MiGAZIN

Migration und Integration in Deutschland

Wenn mir etwas Sorge macht, dann nicht Sarrazins Buch, das ich für das absurde Ergebnis eines Hobby-Darwins halte. Viel mehr Sorge macht mir, dass dieser Rückgriff auf die Eugenik in unserem Land gar nicht mehr auffällt, ja mehr noch: als »notwendiger Tabubruch« frenetisch gefeiert wird.

Sigmar Gabriel (SPD-Chef), Die Zeit, 16.09.2010

Ramadan

Das Fasten-Outen der Muslime

„Was? Du fastest im Ramadan? Das ist nicht gesund. Und trinken tust Du auch nichts? Nicht einmal Wasser? Und das im Sommer. Das ist aber gefährlich.“ Kennen Sie das? Ja, ich auch. Es ist doch jedes Jahr dasselbe. Von Hanaa El Idrissi-Wenzel

Frau, allein, Traurig, sitzen, Stadion
Eine Frau (Symbolfoto) © Pierre Guinoiseau @ flickr.com (CC 2.0), bearb. MiG

VONHanaa El Idrissi-Wenzel

Hanaa El Idrissi-Wenzel (geb. 1983) is Diplom-Psychologin. Sie lebt und arbeitet in Rheinland-Pfalz. In ihrer Diplomarbeit untersuchte sie das Spannungsfeld Akkulturation unter dem Gesichtspunkt des Störungsbildes Depression, bei Menschen marokkanischer Sozialisation. Zur Zeit befindet sie sich in der Fortbildung zur psychologischen Psychotherapeutin mit Schwerpunkten in der Verhaltenstherapie sowie des systemischem Ansatzes mit interkulturellem Fokus.

DATUM22. Juni 2015

KOMMENTARE12

RESSORTLeitartikel, Meinung

SCHLAGWÖRTER , , ,

DRUCKENAnsicht

MEHR ZUM ARTIKEL

DANKE,
ich möchte MiGAZIN auch in Zukunft lesen!

Ja, hier bin ich wieder, mitten im Sturm der Entrüstung. Die entsetzten Tiraden gehen weiter. Gepaart mit einem beschwichtigen Lächeln und dem Ich-Weiss-Wovon-Ich-Rede-Blick. Dass ich seit 25 Jahren faste und ich meinen Körper gut genug kenne, interessiert niemanden.

Was mich innerlich wütend macht. Jedes Jahr im Ramadan stehe ich vor der Entscheidung: teilst du dich deinen Kollegen mit oder kommst du auch so durch den Ramadan? In diesem Jahr musste ich mich mal wieder dafür entscheiden. Bei uns auf der Arbeit gibt es feste Kaffee- und Essenszeiten. Und das hat mich in die Bredouille gebracht, mich „outen“ zu müssen. Und das Entsetzen war auch in diesem Jahr sehr groß.

Eigentlich hatte ich mich gut vorbereitet. Am Abend zuvor ging ich alle Vorbehalte durch und formulierte Gegenargumente: Kein Stress, ich mache das seit Jahren; ich bin nicht die Einzige; 23% der Weltbevölkerung oder 1,6 Milliarden Menschen sind Muslime, von denen mindestens die Hälfte fastet wie ich; ich hab das schon im Griff; nein, das Fasten schadet nicht der Gesundheit…

Es gibt noch sehr viele weitere Argumente für das Fasten. Doch die scheinen niemanden zu interessieren. Es geht eher darum, mir zu vermitteln, wie hinterwäldlerisch die ganze Sache ist: „Aber Du trägst doch gar kein Kopftuch und Du bist doch hier geboren und das brauchst Du doch gar nicht.“

Wow!

Die zweite Runde

In der zweiten Runde wird dir von einem Freund berichtet, dem es ganz schlecht während des Ramadan ging, er kaum zu ertragen war: schlecht gelaunt, ungeduldig, aggressiv, krank. Und schwuppdiewupp verteidige ich Menschen, die ich nicht kenne. Ich beschwichtige: Nein, ich werde meine Gesundheit schon nicht auf’s Spiel setzen. Ich erkläre, dass das Fasten nachgeholt werden kann bei Krankheiten, dass das Fasten ohnehin viele Ausnahmen kennt, und das es während der Fastenzeit um mehr als nur um Essensverzicht geht. Ich starte eine sehr abgespeckte und für den Durchnitts-Nichtmuslim eine Einheit Religionskunde mit komparativen Elementen.

Während ich das tue, frage ich mich, wie ich denn jetzt schon wieder dahin gekommen bin? Ich wollte doch nur klarstellen, dass ich die nächsten vier Wochen während der Mittagspause nicht mitkomme. Und so langsam wird die innere Wut größer. Ich kann nicht fassen, wie übergriffig diese Menschen sein können. Was quatschen die mich so voll?

Als ob die wirklich an meiner Gesundheit interessiert wären. Bisher hat mir auch keiner den ungesunden Schokoriegel aus der Hand gerissen oder mich daran erinnert, dass ich am Tag noch nicht genug Wasser getrunken habe. Also was soll das? Und wieso muss ich mich rechtfertigen? Es ist doch meine Sache, was ich tue. Ich rolle ja auch nicht mit den Augen, wenn Kollegen eine Zigarette rauchen. Klar, falls meine Arbeitsfähigkeit nachlässt, können die mich gerne auf mein Fasten ansprechen und ich schaue dann, was ich mache.

Was strahle ich denn aus, dass diese Leute mich so zu bevormunden versuchen? Und dann wird es mir wieder bewusst, was mich eigentlich mehr stört, als diese Diskussion: das Gefühl, „die Andere“ zu sein. Die Andere, die nicht zu „uns“gehört. Die zu blöd ist um zu raffen, wie schlecht das Fasten ist.

Dass ich Stärke aus dem Ramadan ziehe, die mich das ganze Jahr trägt, wird mit „ja, ja, ja“ abgetan. Das macht müde und traurig. Jedes Jahr baue ich eine Brücke und jedes Jahr kommt mir niemand entgegen. Im Gegenteil, sie treten gegen die Pfeiler. Und wenn sie merken, dass die Pfeiler stabil sind, gehen sie – in der festen Überzeugung, sie hätten nur nicht fest genug getreten.

Ich mag nicht „die Andere“ sein.

Testen Sie den kostenlosen MiGAZIN Newsletter:

12 Kommentare
Diskutieren Sie mit!»

  1. Deutscher Christ sagt:

    @magistrat

    Hallo, kann man einen gesegneten Ramadan auch jemanden wünschen, der gerade isst? Oder ist das dann eine Beleidigung? Und was ist, wenn jemand damit gar nichts am Hut hat, obwohl er Moslem ist? Man weiß ja nicht, ob jemand Ramadan praktiziert oder nicht? Bitte um Aufklärung

    ein Christ

  2. magistrat sagt:

    @Deutscher Christ
    Natürlich kannst du jedem Muslim einen gesegneten Ramadan wünschen, auch wenn er gerade isst, es gibt viele Gründe, warum manche nicht fasten können. Unabhängig davon ist der Monat etwas besonderes für jeden Muslim, weil es der Monat ist, in dem der Prophet de Offenbarung erhalten hat. Übrigens profitiert auch der Nicht-Fastende, wenn er Fastenden das Fasten erleichtert, sie speist oder einfach nur Gutes tut indem er andere speist. Ramadan ist der Monat, aus dem jeder gereinigt hervor gehen möchte. Wenn ein Muslim damit nichts zu tun haben will, dann sollte man ihn vielleicht daran erinnern, dass das eine der 5 Säulen ist… Ohne Ramadan kein Qur’an


Seite 2/2«12

Bitte beachten Sie unsere Netiquette. Vielen Dank!

Ihr Kommentar dazu:

MiGAZIN

Ziel und Zweck von MiGAZIN ist die Förderung der politischen, gesellschaftlichen und kulturellen Partizipation von Migrant(inn)en in der Aufnahmegesellschaft. In diesem Sinne soll MiGAZIN die Kommunikation fördern und füreinander sensibilisieren. Mehr über uns...

MiGMACHEN

Die Redaktionsmitglieder von MiGAZIN haben vor allem eins gelernt: Wer über sein Wissen und seine Erfahrungen schreibt, lernt immens dazu. Die kritische Diskussion mit Lesern eröffnet neue Horizonte. Daher hat das MiGAZIN-Team die Aktion-MiGMACHEN ins Leben gerufen. Hier bieten wir allen Interessierten die Möglichkeit, MiGAZIN als Autor, Pate oder Jungautor mitzugestalten. Nähere Informationen...

GRIMME Online Award 2012

    Begründung der Jury: "Über Migranten und Migration wird in Deutschland viel gesprochen. Vor allem von Deutschen. Im Chor der vielen und oft sehr lauten Stimmen fehlen aber zumeist die der Migranten. Und genau diese Lücke füllt das MiGAZIN mit qualitativ hochwertigen Texten und verständlicher Berichterstattung." Weiter ...