MiGAZIN

Migration und Integration in Deutschland

Wenn wir Millionen von Menschen die doppelte Staatsbürgerschaft geben, die sie weitervererben, werden wir eine dauerhafte türkische Minderheit in Deutschland haben. Das bedeutet eine langfristige Veränderung der Identität der deutschen Gesellschaft. Ich bin dagegen.

Bundesinnenminister Hans-Peter Friedrich (CSU), Münchner Merkur, 6.11.2013

Trauma-Expertin

Kinder leiden besonders unter Kriegstraumata

Weltweit sind 25 Millionen Kinder auf der Flucht. Sie sind besonders betroffenen von seelischen Traumata. Wie Experten warnen, können jüngere das Erlebte schwerer verarbeiten als Erwachsene. Das hat schwerwiegende Folgen.

Ein Flüchtlingslager in Irak © UNHCR / B. Sokol
Ein Flüchtlingslager in Irak © UNHCR / B. Sokol

Die Trauma-Expertin Dima Zito hat zum Weltflüchtlingstag am 20. Juni auf die schwierige Lage der weltweit rund 25 Millionen Flüchtlingskinder aufmerksam gemacht. Je jünger ein Mensch sei, desto schwerer könne er die in Kriegen oder auf der Flucht erlittenen seelischen Traumata verarbeiten, sagte die Düsseldorfer Therapeutin dem Evangelischen Pressedienst. Bei Flüchtlingen über 18 Jahren hätten Studien zufolge 40 Prozent seelische Verletzungen erlitten. Bei Kindern liege der Anteil vermutlich noch höher.

Kinder würden in ihrer Persönlichkeitsentwicklung von unverarbeiteten Traumata stark beeinträchtigt. „Ihre Selbstheilungskräfte sind noch nicht ausgereift“, betonte die Expertin. Sie hätten ein höheres Risiko, Folgeerkrankungen zu entwickeln wie etwa posttraumatische Belastungsstörungen. „Deshalb ist es umso wichtiger, dass sie Hilfen und Therapien erhalten.“

Zito ist spezialisiert auf die Behandlung von Kindern und Jugendlichen und arbeitet im Psychosozialen Zentrum für Flüchtlinge in Düsseldorf. Sie ist Hauptreferentin in einem Symposium des Kinderhilfswerks terre des hommes am Donnerstag und Freitag in Hannover.

Viele Mädchen und Jungen lebten in Lagern oder unter prekären Bedingungen im Libanon, Jordanien, der Türkei oder in Nordafrika, unterstrich Zito. Das sei ein fortwährender Ausnahmezustand ohne Sicherheit. „Nur wenige schaffen es nach Europa und Deutschland. Die Fluchtwege sind ihnen verschlossen.“

Doch auch in Deutschland sei die Situation der Flüchtlingskinder in Erstaufnahmelagern und Sammelunterkünften problematisch. „Da kommen sie nicht aus der permanenten Anspannung heraus, in der sie sich seit dem Verlassen der Heimat befinden.“ Sie erlebten zudem die Anspannung der Eltern. „Und das Schlimmste ist, dass sie immer wieder mitbekommen, dass Bewohner abgeschoben werden.“

Zito bemängelte, in Deutschland gebe es zu wenige Therapieplätze für traumatisierte Flüchtlingskinder. „Schon eine Diagnose ist manchmal schwierig, weil die Symptome nicht eindeutig sind und Kinder eine lange Zeit scheinbar funktionieren.“ In den ersten 15 Monaten bis zum Erhalt einer Krankenkassenkarte sei es für Flüchtlinge zudem schwierig, überhaupt eine Behandlung genehmigt zu bekommen. Die Weigerung der Krankenkassen, die Dolmetscherkosten für eine Psychotherapie zu übernehmen, habe mitunter fatale Folgen: „Jugendliche, die selbst traumatisiert sind, übersetzen für ihre Eltern in der Psychiatrie.“ (epd/mig)

Testen Sie den kostenlosen MiGAZIN Newsletter:
Bitte beachten Sie unsere Netiquette. Vielen Dank!

Ihr Kommentar dazu:

MiGAZIN

Ziel und Zweck von MiGAZIN ist die Förderung der politischen, gesellschaftlichen und kulturellen Partizipation von Migrant(inn)en in der Aufnahmegesellschaft. In diesem Sinne soll MiGAZIN die Kommunikation fördern und füreinander sensibilisieren. Mehr über uns...

MiGMACHEN

Die Redaktionsmitglieder von MiGAZIN haben vor allem eins gelernt: Wer über sein Wissen und seine Erfahrungen schreibt, lernt immens dazu. Die kritische Diskussion mit Lesern eröffnet neue Horizonte. Daher hat das MiGAZIN-Team die Aktion-MiGMACHEN ins Leben gerufen. Hier bieten wir allen Interessierten die Möglichkeit, MiGAZIN als Autor, Pate oder Jungautor mitzugestalten. Nähere Informationen...

GRIMME Online Award 2012

    Begründung der Jury: "Über Migranten und Migration wird in Deutschland viel gesprochen. Vor allem von Deutschen. Im Chor der vielen und oft sehr lauten Stimmen fehlen aber zumeist die der Migranten. Und genau diese Lücke füllt das MiGAZIN mit qualitativ hochwertigen Texten und verständlicher Berichterstattung." Weiter ...