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Bundespräsident Christian Wulff, Rede zum 20. Jahrestag der Deutschen Einheit am 3. Oktober 2010

Studie untersucht Pflegedienste

Zuwanderungsgeschichte als Vorteil in der Pflege

Immer mehr Pflegedienste speziell für ältere Menschen mit Migrationsgeschichte werden gegründet. Sie bieten eine Reihe von Vorteilen. Dazu gehören Kontakte zu Beratungsstellen, Arztpraxen und Apotheken, die mehrsprachige Dienste anbieten.

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Seniorinnentreff für türkischsprachige Frauen ("Café Global" bei der AWO Hildesheim) @ Isa Lange/Uni Hildesheim

Im Bereich der ambulanten Pflege gründen sich in den letzten Jahren zunehmend Pflegedienste, die sich speziell an ältere Menschen mit Migrationsgeschichte richten. Auf diese Pflegedienste trifft man am häufigsten in größeren Städten. Viele Verantwortliche in Pflegediensten bringen dabei selbst eine Migrationsgeschichte mit – dieses Phänomen untersucht eine Arbeitsgruppe um Johanna Krawietz, Friederike Isensee, Professor Wolfgang Schröer und Stefanie Visel von der Universität Hildesheim im Projekt „Care-Dienstleistungen als ethnisches Unternehmertum“.

Sie untersuchen derzeit Pflegedienste in Niedersachsen. Dafür wurden bisher zehn Einrichtungsleitungen nach ihrer Unternehmensstruktur, ihrem Arbeitsalltag und ihrer Geschäftsstrategie befragt. „Diese Pflegedienste verfügen über Kontakte zu Beratungsstellen, Arztpraxen und Apotheken, die mehrsprachige Dienste für Ältere anbieten. Ihre eigene Zuwanderungsgeschichte wird von den Unternehmerinnen in der Arbeit mit älteren Migrantinnen und Migranten als Vorteil angesehen“, sagt die Sozialpädagogin Johanna Krawietz. Durch ihre Mehrsprachigkeit, so die Aussagen der Interviewten, könnten sie besseren Kontakt zu älteren Migrantinnen und Migranten aufnehmen. Dadurch könnten sie zum Beispiel die Pflegebedürftigen bei Arztbesuchen begleiten und Übersetzungsarbeit leisten.

Die untersuchten Pflegedienste spezialisieren sich in ihren Pflegeleistungen auf unterschiedliche Zielgruppen. Ein großer Teil richtet sich mit ihrem Angebot an Ältere aus der ehemaligen Sowjetunion und der Türkei.

Friederike Isensee, die als studentische Mitarbeiterin in dem Forschungsprojekt mitwirkt und an der Uni Hildesheim Sozial- und Organisationspädagogik studiert, hat Pflegedienste befragt. Sie nennt ein Beispiel aus der Studie: Natalia Dobat (Name geändert) ist seit über zehn Jahren Geschäftsführerin eines ambulanten Pflegedienstes, der mit seinen rund 300 Klienten speziell auf Leistungen in deutscher und in russischer Sprache ausgerichtet ist. Dobat zog Mitte der 2000er Jahre mit ihrer Familie aus der ehemaligen Sowjetunion nach Deutschland. Die Pflegedienstleistungen werden nicht nur von russischsprachigen Pflegebedürftigen nachgefragt.

Die Arbeitsgruppe um den Sozialpädagogen Professor Wolfgang Schröer weist darauf hin, dass kultursensible Pflegeleistungen nicht automatisch durch Personen des gleichen Herkunftskontextes sichergestellt werden. „Frau Dobat legt in ihrem Pflegedienst Wert darauf, den Mitarbeitern ein vielfältiges Bild von Pflege zu vermitteln. Sie möchte ihre Pflegekräfte dafür sensibilisieren, aufmerksam mit den Pflegebedürftigen umzugehen und offen für mögliche Wünsche bei der pflegerischen Versorgung zu sein“, berichtet Friederike Isensee. Russischsprachige Pflegebedürftige könne man zum Beispiel nicht alle gleichsetzen, sagt die Geschäftsführerin den Forschern. Sie bringen verschiedene Sprachen, Dialekte, religiöse Zugehörigkeiten und Lebensstile mit.

Die Studie „Care-Dienstleistungen als ethnisches Unternehmertum“ wird vom Niedersächsischen Wissenschaftsministerium gefördert. Sie läuft noch bis Januar 2016. (mig/uh)

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