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Warum ich für meinen Sohn Weihnachtsfiguren mit dunkelbrauner Hautfarbe bestelle

Das Wort „Rassismus“ haben wir längst in die ganz rechte Ecke verbannt. Da gehört es aber nicht hin. Denn dort setzen wir uns damit nicht auseinander. Unsere Kinder aber sind ihm täglich ausgesetzt – selbst im Kindergarten. Von Tupoka Ogette.

VONTupoka Ogette

 Warum ich für meinen Sohn Weihnachtsfiguren mit dunkelbrauner Hautfarbe bestelle
Die Verfasserin berät als Expertin für Vielfalt und Antidiskriminierung vor allem in den Bereichen Antirassismus, vorurteilsbewusste Bildung, Diversity und Empowerment. Als Trainerin und Beraterin ist sie neben dem Unternehmensbereich vor allem in Bildungsstätten (Schulen, Kitas,) Stiftungen und NGO's tätig. Mehr über sie unter: tupokaogette.de.

DATUM11. Dezember 2014

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RESSORTAktuell, Meinung

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Dies hat unterschiedliche Auswirkungen. Weiße Kinder merken durch die Präsenz von einer Schwarzen Minderheit, dass sie selbst in einer dominanten Position in Bezug auf ihre Hautfarbe sind und fühlen sich bestärkt in ihrem „Normalsein“. Schwarze Kinder erleben „Othering“1 und laufen Gefahr, das Gefühl zu verinnerlichen, anders zu sein und nicht dazu zu gehören.

Dieser Prozess hat auf beiden Seiten eine sich selbst verstärkende Wirkung. Kinder der dominanten Gruppe, lernen schnell, wie sie die unveränderlichen Merkmale der Minderheiten nutzen können: „Du darfst nicht mitspielen, weil Du braun bist.“ „Deine Haut sieht aus wie Kacka.“ „Du wirst ja gar nicht sauber.“ Unbewusst nutzen sie die Macht, die ihnen die Kategorie „Ausgrenzung aufgrund von Hautfarbe“ verleiht. Wird diese „Macht“ bewusst oder unbewusst genährt, verstärkt sich diese Wirkung weiter.

Die Ausgrenzung und das Othering geschieht in Kitas auch in Form von vorurteilsbehafteten, einseitigen Darstellungen von Schwarzen Menschen und PoC.2 Viele Spiele, Kinderliteratur und Kinderlieder bedienen sich rassistischer und stereotyper Denkmuster. Beispiele dafür sind Standardwerke wie „Pippi Langstrumpf in Taka-Tuka-Land“, Der „Struwelpeter“, Kinderlieder wie „10 Kleine N…“3, „Alle Kinder lernen lesen“ und Spiele wie „Wer hat Angst vorm Schwarzen Mann“.

Allen diesen Liedern und Büchern ist gemeinsam, dass sie einerseits Schwarze Menschen als unterlegen, einseitig oder unheimlich darstellen und gleichzeitig durch die Nutzung von rassistischen Worten Rassismus reproduzieren und salonfähig machen.

Die Botschaften, die Kinder über die Brisanz und die Wirkmächtigkeit der Kategorie „Hautfarbe“ erhalten, kommen oft subtil und gut gemeint daher.

Nun gut, bei nicht wenigen Kitas ist es inzwischen angekommen, dass bestimmte Bücher, Lieder und Spiele rassistisch und damit ein Tabu sind. Aber Identitätsbildung und ein starkes Ich-Gefühl geschieht auch dadurch, dass ich mich in meiner Umgebung repräsentiert sehe. Dass ich weiß, ich bin Teil dieses Systems, ich werde gehört und gesehen. Das Nicht-Sehen(-Wollen) von Menschen dunkler Hautfarbe ist in Bildungseinrichtungen institutionell verankert. In Kindergärten finden sich Bücher und Spielsachen, die die real existierende diversitäre Demografie der Einrichtung nicht widerspiegelt. Hier dominieren Lilliyfee, Conny und Capt’n Sharky. Keiner sieht so aus, wie mein kleiner Sohn.

Kinder lernen von diesen Auslassungen sowohl über sich als auch über die Anderen. Schwarze wie weiße Kinder. Sie lernen, wer präsent ist. Wer eine Stimme hat, wer wen benennen darf, wer gehört wird, wer gesehen wird und wer wichtig ist. Und wer eben nicht.

Ein Beispiel aus der Praxis: Ein Vater erzählte in einem Elternworkshop, wie er mit seinem Schwarzen Sohn in die USA fuhr. Dort schaute der Junge aus dem Fenster und sah einen Polizisten. „Papa, der Polizist dort hat auch so braune Haut wie ich.“ „Ja, und?“, antwortete der Vater. Der Sohn schaut ungläubig und fragt dann: „Darf der das denn?“

Dies kann gravierende Folgen haben. Die Erziehungswissenschaftlerin Stefani Boldaz-Hahn schreibt: „Der Wunsch, die dunkle Hautfarbe in eine helle zu verwandeln und so das Erleben von Rassismus verhindern zu können, ist gerade bei Kindern häufig zu beobachten. Dies äußert sich zum Beispiel auch im Versuch, sich hell zu waschen, sich mit weißer Creme zu behandeln oder durch das Essen von Seife…“4

Unzählige dieser Geschichten habe ich bereits von Eltern gehört. Kinder, die an der Schönheit ihrer Hautfarbe zweifeln, sich zwanghaft überangepasst verhalten, Symptome wie Bauch- oder Kopfschmerzen entwickeln oder rebellieren. Allen gemeinsam ist, dass die Ausgrenzung und das Othering, welches sie erleben, anstrengend ist.

Wir können das ändern. Indem wir akzeptieren, dass Kindergärten keine Schutz- oder Schonräume sind, sondern ebenso politisch wie alle anderen Orte auch. Indem wir uns trauen, scheinbar harmlose und oft auch lieb gewonnene Traditionen zu hinterfragen. Indem wir das Wort Rassismus wieder aus der rechten Ecke hervor holen und uns damit auseinandersetzen. Und indem wir dann Orte schaffen, an denen sich alle willkommen, wertgeschätzt und sicher fühlen dürfen.

Ich persönlich setze sowohl in meiner Arbeit als auch privat auf Empowerment, auf Sichtbarmachung, auf ein vorurteilsbewusstes Umfeld. Wir lesen Bücher, in denen Schwarze Menschen aktive, problemlösende Protagonisten sind. Ich kaufe Schwarze Legofiguren, Schwarze Piraten und Supermänner. Ich habe eine Gruppe für Eltern Schwarzer Kinder gegründet, mit dem Ziel, dass meine Söhne einmal im Monat eine Mehrheitserfahrung machen dürfen. Und ich möchte, dass sie Schwarze Vorbilder aus allen Bereichen des Lebens kennen.5
Und ich bestelle Weihnachtsfiguren aus den USA. Sitze zur Not zwei Stunden beim Zollamt. Denn ich wünsche mir einen Raum zu schaffen, in dem sich meine Söhne an ihrem Lieblingsfest repräsentiert sehen.

In diesem Sinne wünsche ich Ihnen und uns frohe und empowernde Feiertage, eine schöne Zeit im Kreise Ihrer Lieben und einen guten Rutsch ins neue Jahr!

  1. Othering beschreibt den Prozess, sich selbst und sein soziales Image hervorzuheben, indem man Menschen mit anderen Merkmalen als andersartig, „fremd“ klassifiziert. Es findet also eine betonte Unterscheidung und Distanzierung von „den Anderen“ statt, sei es wegen des Geschlechts, der Religionszugehörigkeit, der ethnischen Zugehörigkeit, der Nationalität, der sozialen Stellung innerhalb einer Gesellschaft, wie z. B. der Klassenzugehörigkeit, der Ideologie, der Spezies oder auch vermeintlicher biologischer Unterscheidungskriterien zwischen Menschen (vgl. Rasse bzw. Rassismus).wikipedia 2014  []
  2. PoC = Person of color (Plural: people of color) ist ein Begriff aus dem anglo-amerikanischen Raum für Menschen, die gegenüber der amerikanischen Mehrheitsgesellschaft als nicht-weiß gelten und sich wegen ethnischer Zuschreibungen („Sichtbarkeit“) alltäglichen, institutionellen und anderen Formen des Rassismus ausgesetzt fühlen wikipedia 2014  []
  3. N-Wort. Ich schreibe das Wort bewusst nicht aus, um zu vermeiden, dass Rassismus reproduziert wird.  []
  4. Stefani Boldaz-Hahn 2010  []
  5. Buchempfehlung: Dayan Koda. „My Black Skin: Schwarz. Erfolgreich. Deutsch.” 2014  []
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8 Kommentare
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  1. Interabang sagt:

    Vielen Dank für den wichtigen Beitrag. Ich bin auch der Meinung, dass in Sachen Informationen/Erkennen von (auch den eigenen Verstrickungen im) strukturellem Rassismus und insb. in der Repräsentation von PoC im Bildungs- und/oder Elementarbereich noch viel zu wenig geschieht.

  2. karakal sagt:

    Übrigens … hat der Prophet Muhammad – Friede sei auf ihm – nach islamischer Überlieferung bei seiner Himmelreise die früheren Propheten – Friede sei auf ihnen – in ihrer menschlichen wirklichen Gestalt gesehen und uns deren Beschreibung überliefert. Danach hatte z. B. Moses keine gerade, sondern eine gebogene Nase, und Jesus eine „rötliche“ Hautfarbe, also etwas leicht getönt, wie das bei den Bewohnern Palästinas normal ist. Die abendländischen Christusdarstellungen mit einem bleichen Körper entspringen westeuropäischen Phantasievorstellungen. Da Adam die Anlagen für alle heutigen Menschenrassen in sich trug, dürfte auch er kaum wie ein heutiger Europäer ausgesehen haben, als der er in der abendländischen Kunst meist dargestellt wird, mit heller Hautfarbe, glattem Haar und sauber rasiert. In einer muslimischen Adam-Darstellung einer Buchmalerei aus der Zeit der Mongolenherrschaft ist er mit leicht getönter Hautfarbe, mongolischer Augenfalte und Bart abgebildet.

  3. Cill sagt:

    Der vorstehende Kommentar ist doch nicht wirklich ernst gemeint oder????

  4. Anja sagt:

    Ein sehr schöner und wichtiger Artikel!!! Ein weiteres Beispiel ist die Bezeichnung eines beigen Buntstiftes als „hautfarben“. Hier z.B. http://www.cchobby.de/colortime-buntstifte-12-stck-hautfarben.aspx oder hier http://www.didagoshop.de/Buntstifte-Filzstifte.Buntstifte-dick-6er-Pack-Nr-09-haut.html

  5. Stoerinstanz sagt:

    Liebe Cill, karakal gibt nur korrekte Tatsachen aus der abendländischen, größtenteils rassistisch geprägten Kunst wieder.warum soll es nicht ernst gemeint sein? Geh in die Berliner Gemäldegalerie und überzeuge dich. Und zu Frau Ogettes Artikel: das Sensibilisieren der Kitas für das Thema ist sicher landesweit, selbst in Metropolen wie Berlin nötig. warum wird meine schwarze Tochter(4,5J.) in Ihrer Zehlendorfer Kita immer öfter von anderen Kindern vom Spiel ausgeschlossen? Und das bei angeblich weltoffenem bilingualem Konzept?

  6. Christoph sagt:

    Ein wirklich sehr gelungener Beitrag

    auch wenn ich kein Kind oder einen direkten Kanal zu diesem Thema habe. Doch ist der dominante Umgang weißer Kinder mit andersfarbigen ganz klar zu erkennen und andersherum ebenso, sobald sich die Mehrheit dreht.
    Die Vorschläge der Autorin, etwa durch einen kleinen braunen Jesus Andersfarbigkeit in die Selbstverständlichkeit zu befördern, nehme ich gerne für mich an.

    In meiner noch anhaltenden Jugend erklärte mir Samy Deluxe mit „Superheld“ das Anderssein und eines Kindes auf sehr eindringliche Weise. Eine Empfehlung meinerseits.

  7. […] “Warum ich für meinen Sohn Weihnachtsfiguren mit dunkelbrauner Hautfarbe bestelle“: Wie Kinder Rassismus erfahren, reproduzieren und verarbeiten,  erzählt Tupoka Ogette beim Migazin. […]

  8. Maja sagt:

    Einer meiner Söhne ist mit seiner dunkleren Hautfarbe in der Pubertät sehr offensiv umgegangen. Wenn ein Lehrer in der Schule zu ihm beispielsweise sagte:“ Bitte leere den Papierkorb.“ dann antwortete er: „Das sagen Sie nur zu mir, weil ich schwarz bin.“ und beobachtete dann amüsiert, ob er den Lehrer in Verlegenheit bringen konnte, um sich vor dem Job zu drücken und das dann auch noch zu Hause humoristisch auszubreiten. Ich war bei den Abi-Zeitungen meiner Kinder immer geschockt, wie vielen Klassenkameraden als Haupteigenschaft meiner Kinder sowas wie Schoko-Cookie einfiel. Irgendwie konnten meine Kinder aber wohl besser damit umgehen (s.o.), als ich mir vorstellte. Der besagte Sohn ist jetzt selbst junger Lehrer und ich glaube „mit allen Wassern gewaschen“ bzgl. solcher Fragen.



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