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Migration und Integration in Deutschland

Der große Wert der Ausländerbeschäftigung liegt darin, dass wir hiermit über ein mobiles Arbeitskräftepotential verfügen. Es wäre gefährlich, diese Mobilität durch eine Ansiedlungspolitik größeren Stils einzuschränken.

Ulrich Freiherr von Gienanth, Der Arbeitgeber, 1966

Rezension zum Wochenende

Ausländische Pflegekräfte können nur eine Notlösung für unseren Pflegenotstand sein

Wie lässt sich die häusliche Pflege von Senioren besser und menschenwürdiger gestalten? Welche gesellschaftlichen und politischen Rahmenbedingungen müssen erfüllt sein, um dies auch in der Zukunft zu gewährleisten? Ingeborg Haffert hat sich in seinem Buch mit diesen und anderen Fragen beschäftigt – Michael Lausberg hat’s gelesen:

Pflege, Pflegenotstand, Polin, Polen, Alterspflege, Pflegebedürftigkeit
Eine Polin für Oma. Der Pflege-Notstand in unseren Familien © Econ Verlag

VONMichael Lausberg

Der Verfasser, Politikwissenschaftler und freier Publizist, Dr. phil, studierte Pädagogik, Philosophie, Politikwissenschaften und Neuere Geschichte sowie den Aufbaustudiengang Interkulturelle Pädagogik an den Universitäten Aachen, Köln und Amsterdam. Er promovierte an der RWTH Aachen mit einer Arbeit mit dem Titel „Die extreme Rechte in Nordrhein-Westfalen 1946-1971“. Seit 2007 ist er wissenschaftlicher Mitarbeiter des Duisburger Instituts für Sprach- und Sozialforschung (DISS). Regelmäßige Veröffentlichungen im Migazin, DISS-Journal, bei Kritisch Lesen und in der Tabula Rasa.

DATUM20. Februar 2015

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RESSORTAktuell, Rezension

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Sie konstatiert, dass es einen „der Pflegenot angemessenen öffentlichen Diskurs“ nicht wirklich gibt und ein „so virulentes gesellschaftliches Thema ein solch erschreckendes Schattendasein führt“. (242) Sie prangert vor allem die Tatenlosigkeit auf der politischen Ebene an: „Obwohl alle, sowohl die Bevölkerung als auch die Politiker wissen, dass ausländische Pflegekräfte unter den jetzigen Bedingungen nur eine Notlösung für unseren Pflegenotstand sein können, geschieht wenig.“ (19). Es gibt keine ausgefeilten Modelle, wie die häusliche Pflege von einer steigenden Zahl älterer Menschen in Zukunft organisiert werden kann. Es werden immer noch veraltete Strategien propagiert, die mit der Realität nichts mehr zu tun haben: „Die Entscheidungen, die derzeit auf der politischen Ebene im Bereich der Pflege getroffen werden, basieren in weiten Teilen noch immer auf dem traditionellen Familienmodell. Die Frau kümmert sich vorrangig um die Kinder und auch um die zu pflegenden Eltern und Schwiegereltern.“ (227).

Vor allem unseriöse Agenturen würden von der allgemeinen Unsicherheit und dem fehlenden Wissen aller Beteiligten profitieren und auf diese Weise viel Geld verdienen. Sie fordert daher die Politik auf, weitreichende Beratungsangebote zu garantieren und ein Qualitätssiegel für Vermittlungsagenturen ins Leben zu rufen. Pflegedienste vor Ort könnten als Berater fungieren und die Angehörigen mit ihren Kontakten unterstützen.

Die ausbeuterischen Arbeitsverhältnisse vieler Pflegekräfte gilt es zu verändern. Sie bräuchten einklagbare Arbeitsbedingungen, eine Festanstellung mit deutschem Arbeitsvertrag, einen gesetzlichen Mindestlohn und andere gesetzliche Rechte gegenüber Arbeitgeber_innen. Geregelte Arbeits- und Urlaubszeiten, eine Kranken-, Renten-, Pflege- und Unfallversicherung nach deutschem Muster würden ihre Situation entscheidend verbessern. Außerdem solle sich der Staat an den Kosten für die Sozialversicherung des Pflegepersonals beteiligen. (201). Bevor eine Pflegekraft eine Stelle antritt, müsse sichergestellt werden, dass er/sie über seine/ihre vertraglichen Rechte genau informiert ist. Es muss von staatlicher Seite gewährleistet werden, dass die festgeschriebenen Arbeitsbedingungen stichprobenartig kontrolliert werden.

Voraussetzung für eine Betreuung ist ein Mindestmaß an Respekt, interkulturelle Offenheit, Ambiguitätstoleranz, Empathie und die Fähigkeit des Perspektivenwechsels bei allen Beteiligten. Pflegebedürftige sollten im Vorfeld über ihre eigenen Sorgen und Erwartungen offen sprechen. Eine Zusammenarbeit auf Augenhöhe ohne Bevormundung aller Beteiligten klingt bei einem Arbeitsverhältnis etwas befremdlich, ist aber für alle Beteiligten die beste Lösung. Außerdem ist es wichtig, dass sich die Angehörigen Zeit nehmen, der Pflegekraft möglichst viel über die zu betreuende Person zu erzählen. Eine ausreichende Beherrschung der deutschen Sprache ist ebenfalls eine wichtige Voraussetzung für eine gute Zusammenarbeit zwischen den Familien und der Pflegekraft. Die Anstellung einer Pflegekraft dürfe nicht dazu führen, dass sich die Angehörigen aus der Betreuung vollständig zurückziehen.

Beim Tod des/der Pflegepatienten(in) sollte laut Haffert nach Möglichkeit die Pflegekraft durch gemeinsames Gedenken oder Einbeziehung bei der Organisation der Beerdigungsfeier am Trauerprozess beteiligt werden. (240).

Haffert weist außerdem darauf hin, dass die Vereinbarkeit von Beruf und Pflege in Zukunft so wichtig sein wird wie die Vereinbarkeit von Beruf und Kinderbetreuung. Die Aufgabe von Arbeitgeber_innen besteht dann darin, „flexible Arbeitszeitgestaltung und Sonderurlaub, flexible Arbeitszeitorganisation durch Teamarbeit, Jobsharing, Rücksichtnahme bei Mehrarbeit oder Geschäftsreisen und ein flexibler Arbeitsort durch alternierende Teleheimarbeit möglich zu machen.“ (236).

In dem Buch fehlt allerdings eine Auseinandersetzung mit dem neuesten Trend der Betreuung deutscher Senior_innen in Altenheimen im EU-Ausland. Von 2,5 Millionen Deutschen, die Pflegegeld beziehen, werden bislang 5.000 vorwiegend im ehemaligen Schlesien oder in der Tschechischen Republik in Altenheimen von deutschsprachigem Personal betreut. Das hat vor allem handfeste pekuniäre Gründe: In der BRD kann ein Platz in einem Einzelzimmer je nach Pflegestufe mehr als 3.000 Euro kosten, während im osteuropäischen Ausland weniger als die Hälfte aufgebracht werden muss. Die Nachfrage steigt deutlich an, diese Art der Pflege gilt als zukunftsweisendes Modell.

Ein anderes Zukunftsmodell wie das Mehrgenerationenhaus mit dort wohnender Pflegekraft bleibt ebenfalls in der Diskussion außen vor.1 Um die mit dem demographischen Wandel verbundenen ökonomischen Zwänge zu begegnen, bietet das Wohnen in der Großfamilie eine Alternative, über die wieder mehr Bürger_innen nachdenken. Nach einer Erhebung des Meinungsforschungsinstitutes Innofact können sich mittlerweile 50% der Deutschen vorstellen, im Alter mit den eigenen Kindern zusammenzuleben. Solch ein Mehrgenerationenhaus bietet den Vorteil, dass sich die Generationen nach Möglichkeit gegenseitig im Haushalt oder bei der Kinderbetreuung unterstützen könnten. Für alle Arbeit, die von den Angehörigen nicht mehr geleistet werden kann, könnte eine Pflegekraft, die im Haus wohnen würde, gewonnen werden.

Trotz dieser Einwände kann das Buch als Lektüre empfohlen werden. Bei der Erörterung des fraglos wichtigen Themas ist vor allem Hafferts ganzheitlicher Ansatz, alle Beteiligten (Pflegekräfte, Pflegebedürftige, Angehörige) zu Wort kommen zu lassen und dann konkrete Lösungsvorschläge aufzuzeigen, die praxisnah leicht umzusetzen sind, hervorzuheben. Der inhaltliche Aufbau, die Gliederung und die Argumentationsstrategie sind hervorragend, so dass sich das Buch als Einstiegsliteratur in dies noch nicht so stark erforschte Thema eignet.

  1. Vgl. dazu: Scherf, H./Biberli, I.: Das Alter kommt auf meine Weise. Lebenskonzepte heute für morgen, München 2009 oder www.mehrgenerationenhaeuser.de/themen-dossiers []
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