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Tröglitz überall

Anschläge auf Asylunterkünfte gibt es bundesweit

Von sich aus informiert das Bundeskriminalamt die Öffentlichkeit nur spärlich. Also zwingt die Linksfraktion das Innenministerium regelmäßig zu genauer Auskunft. Eine Auswertung dieser Dokumente zeigt Ausmaß und regionale Verteilung der asylfeindlichen Taten.

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Symbolfoto © e.roeske auf flickr.com (CC 2.0), bearb. MiG

Der Brandanschlag in Tröglitz, Neonazis vor einem Asylbewerberheim in Berlin-Hellersdorf, „Pegida“ vor allem in Dresden: Asylfeindliche Haltungen werden oft in Ostdeutschland verortet. Mit zunehmender Flüchtlingszahl und der Mobilisierung von Rechtsextremen ist das aber längst nicht mehr so. Die Polizei kann inzwischen für fast jedes Bundesland Angriffe auf Unterkünfte von Flüchtlingen nachweisen. Die Statistik spricht eine differenzierte Sprache: Der Osten Deutschlands – besonders Sachsen – ist ein Schwerpunkt asylfeindlicher Gewalt, aber längst nicht mehr einziger Tatort.

Vergleichbare Fälle wie in Tröglitz, wo Unbekannte am vergangenen Wochenende ein Gebäude mit für Flüchtlinge vorgesehenen Wohnungen anzündeten, gab es zuletzt auch im Westen Deutschland. Mitte Dezember wurden im fränkischen Vorra drei Häuser, in die Flüchtlinge einziehen sollten, in Brand gesteckt. Die Ermittler entdeckten danach ein Hakenkreuz an der Hauswand. Die Amadeu Antonie Stiftung dokumentiert zudem eine Brandstiftung am 9. Februar im schleswig-holsteinischen Escheburg. Auch dort wurde ein Haus unbewohnbar, das Asylsuchenden Unterkunft geben sollte.

Deutliche Zunahme von Angriffen auf Asylbewerber
Angriffe auf Asylbewerber und ihre Unterkünfte haben der Statistik des Bundeskriminalamtes vor allem im vergangenen Jahr deutlich zugenommen: 162 rechtsextrem motivierte Anschläge gab es demnach. 2013 waren es 58, im Jahr davor 24. Für das aktuelle Jahr gibt es noch keine polizeilichen zahlen. Die Amadeu Antonio Stiftung registrierte bislang 25 Angriffe auf Asylunterkünfte.

Während das Bundeskriminalamt keine nach Ländern differenzierte Statistik bereithält, zwingt die Linksfraktion im Bundestag das Bundesinnenministerium regelmäßig in parlamentarischen Anfragen zu genauer Auskunft. Einmal pro Quartal erhält die Öffentlichkeit so Auskunft über Ausmaß und regionale Verteilung der asylfeindlichen Taten.

Tröglitz überall
Diese Dokumente weisen für das Jahr 2014 insgesamt 170 Angriffe gegen Asylunterkünfte aus, 150 davon galten als rechts motiviert. Inzwischen sind weitere Fälle beim Bundeskriminalamt nachgemeldet worden, so dass unterm Strich die 162 Fälle stehen.

Von den 170 Angriffen insgesamt fanden 60 in den ostdeutschen, 75 in den westdeutschen Bundesländern statt. 35 wurden in Berlin registriert – dort dürfte der Schwerpunkt der Straftaten allerdings in den ehemaligen Ostbezirken liegen. Gemessen an der deutlich niedrigeren Einwohnerzahl und damit auch geringeren Flüchtlingszahl im Osten passieren Straftaten gegen Asylunterkünfte dort also besonders oft.

Große Unterschiede in den Regionen
Allerdings sieht die Lage je nach Region verschieden aus: Während die Antworten des Bundesinnenministeriums für Sachsen im Jahr 2014 insgesamt 28 Angriffe auf Asylunterkünfte ausweisen, gab es in Brandenburg 16, in Thüringen und Mecklenburg-Vorpommern jeweils sechs. Sachsen-Anhalt – wo Tröglitz liegt – hatte mit vier registrierten Taten im ostdeutschen Vergleich die wenigsten Fälle.

In den westdeutschen Bundesländern gab es die meisten Fälle in den einwohnerstärksten Ländern Nordrhein-Westfalen (24), Bayern (16) und Baden-Württemberg (19). Die reine Größe erklärt aber nicht die Häufigkeit: In Niedersachsen, in der Reihe der einwohnerstarken Länder auf Platz vier, gab es 2014 im Vergleich fünf Angriffe auf Asylunterkünfte. In Schleswig-Holstein und Bremen wurde gar kein Fall registriert, in Hamburg einer.

Über die Ursachen für die Regionen-Schwerpunkte kann man indes nur spekulieren. Das Bundesinnenministerium vermutet einen Zusammenhang zwischen öffentlicher Stimmung und Straftaten. Wenn es mehr Demonstrationen gebe, gebe es auch mehr Straftaten, sagte ein Sprecher. Vor dem Hintergrund der besonders in Dresden erfolgreichen „Pegida“ wäre das eine Erklärung für den Schwerpunkt Sachsen. Andere Hotspots rechtsextrem motivierter Gewalt erklärt das aber nicht. (epd/mig)

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