillkürlich dachte man an das improvisierte Flüchtlingslager, das sich diesen Sommer in einer Parkanlage um den Busbahnhof Belgrads gebildet hat. Seit Monaten reisen zehntausende Flüchtlinge durch Serbien, allein an diesem Sonntag sollten bis zu 6.000 die Grenze aus Mazedonien überqueren. Viele machen dabei in Belgrad halt. Sie schlafen in einem Park in der Nähe des Bahnhofs in Zelten oder unter freiem Himmel – immer unter den wachsamen Blicken einiger serbischer Polizisten.

Der bedrohlich wirkende Polizeiaufmarsch am Sonntag hatte aber einen anderen Zweck: Er diente dem Schutz der Gay-Pride-Parade, die seit einigen Jahren wieder jährlich in Belgrad stattfindet. Vor fünf Jahren war es dabei zu heftigen Ausschreitungen gekommen, seitdem garantiert die serbische Regierung mit schwerem Polizeischutz die Sicherheit der Demonstrierenden. In Serbien, so will die Regierung auch ein Signal an die EU senden, steht der Staat für Liberalität und den Schutz von Minderheiten.

Dass dies auch für den Umgang mit den Flüchtlingen zutrifft, hat viele überrascht, verbindet man Serbien doch immer noch mit dem extremen Nationalismus der Bürgerkriegszeit. Doch die Regierung ist darum bemüht, sich eines EU-Beitrittskandidaten würdig zu erweisen – und ernete dafür auch viel Lob aus Brüssel. Hinzu kommt die Tatsache, dass die Erinnerung an Krieg und Vertreibung auf dem Balkan noch sehr lebendig ist und viele Menschen in Serbien vor gar nicht langer Zeit noch selbst auf der Flucht waren. Trotz seiner Armut zeigt sich das kleine Serbien mit den Flüchtenden solidarisch.

Doch nun da die Grenzen nach Ungarn und schließlich auch Kroatien abgeriegelt wurden, könnte sich auch das schnell ändern: Lange war Serbien ausschließlich ein Transitland. Auf die Möglichkeit, selbst Zehntausende Flüchtlinge aufzunehmen, ist Serbien schlicht nicht vorbereitet – weshalb es verzweifelt versucht, seine nördlichen Nachbarn dazu zu bringen, ihre Grenzen wieder zu öffnen.

Über den Sommer ist in Serbien eine Infrastruktur der Flüchtlingshilfe entstanden. Allein die Karitas betreibt fünf Versorgungsstationen in Serbien, mit dem Ziel, über 100.000 Flüchtende mit dem nötigsten zu versorgen. Für viele auf der „Westbalkanroute“ war dies nach der langen Reise über das Mittelmeer, Griechenland, Mazedonien, oder sogar seit Afghanistan, die erste Gelegenheit, Hilfe in Anspruch zu nehmen.

Vor allem Belgrad war für viele ein Ort, an dem sie einige Tage ausharren konnten, mit Kleidung und Essen versorgt wurden und Pläne für die Weiterreise machten. Das Zeltlager im Zentrum Belgrads hat zwar mittlerweile eine fest etablierte humanitäre Versorgung – Betreuung durch Hilfsorganisationen, Versorgung mit Trinkwasser und sanitäre Anlagen, etc. – blieb aber gleichzeitig immer Durchgangsstation. Die meisten reisten nach wenigen Tagen weiter.

Einige Hundert Meter vom Lager entfernt, zwischen Hauptbahnhof und serbischem Außenministerium, befindet sich zum Beispiel das Asyl-Informationszentrum, das sich dem Ziel verschrieben hat, die Flüchtenden bei der Fortsetzung ihrer Reise zu unterstützen. Betrieben wird es von der UNHCR in Zusammenarbeit mit dem humanitären Arm der Adventistenkirche und einigen Belgrader NGOs, aber auch mit Unterstützung der Belgrader Bezirksverwaltung. In dem unscheinbaren Ladenlokal gibt es etwas, was viele Flüchtlinge fast noch dringender brauchen als materielle Hilfe: jemanden, der ihre Sprache spricht. Übersetzer beantworten Fragen und beraten die Flüchtlinge bei ihren nächsten Schritten. Broschüren auf Arabisch, Urdu, Farsi, Paschtunisch, Englisch und Französisch erklären die Mysterien des europäischen Asylsystems. Auch Computer stehen bereit, um den Reisenden den Zugang zum Internet zu ermöglichen.

Zuletzt hatten die Nachrichten über die Grenzschließungen zu einer Leerung des Zeltlagers geführt: Die Zeit lief den Flüchtlingen davon und viele versuchten noch in den Schengenraum zu gelangen, bevor es zu spät ist. Erst Ungarn, nun auch Kroatien hatte die Grenzen geschlossen.

Auch zu Beginn der Woche sah man noch nachts Reisegruppen mit leichtem Gepäck vor dem Büro von „Serbia Tours“ auf den Bus warten, der sie in Grenznähe bringen würde, oder mit den Taxifahrern am Bahnhof über den Preis für die Fahrt zur Grenze verhandeln. Sieben Taxis füllte eine Gruppe auf einmal. „One baby, one baby, please,“ sagte der serbische Fahrer und meinte damit, dass man die Kleinkinder gleichmäßig auf die Autos verteilen soll.

Am Morgen versucht eine Kopftuch tragende Frau in perfektem Englisch herauszufinden, wo sie Zugtickets nach Kroatien kaufen kann. „Subotica, is that in Croatia?“, fragt sie hastig, und zeigt auf ein Schild, welches auf Englisch und Arabisch darüber informiert, Tickets dorthin seien am Schalter 13 zu haben. Sie ist in Eile und offenbar besorgt, in Serbien feststecken zu bleiben. Doch Subotica liegt an der ungarischen Grenze, beim mittlerweile abgeriegelten Grenzübergang von Horgos, und nach Kroatien fahren schon lange keine Züge mehr. Immer mehr Flüchtlinge drohen in Serbien zu stranden.

Gleichzeitig nimmt die Zahl der Menschen, die nach Serbien einreisen, nicht ab. Davon kann man sich auf dem Gelände von Misksaliste, einer ehemaligen Konzertbühne, überzeugen. In diesem Hinterhof nahe des Busbahnhofs haben verschiedene humanitäre Gruppen auf die steigenden Zahlen der Asylsuchenden in Belgrad reagiert und in den letzten Monaten eine immer besser funktionierende Versorgungsstaton aufgebaut. Getragen von Freiwilligen, oft aus dem Ausland, und nur mit Hilfe von Sachspenden werden die Flüchtlinge dort mit dem nötigsten versorgt: Essen, Kleidung, Schuhe, Hygieneartikel, auch medizinische Hilfe. Es gibt eine Ladestation für Handys und kostenfreies W-LAN.

Am Morgen ist der Andrang vor allem nach Kleidung so groß, dass es den Helfern nur mit Mühe gelingt, Ordnung zu schaffen. Offenbar gibt es genug Neuankömmlinge, die dringend auf Ersatzkleidung angewiesen sind. Hat man noch die dramatischen Bilder von der ungarischen und auch kroatischen Grenze im Kopf, ist man erstaunt über die Gelassenheit der Flüchtlinge, die immer wieder lachen müssen, wenn sie von den gestressten Helfern dazu aufgefordert werden, eine gerade Reihe zu bilden. Aber vor allem für die jungen Flüchtlinge ist es etwas schönes, endlich tragbare Kleidung zu kriegen und es scheint fast die größte Tragödie dieses Tages, dass den vielen eher zierlichen jungen Männern aus Afghanistan oder Pakistan die gespendeten serbischen Männerkleider einfach zu groß sind.

Refugee Aid Serbia, welches vor kurzem auf ihrer Facebook-Seite stolz verkündete, dass ihre freiwilligen Helfer aus 41 verschiedenen Ländern stammen, koordiniert auch die Notversorgung für Flüchtlinge im Grenzgebiet. Sie steht für die Hilfsbereitschaft der Menschen in Serbien. Doch in Miskaliste kann man auch sehen, dass diese Hilfsbereitschaft notwendig an ihre Grenzen stoßen wird. Zwar kommen den ganzen Tag über Menschen vorbei und bringen Sachspenden, doch vor allem finanziell verfügen die Aktivisten über so gut wie keine Ressourcen. Auch dass Serbien ein armes Land ist, kann man beobachten, als am Ende des Tages eine Leiterin erklärt, die aussortierten Kleiderspenden werden für die „Gypsies“ aufbewahrt. Tatsächlich wartet schon eine Roma-Familie bei den Mülltonnen, um auch etwas von der Hilfsbereitschaft der Bevölkerung abzubekommen.

Der Staat Serbien, der noch in den letzten Jahren eines der höchsten Haushaltsdefizite Europas auswies, führt gerade eine schonungslose Sparpolitik durch – unter den zustimmenden Blicken Europas und des Internationalen Währungsfonds. In Folge der Privatisierungen und der Austeritätsmaßnahmen wird für das kommende Jahr ein Anwachsen der Arbeitslosenquote auf über 20% erwartet. Laut amtlichen Quellen haben allein im ersten Halbjahr 2015 über 11.000 Serben das Land auf der Suche nach einem besseren Leben verlassen, 85% von ihnen Roma. Fast kein Flüchtling will in Serbien bleiben, das war immer die Grundannahme hinter der serbischen Flüchtlingspolitik.

Was wird passieren, wenn nicht nur den serbischen Emigranten, sondern auch den Flüchtlingen aus den Kriegsgebieten im Mittleren Osten die Einreise nach Europa versperrt wird? Bisher gibt es fast keine Unterkünfte für Flüchtlinge, in denen sie den nahenden Winter verbringen könnten. Doch selbst wenn diese – mit Unterstützung der EU – errichtet werden könnten, wäre damit das Problem der Westbalkanroute einfach nur aus dem Schengenraum exportiert – und damit dem schwächsten Glied in der Kette aufgebürdet. Zwar gibt es mit Serbien ein Rückübernahmeabkommen, welches EU-Staaten erlaubt, Flüchtlinge, deren Asylantrag abgelehnt wurde, wieder nach Serbien zurückzusenden, aber schon jetzt protestiert die serbische Regierung verzweifelt dagegen, dass sich europäische Regierungen – dem Vorbild Ungarn folgend – dieses Rechts tatsächlich bedienen könnten.

Noch gelingt vielen irgendwie die Ausreise. Aber wenn die Grenzen nach Europa irgendwann geschlossen bleiben, und sich die Flüchtlinge der Westbalkanroute in Serbien zu stauen beginnen, könnte Serbien im Gegensatz zu den reicheren EU-Staaten sehr schnell überfordert sein. Man kann nur hoffen, dass Europa es nicht soweit kommen lassen wird.

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