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Es gab vor allem in der Anfangsphase der Anwerbung von Türken häufige Klagen der deutschen Arbeitskollegen darüber, dass die Türken … an ihrem Arbeitsplatz wie verrückt arbeiten und dadurch die Akkordsätze verderben.

Hans-Günter Kleff, Vom Bauern zum Industriearbeiter, 1985

Studie

Auch qualifizierte Migranten am Arbeitsmarkt benachteiligt

Unabhängig vom Bildungsniveau gilt: Migranten stoßen auf größere Schwierigkeiten bei der Arbeitssuche als Personen ohne Migrationshintergrund. Besonders betroffen sind Türkeistämmige, West- und Nordeuropäer sind kaum betroffen.

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Der Arzt als Taxifahrer © Ben Fredericson (xjrlokix) auf flickr.com (CC 2.0), bearb. MiG

Einwanderer haben in Deutschland unabhängig von ihren beruflichen Qualifikationen einer Studie zufolge deutlich schlechtere Chancen am Arbeitsmarkt. Sie seien häufiger arbeitslos und arbeiteten öfter in prekären Beschäftigungsverhältnissen als der Bevölkerungsschnitt, heißt es in einer am Mittwoch in Düsseldorf veröffentlichten Analyse des Wirtschafts- und Sozialwissenschaftlichen Instituts der Hans-Böckler-Stiftung.

In der aktuellen Debatte um eine bessere Arbeitsmarktintegration von neuen Einwanderern dürften daher die bereits in Deutschland lebenden Migranten nicht vergessen werden, mahnten die Instituts-Forscherinnen Jutta Höhne und Karin Schulze Buschoff.

Die Erwerbslosenquote unter Menschen, die selbst oder deren Eltern zugewandert sind, liege mit fast zehn Prozent etwa doppelt so hoch wie im Rest der Bevölkerung, erklärte das Forschungsinstitut. „Unabhängig vom Bildungsniveau gilt: Fast alle Migrantengruppen stoßen auf größere Schwierigkeiten bei der Arbeitssuche als in Alter, Bildung und weiteren Eigenschaften vergleichbare Personen ohne Migrationshintergrund“, heißt es in der Analyse. Die Ausnahme sind Einwanderer aus West- und Nordeuropa: Sie seien genauso häufig arbeitslos wie die übrige Bevölkerung, erreichten gleichwertige oder bessere Positionen und seien mit ähnlicher oder geringerer Wahrscheinlichkeit atypisch beschäftigt.

Dagegen sind der Studie zufolge in Deutschland geborene Männer ohne Berufsqualifikation mit Wurzeln in der Türkei oder den Balkan-Staaten mit doppelt so hoher Wahrscheinlichkeit arbeitslos wie Männer ohne Migrationshintergrund. Gleiches gelte für türkischstämmige Frauen, die keine abgeschlossene Ausbildung haben.

Download: Eine Zusammenfassung der Studienergebnisse (Die Arbeitsmarktintegration von Migranten und Migrantinnen in Deutschland. Ein Überblick nach Herkunftsländern und Generationen) finden Sie hier.

Doch auch qualifizierte Einwanderer haben es den Wissenschaftlerinnen zufolge deutlich schwerer am Arbeitsmarkt: So seien Männer aus Ländern außerhalb der EU mit Berufsausbildung fast dreimal so häufig erwerbslos wie Deutsche. Bei Akademikern aus diesen Ländern gibt es sogar drei- bis fünfmal so viele Arbeitslose wie in der deutschen Referenzgruppe. Bei Hochschulabsolventen mit türkischem oder osteuropäischem Hintergrund sowie Aussiedlern sind es doppelt so viele.

Die Forscherinnen forderten, nicht nur Einwanderung zu fördern und zu regeln, sondern auch bereits in Deutschland lebende Migranten besser zu unterstützen. So müsse etwa mehr Geld in die Qualifikation von Einwanderern fließen und mehr gegen Diskriminierung am Arbeitsmarkt getan werden. (epd/mig)

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5 Kommentare
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  1. Anderen Ländern gelingt es deutlich besser als Deutschland, Menschen mit Migrationsgeschichte in den Arbeitsmarkt zu integrieren. Unsere Integrationspolitik hat offensichtlich Nachholbedarf.
    Zuweilen dominierende Schuldzuschreibungen und monokausal geführte Diskurse (Bildungsmangel etc.) helfen weder weiter noch sind sie wissenschaftlich haltbar. Auch laut des aktuellen OECD-Berichts haben qualifizierte Jugendliche aus Einwandererfamilien im Vergleich zu Jugendlichen ohne Migrationsgeschichte schlechtere Chancen auf dem Arbeitsmarkt hinsichtlich Arbeitsplatzsuche, Einkommen sowie Passung von Qualifikation und Beruf. Darüber hinaus lenken Schulzuschreibungen davon ab, proaktiv eine vorbildliche Integrationspolitik mitzugestalten. Das bedeutet für alle gesellschaftlichen Bereiche: Die hiesigen Potenziale zu erkennen, zu fördern und nicht zuletzt andere zu inspirieren.

  2. Mike sagt:

    Bereits ihrem ersten Satz muss ich widersprechen: schauen Sie zB in die Vorstaedte in Frankreich und Großbritannien uns Sie werden erkennen wie schlecht dort die Integration von Ausländern -auch in den Arbeitsmarkt_ „gelungen“ ist. Diese Probleme kennt Deutschland bislang nicht.

  3. Sarah Gerwing sagt:

    Sehr geehrter Herr Mike,
    danke für Ihren Beitrag – es freut mich, dass mein Beitrag eine Diskussion provoziert hat. Könnten Sie mir die Studien nennen, auf denen Ihr Kommentar rekurriert?
    Gleichzeitig fordert mich Ihr Kommentar auf, zwei Aspekte gründlicher auszuführen:

    1. Perspektive: Dass es Unterschiede in Bezug auf die strukturelle Integration von Menschen mit Migrationshintergrund zwischen Städten, Vorstädten und ländlichen Regionen in verschiedenen Ländern gibt, mag ich nicht bestreiten. Mein erster Kommentar nimmt, wie die OECD-Studie auch, eine Makroperspektive ein, die sich auf Nationalstaaten bezieht.

    2. Interpretation der Studienergebnisse: Herr Mike, Ihr Kommentar legt auf den ersten Blick nahe, dass Deutschland sich nicht weiter anstrengen müsse, weil in anderen Ländern vergleichsweise stärkere Ausgrenzungsmechanismen von Menschen mit Migrationsgeschichte vorherrschen als im hiesigen Kontext. Wie die Autoren der Studien nehme ich bewusst die Perspektive ein, die vorhandenen Potenziale zum Ausgangspunkt zu nehmen und für eine faire Arbeitsmarktpolitik einzutreten.

  4. […] es aber, wenn man sich anschaut, wie gleich qualifizierte am Arbeitsmarkt abschneiden. In einer Analyse der Hans-Böckler-Stiftung wird beobachtet, dass bei gleichem Alter und Familienstand sowie gleicher Qualifikation der […]

  5. Chris sagt:

    Es ist absurd hier das zu legitimieren

    es sind eben nicht die mit Kopftuch die Probleme haben

    sondern meistens junge Männer mit guten Noten die aufgrund ihres Vor und Nachnamens diskriminiert werden.

    In den schönen Talkshows fordern die Politiker, wir sollen die Sprache lernen und uns integrieren und Bildung sei ein wertvolles Gut

    die Realität sieht anders aus.



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