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Migration und Integration in Deutschland

Wir haben in dieser Woche gerade einige Gesetze verabschiedet – zum Beispiel gegen die Scheinehe. Und wir wollen damit deutlich machen, dass wir solche Zwangsverheiratungen zum Beispiel nicht billigen.

Bundeskanzlerin Angela Merkel (CDU), Video-Podcast der Bundeskanzlerin #35/10 vom 30.10.2010

Vorurteile

Bei Türken bewerben sich nur Türken

Nicht nur türkische Arbeitnehmer müssen bei der Jobsuche gegen Vorurteile ankämpfen, auch türkische Unternehmer sind davon betroffen bei der Suche nach gutem Personal. Özlem Avcı und Mustafa Baklan haben es trotzdem geschafft.

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Ein deutsch-türkischer Unternehmer © zeitrafferin auf flickr.com (CC 2.0), bearb. MiG

Wenn Özlem Avcı eine Stellenanzeige aufgibt, dann lässt sie ihren Namen weg. Sie nennt in der Anzeige den Namen ihres Mannes. Der ist Deutscher und hat seinen Nachnamen behalten. „Wenn ich meinen Namen angegeben habe, dann haben sich keine Deutschen beworben“, berichtet die Zahnärztin. „Das hat mich geärgert.“

Dabei gehören Migrantenbetriebe zum Alltag in Deutschland. Jeder sechste Unternehmer hat laut einer Studie des Instituts für Mittelstandsforschung der Universität Mannheim ausländische Wurzeln. Die Zahl selbstständiger Migranten hat sich in den vergangenen 25 Jahren annähernd verdreifacht. Rund 2,2 Millionen Menschen sind bei ihnen angestellt.

„Vom typischen Migrantenunternehmer kann man gar nicht sprechen. Dafür sind die Betriebe zu unterschiedlich“, erläutert René Leicht vom Institut für Mittelstandsforschung. Die Geschichte beginnt in den 70er Jahren: Weil es immer weniger Jobs für Geringqualifizierte gibt, machen sich Gastarbeiter selbstständig. Zunächst sind es Italiener und Griechen. Sie gründen vor allem Restaurants oder Lebensmittelgeschäfte.

Diese neuen Gastarbeiter-Betriebe brauchen Zulieferer – eine Marktchance. Mustafa Baklan war 1972 als 16-Jähriger aus der Türkei nach Mannheim gekommen. Eigentlich wollte er studieren, Geld für die teuren Sprachkurse hatte er aber nicht. Jahrelang schuftete er in einem Großmarkt. 1993 gründete er mit drei Brüdern den Großhandel Baktat. Mit den Banken habe es wegen Krediten keine Probleme gegeben, sagt Baklan.

In der Türkei produzierten sie Lebensmittel-Konserven nach europäischen Standards. Oliven, Weinblätter, Fertiggerichte: „Damit hatten wir Erfolg“, erzählt Inhaber Baklan. Heute gehören zwölf Unternehmen mit 1.500 Mitarbeitern zur Baktat-Gruppe. Das Sortiment umfasst 3.000 Produkte. „Mein Motto ist: Türkische Flexibilität und deutsche Disziplin“, sagt Baklan.

Die Verbindung der alten mit der neuen Heimat sei für einige Migrantenunternehmer das Erfolgsrezept gewesen, erklärt der Soziologe Leicht. „Sie waren in Deutschland heimisch geworden, konnten aber ihre Netzwerke im Herkunftsland nutzen.“ Inzwischen hätten sich die Migrantenunternehmer erneut verändert: Nun gebe es unter ihnen auch viele Akademiker. Dies habe zwei Gründe, sagt Leicht. Viele Migranten der zweiten Generation hätten anders als ihre Eltern einen Hochschulabschluss. Außerdem seien in den vergangenen Jahren viele Akademiker eingewandert.

Die Eltern der Zahnärztin Özlem Avcı kamen in den 60er Jahren aus der Türkei nach Deutschland. Sie wuchs im Frankfurter Vorort Bergen-Enkheim auf. „Ich war die einzige Türkin in meinem Abiturjahrgang“, erzählt Avcı. Nach dem Studium machte sie sich vor siebeneinhalb Jahren mit einer Praxis in der Frankfurter Innenstadt selbstständig. „Freunde sagten: Du kannst durch deine Herkunft besonders gut Türken behandeln,“ berichtet Avcı. Viele Patienten kämen tatsächlich genau deswegen. „Vielleicht denken Türken, ich könne sie besonders gut verstehen. Türkische Frauen sind wirklich sehr schmerzempfindlich“, sagt die Zahnärztin und lacht.

Während bei Lebensmittelhändlern oder Friseuren die Herkunft für die Kunden eine immer geringere Rolle spiele, sei diese bei wissensintensiven Dienstleistungen weiter wichtig, sagt Forscher Leicht. Die Vorurteile ärgern Avcı: „Wenn ein deutscher Kollege und ich Notdienst haben, kommen zu mir nur die Ausländer. Das finde ich schade.“ Für Migrantenunternehmer sei es zudem besonders schwierig, Fachkräfte zu gewinnen, sagt Leicht: „Viele deutsche Bewerber haben Vorbehalte.“ Mustafa Baklan hat schon früh deutsche Mitarbeiter eingestellt, zum Beispiel im Rechnungswesen. Manche seien zunächst skeptisch gewesen, erzählt er.

Dabei werde die Zahl der Migrantenunternehmen in den kommenden Jahren weiter steigen, prognostiziert Forscher Leicht. „Durch die Globalisierung werden immer mehr Geschäftsbeziehungen international. Da gibt es viele Chancen für Migranten.“ (epd/mig)

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